11.07.2020

„Endlich wieder Berlin-Liga“

Der 1. FC Wilmersdorf wird seiner Favoritenrolle gerecht – Neun Siege in Folge ebnen den Weg

Fotos: Hundt

So spät ist wohl noch niemand Meister geworden. Erst seit dem 20. Juni, als auf dem außerordentlichen Verbandstag der Saisonabbruch entschieden wurde, ist der 1. FC Wilmersdorf der Champion der 1. Abteilung der Landesliga. Da aber nach dem 20. Spieltag keine Partie mehr ausgetragen wurde, kann man auch sagen: Mit so wenig Spielen ist noch niemand Meister geworden – jedenfalls nicht in einer Liga mit 16 Vereinen.

Der 1. FC Wilmersdorf zählte vor der Saison zu den Aufstiegsfavoriten. „Es war von vornherein klar: Mit dieser Mannschaft sollten wir um den Aufstieg mitspielen“, sagt Sportvorstand Timo Szumnarski (41) im Rückblick, und spielt damit auf Cracks wie Kiyan Soltanpour oder Kwasi Stephan Bochie an, die schon höherklassig spielten und über viel Erfahrung verfügten.

Und der Start gelang: Nach 13 Punkten aus fünf Spielen erreichte Wil­mersdorf erstmals die Tabellenführung. Die wurde man aber gleich am 6. Spieltag wieder los, als in einem der kuriosesten Spiele der Saison bei Spandau 06 mit 2:3 verloren wurde. „Wir sind dort überhaupt nicht in die Partie gekommen, waren klar unterlegen und sind trotzdem mit einer 2:0-Führung in die Pause gegangen“, erinnert sich Szumnarski. Doch dann drehte Spandau das Spiel in der zweiten Halbzeit dank dreier Tore des an diesem Tag unwiderstehlichen Burak Salantur. „Ich hätte nie gedacht, dass wir dieses Spiel noch verlieren würden“, kann sich Szumnarski die Stimmung in der Halbzeitpause noch in Erinnerung rufen. Was niemand ahnen konnte: Es sollte die einzige Niederlage der Wilmersdorfer bleiben. Und für Szumnarski hatte sie auch etwas Positives: „Dieses Spiel war der Wendepunkt zum Guten“, erzählt der Sportvorstand. „Es gab danach viele Gespräche und allen war klar, dass das hier kein Selbstläufer wird.“ Bald darauf setzte die Mannschaft zwei Glanzlichter: zunächst ein 5:1 gegen den großen Rivalen Stern Marienfelde und dann ein 2:1-Erfolg beim Topfavoriten BFC Preussen. „Das war vielleicht unsere stärkste Leistung“, bilanziert Szumnarski.

Trainer Timur Binerbay hatte sein Team glänzend eingestellt. Mit frühen Attacken brachte es die Preussen in der ersten Halbzeit völlig aus dem Konzept und lag zur Pause mit 2:0 vorn. Und anders als in Spandau wurde eine solche Führung diesmal nicht verspielt, obwohl die Preussen in der zweiten Halbzeit mächtig aufdrehten. Mehr als der Anschlusstreffer gelang ihnen gegen die starke Abwehrreihe der Wilmersdorfer aber nicht.
Die beiden Erfolge gegen Mitfavoriten waren der Auftakt einer grandiosen Serie von neun Siegen in Folge – die allerdings nicht immer souverän zustande kamen. Das 1:0 beim 1. FC Schöneberg etwa, als man fast durchgehend unterlegen war und nur von einem Geistesblitz Albert Hisenis profitierte, nannte Trainer Binerbay hinterher einen „Schweinesieg“.

Auch im letzten Spiel der Hinrunde gegen den abstiegsbedrohten Friedenauer TSC konnte der 1. FC Wilmersdorf nicht überzeugen und hätte in Rückstand liegen müssen. Doch nachdem Soltanpour nach 69 Minuten das erlösende 1:0 erzielte, gelang am Ende noch ein 3:0-Erfolg.

Wenn man also Spiele gewinnt, die man auch hätte verlieren können, dann hat das schon Meisterpotenzial. Davon wollte Coach Binerbay aber nichts wissen und verwies zu Recht auf die Stärke der Liga. Denn nach neun Siegen in Folge musste Wilmersdorf beim Köpenicker FC zwei Punkte lassen und verlor prompt die Tabellenführung an Verfolger Stern Marienfelde. Eine Woche später holte man sie sich aber nach einem 3:1 gegen Concordia Britz wieder in den Volkspark zurück. Das folgende 4:0 bei Berolina Stralau setzte nochmal ein Ausrufezeichen: Der Meistertitel 2020 führt nur über den 1. FC Wilmersdorf!

Doch dann war coronabedingt Schluss und alles Weitere bleibt denen überlassen, die gerne spekulieren: Hätte es gereicht? „Als Nächstes stand die Partie zuhause gegen die Preussen an. Ich glaube, das wäre das entscheidende Spiel geworden“, sagt Szumnarski.

Dazu kam es nicht mehr und alle Spekulationen sind beendet. Die Saison hatte nur 20 Spiele und zu diesem Zeitpunkt stand der 1. FC Wilmersdorf an der Tabellenspitze. Und ist somit auch verdienter Meister. „Wir sind endlich wieder in der Berlin-Liga“, freut sich Sportvorstand Szumnarski, „und dort wollen wir bestehen.“

Die 65 Tore für den 1. FC Wilmersdorf erzielten:

Soltanpour (30), Gakpeto (12), Hiseni (5), Boachie (4), Baus (3), Baumann (2), Rogoli (2), Ceesay, Fayoumi, Kollotzek, Müller, Yilmaz und Zecha. Hinzu kommt ein Eigentor (Plonitz/Concordia Britz).

Von Hasso Nickelé

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