11.07.2020

„Ich fände eine Berlin-Brandenburg-Liga gut“

Interview mit Zeljko Ristic

Das Wetter passt. Die Sonne scheint vom Himmel über Kroatien, 30 Grad zeigt das Thermometer auf Vis an, eine Insel vor der Küste Dalmatiens, rund 50 Kilometer von Split entfernt. Zeljko Ristic genießt hier seit acht Tagen und noch für zwei Wochen die Ruhe – und die hat sich der vielbeschäftigte Trainer auch verdient. Der 47-Jährige coachte in der vergangenen Saison gleich zwei Mannschaften des Berliner SC, neben den Männern in der Berlin-Liga auch die A-Junioren, die er im Jahr zuvor als Berliner Meister in die Regionalliga geführt hatte.

Und sein Job als Streetworker ist auch nicht ohne. Ristic‘ Wurzeln lagen beim SC Minerva, hier kickte er in der Jugend, war dann Jugendtrainer und bildete hier unter anderem Sejad Salihovic aus. Der viel zu früh verstorbene Michael Wolf, einer seiner besten Freunde, holte ihn zu Hertha BSC, später dann zum Berliner SC. Dazwischen war Ristic noch für Türkiyemspor und den Berliner AK 07 als Trainer im Jugendbereich tätig.

FuWo: Herr Ristic, wie geht es Ihnen gerade?

Zeljko Ristic: „Ausgezeichnet, danke. Ich sitze auf einem Plastikstuhl auf der Insel und genieße die Aussicht und das schöne Wetter. Vor einem Jahr war das anders. Die A-Jugend war aufgestiegen, ich musste mir Gedanken über die neue Saison machen. Und hier war damals auch viel mehr los.“

Wie haben Sie die letzten Monate nach dem Ausbruch des Virus erlebt?

Ristic: „Ich persönlich ganz entspannt. Mir tat die Pause gut, die Dreifachbelastung mit Job und der Trainertätigkeit bei zwei Mannschaften war schon belastend. Für die Spieler war es doof, beide Teams haben eine gute Saison gespielt, und auf einmal war Schluss.“

In Berlin ist die Saison ja längst zu Ende, aber ein Highlight wartet noch auf Sie: das Pokalhalbfinale gegen Viktoria 89, voraussichtlich Mitte August. Wie bereiten Sie die Mannschaft darauf vor?

Ristic: „Wir müssen innerlich glühen, vor allem müssen wir endlich einen richtigen Rhythmus reinbringen. Aber da bin ich ganz zuversichtlich.“

Regionalligist Viktoria ist schon wieder voll im Training. Wie sieht das beim BSC aus?

Ristic: „Wir trainieren auch eifrig, keine Sorge. Die Spieler haben mich genervt, die wollten unbedingt wieder auf den Platz. Durch die Corona-Beschränkungen war zwar kein wettkampfnahes Training möglich, aber wir haben quasi im Schichtsystem auf Abstand trainiert. Auch die aus der U 19 nach oben kommenden Spieler wollten ja beschäftigt werden. Und wir haben einige Testspiele auch in Brandenburg abgemacht, ob die stattfinden können, ist aber noch nicht klar. Da darf zwar voll trainiert werden, ob aber auch ganz normal gespielt werden kann, weiß ich nicht.“

Wie sehen Sie die Chancen gegen den Regionalligisten?

Ristic: „Sehr gut, ich gehe doch nicht in ein Halbfinale, um das zu verlieren. Unser Vorteil ist, dass wir fast keine Fluktuation haben, während sich bei Viktoria die neue Mannschaft erst einmal finden muss. Und der BSC kann Pokal, vor zwei Jahren standen wir im Finale.“

Waren Sie einverstanden mit der Quotientenregelung, nach der schließlich Stern 1900 in die Oberliga aufgestiegen ist und Sparta in die Röhre schaute?

Ristic: „Also: Ich hätte ja die Radikallösung bevorzugt, Abbruch ohne Wertung. Aber wenn schon Aufsteiger, dann doch bitte beide. Sparta hat den besten Fußball gespielt, Stern war die konstanteste Mannschaft. Wenn man eine Umfrage in der Berlin-Liga gemacht hätte, dann wäre die Mehrheit sicher dafür gewesen, dass beide aufsteigen. Aber so etwas wird ja immer an höherer Stelle entschieden.“

Was wünschen Sie sich für den BSC in den nächsten Jahren?

Ristic: „Die Berliner Meisterschaft ist schon ein Ziel, und wir haben ja jedes Jahr eine Mannschaft, die das Potenzial für die vorderen Plätze hat. Spieler wie Louis Arnst, Marvin Schmiege oder Lukas Boateng könnten ganz woanders spielen, sie haben aber ihre Berufe und setzen andere Prioritäten. Ob wir im Fall des Falles einen Aufstieg wahrnehmen würden, kann ich jetzt nicht sagen. Das ist ja auch eine Frage der Wirtschaftlichkeit. Im Übrigen bin ich kein Freund der Oberliga in der jetzigen Form, ich fände eine Berlin-Brandenburg-Liga gut. Was uns im Verein besonders wichtig ist, das ist die Verzahnung zwischen Jugend- und Männerbereich.“

Wie ist der Stand bei der Kaderplanung für die 1. Männer?

Ristic: „So gut wie abgeschlossen. Vom letztjährigen Stamm geht nur Martin Kascha weg (wechselt zu Tasmania, die Red.). Aber der frühere Herthaner ­Bilal Kamiarieh, der zuletzt bei Brandenburg Süd 05 war, und Paul Hock (aus Düsseldorf) kommen zurück nach Berlin. Victor Kausch wechselt von Makkabi zu uns, dazu kommt der aus der Viktoria-Jugend stammende Arnes Gudzevic. Und aus der eigenen Jugend kommen auch ein paar dazu. Hussein Chor hat ja schon in der letzten Saison einige Spiele in der Ersten absolviert und dabei einen starken Eindruck gemacht. Für mich ist er einer der letzten Straßenfußballer in Berlin. “

Der BSC feiert in diesem Jahr seinen 125. Geburtstag. Wie groß darf die Party denn werden in Zeiten von Corona?

Ristic: „Da war ein großes Stadionfest geplant, das fällt nun aber weg. Aber ich werde wohl drei Bier im Vereinscasino umsonst bekommen.“

Was glauben Sie: Wann geht es mit der neuen Saison los?

Ristic: „Ich hoffe, so bald wie möglich, also spätestens Anfang September. Die Vereine nehmen ja auch sozialpädagogische Aufgaben wahr, sind ein wichtiger gesellschaftlicher Faktor. Wir bringen den Jugendlichen Pünktlichkeit bei, der Fußball im Verein bestimmt auch deren Lebensrhythmus. Eine weitere Pause wäre ein echtes Fiasko.“

Interview: Bernd Karkossa

Kommentieren