04.07.2020

„Wille versetzt Berge“

Stern 1900 steigt dank der Quotientenregelung in die Oberliga auf und verweist Sparta auf Rang zwei

Foto: Lehner

Die Meisterfeier fiel bescheidener aus, als es dem Anlass angemessen war. Als beim außerordentlichen Verbandstag am 20. Juni die Entscheidung gefallen war, dass Stern 1900 dank der Quotientenregelung Sparta Lichtenberg hinter sich gelassen, den Titel in der Berlin-Liga und damit den Aufstieg in die Oberliga geschafft hatte, erreichten Klubchef Bernd Fiedler Anrufe im Sekundentakt. Man traf sich zur spontanen Party, um halb neun am Abend war die „Sternstunde“ an der Kreuznacher Straße voll. Auch die 2. Frauenmannschaft und die 2. Männer, die ebenfalls aufgestiegen waren, fanden sich ein, aber die Euphorie in der Vereinskneipe hielt sich in Grenzen.

„Ich hätte die Meisterschaft lieber auf dem Platz gefeiert“, sagt Andreas Thurau, der Erfolgscoach der 1. Männer. „Die Stimmung war nicht überschäumend, letztlich war es ja eher eine Entscheidung am Grünen Tisch“, sagt Fiedler.

Richtig rund war es am 8. März gegangen, als Stern mit 3:0 bei Eintracht Mahlsdorf gewann und dabei grandios aufspielte. Eine echte Sternstunde. Dann kam Corona und sorgte für diese so unerwartete wie besondere Situation. Aber am vergangenen Dienstag traf man sich nochmals, Hans Bierwirth vom Förderverein finanzierte die Party. Und auch wenn sich mancher vielleicht eine andere Entscheidung gewünscht hatte: Schämen mussten sich die „Sterner“ nicht. Im Gegenteil: Die Steglitzer verloren keines ihrer 22 Saisonspiele und haben bis zum Abbruch eine ganz starke Saison gespielt. „Sicher hat Sparta viel Pech gehabt mit der ausgefallenen Partie bei den Füchsen und der Verletzung von Sejdic, aber ich meine: Wir sind zu Recht Meister geworden“, sagt Fiedler.

Rang fünf war es vor zwei Jahren, Bronze vor zwölf Monaten. Beim Trainingslager in Kienbaum vor der Saison sagte Thurau in einer Ansprache, man wolle möglichst weit vorn landen. Dann doch bitte schön ganz oben, rief Fiedler in die Runde. Aber es habe dennoch keinen Druck gegeben, und vielleicht war das genau das richtige Rezept. Die Mannschaft verlor trotz des jungen Durchschnittsalters selten die Ruhe, steckte auch kritische Situationen weg.

Als der langjährige Stern-Spieler Andreas Thurau vor drei Jahren als Trainer an die Kreuznacher Straße zurückkehrte, machte er sich an die Arbeit. Als Spieler ein Filou, durchaus auch mit Flausen im Kopf, aber in der Zwischenzeit als Jugend- und Co-Trainer von Viktoria 89 gereift. Akribisch entwickelte der inzwischen 42-Jährige gemeinsam mit seinem kongenialen Co-Trainer Robert Slotta die Mannschaft behutsam weiter, setzte eine schon einige Jahre zurückliegende Klinsmann-Ankündigung beim FC Bayern im Gegensatz zum Schwaben in die Realität um und machte die Spieler tatsächlich jeden Tag ein bisschen besser. Der vor zwei Jahren gekommene Maximilian Obst war der entscheidende Mann im Mittelfeld, neben ihm wurde Nico Samuel Wobe­ser zum Leistungsträger, in der Abwehr überzeugte Luis Driemel vor dem guten Torwart Simon Slotta.

Bei Stern sind zwei Fachmänner am Werk, und dass Thurau nach wie vor mit dem Ball umzugehen weiß und im Training mitmacht, ist seinem Standing bei den jungen Spielern nicht gerade abträglich. Stern war schwer zu schlagen, in der Liga schaffte das keiner. Aber es war auch immer wieder mal ein Remis dabei, nur am 6. Spieltag stand Stern auf Rang eins, aber entscheidend war eben der 8. März. „Wir haben Geschichte geschrieben“, sagt Thurau. Bernd Fiedler: „Dieser Erfolg ist vergleichbar mit dem vor 20 Jahren, als wir mit André Landt als Trainer in die Verbandsliga aufgestiegen sind. Das war etwas Erhabenes, genau wie jetzt. Wir waren individuell sicher nicht die beste Mannschaft, aber unglaublich geschlossen. Wille versetzt Berge.“ Auf eines legt Fiedler besonders Wert: „In den 25 Jahren meiner Amtszeit gab es gerade mal fünf Trainer.“

Thurau wird im vierten Jahr seiner Amtszeit seiner Linie treu bleiben und weiter vor allem auch auf die Jugend setzen. Von Babelsberg 03, Viktoria 89 und der eigenen Jugend stoßen einige Talente zur Mannschaft, Leonard Kirschner (Füchse) und Anselm Stüker (Türkiyemspor) sind zwei gestandene Neuzugänge. Obst kehrt zu Hertha Zehlendorf zurück, was eine große Lücke reißt. „Maxi ist von der Qualität nicht eins zu eins zu ersetzen, aber ich hoffe, dass Luca Rohr und Oliver Gantz­berg das kompensieren können. Und David Vetter, der lange verletzt war, wird uns sicher auch weiterhelfen.“
Schließlich will Thurau noch eine Botschaft an Sparta loswerden: „Das war extrem für die Lichtenberger. Ich wünsche ihnen für die nächste Saison nur das Beste.“

Die 49 Tore für Stern 1900 erzielten:

Gantzberg (8), Rohr (7), Grabow (5), Cakin (4), Obst (4), Vetter (4), Udeoka (3), Freyer (3), Baasch (2), Medrane (2), Beyer, Özdal, Böhme, Önal, Sternberg, Mattern (je 1). Hinzu kommt ein Eigentor.

Von Bernd Karkossa

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