04.07.2020

„Die Fans lechzen seit 1993 nach einem Titel“

Interview mit Rüdiger Vollborn

Wer als (West-)Berliner Fußball-Talent in den Achtzigern etwas erreichen wollte, den zog es nicht selten in die Bundesrepublik. So auch Rüdiger Vollborn (57), der als B-Jugendspieler mit Blau-Weiß 90 Deutscher Meister wurde und mit 18 Jahren zu Bayer 04 Leverkusen wechselte, am Sonnabend Gegner von Bayern München im DFB-Pokalfinale (20 Uhr, Olympiastadion). Bei der Werkself avancierte der 1,84 Meter große Torhüter in knapp 20 Jahren zum Rekordspieler (401 Bundesligaeinsätze), und gewann als einziger Bayer-Profi sowohl den Uefa-Cup (1988), als auch den DFB-Pokal (1993). Nach seiner aktiven Laufbahn fungierte Vollborn in Leverkusen zunächst als Torwarttrainer (bis 2012), anschließend übernahm er die Position des Fanbeauftragten und – dank seines phänomenalen Fußball-Gedächtnisses – auch die des Vereins-Archivars.

Fußball-Woche: Herr Vollborn, welche Erinnerungen haben Sie an das 1979er Endspiel mit der B-Jugend von Blau-Weiß 90?

Rüdiger Vollborn: „Das Spiel fand im Preussenstadion statt, an der Malteser Straße. Bei Augsburg waren spätere Bundesligaspieler wie Raimund Aumann, Christian Hochstätter, Roland Grahammer und Leo Bunk. Bei uns spielten u. a. Michael Paulick, der später Oberliga gespielt hat, Stefan Brandenburger und Bernd Giersdorf, der leider verstorben ist. Von der FuWo war Manfred Gräf immer dabei: im Trainingslager, im Hotel, mitunter sogar auf der Trainerbank. Der Typ war schon irre. Lebt Rudi Rosenzweig eigentlich noch?“

Leider nein. Wie kommen Sie auf den ehemaligen FuWo-Chefredakteur?

Vollborn: „Er hat sich mal negativ über mich und andere Berliner Talente ausgelassen, weil wir in den Westen gingen statt zu Hertha BSC. Das war für ihn völlig unverständlich, dabei hatte sich Hertha für uns, also zum Beispiel Pierre Littbarski, Thomas Herbst oder mich, nie interessiert. Mein Vater schrieb daraufhin einen Leserbrief, der aber nicht abgedruckt wurde.“

Sie haben hoffentlich auch positive Erinnerungen an die FuWo?

Vollborn: „In den ersten beiden Runden, als wir mit Blau-Weiß um die Deutsche Meisterschaft spielten, war noch Schule. Montags hatte ich in den letzten beiden Stunden Kunst, aber da war ich zu nichts zu gebrauchen, weil ich immer die FuWo gelesen habe. Und im alten VBB-Heim am Wannsee gehörte es zu meinen schönsten Nebenbeschäftigungen, im Archiv der Fußball-Woche zu schmökern. Das hat mir schon immer tierisch Spaß gemacht. Im Grunde bin ich mehr Archivar als Fanbetreuer.“

Mitte der 1980er sollen Sie mit einer Rückkehr zu Blau-Weiß geliebäugelt haben?

Vollborn: „1984/85 lief es in Leverkusen nicht rund. Mein Vertrag lief aus und ich hatte das Gefühl, alles ist eine Nummer zu groß für mich. Bayer war schon fast mit Wolfgang Kneib von Arminia Bielefeld einig, aber Erich Ribbeck, der 1985 Trainer wurde, meinte, er will lieber mit mir arbeiten. Daraufhin hat Bayer meinen Vertrag zu verringerten Konditionen – die damals schon nicht sehr üppig waren – verlängert. Anschließend habe ich mich dann fest gespielt.“

Kann man so sagen: Sie sind Rekordspieler und der einzige Bayer-Profi mit zwei Titeln. Welcher von den beiden ist für Sie wertvoller?

Vollborn: „Der UEFA-Pokal, ganz klar. Dieser 18. Mai 1988 wird in meinem Leben nicht mehr zu toppen sein. Jemand hat mich mal gefragt, wie das ist, wenn der Höhepunkt des Lebens hinter einem liegt. Meine Antwort war: Ich hatte wenigstens einen! Das war einfach der Tag meines Lebens, das wissen auch meine Kinder und meine Frau.“

Und im Finale gegen Herthas Amateure 1993 ging es nur darum, eine Blamage zu verhindern?

Vollborn: „Genau so ist es. Unser Endspiel war eigentlich das Halbfinale in Frankfurt (3:0 für Leverkusen; die Red.). Die Eintracht war zum Zeitpunkt der Auslosung Tabellenführer, eine richtig gute Truppe. Gegen Hertha mussten wir nur hochkonzentriert sein und die Chance nutzen, wenn sie kommt. Hertha hat zwar gut verteidigt, hatte aber null Chancen.“

Was verbinden Sie mit der letzten Leverkusener Finalteilnahme 2009, als Sie Torwarttrainer unter Bruno Labbadia waren?

Vollborn: „Am Tag vor dem Finale hatte Bruno Labbadia ein großes Interview gegeben, das erschien dann am 30. Mai. Darin schoss er querbeet gegen den Verein. Nicht unbedingt der günstigste Zeitpunkt, so kurz vor dem Spiel. Meine Lieblingserinnerung ist aber, wie ich mit René Adler ins Stadion zum Warmmachen gehe und da sind 25.000 Leverkusener in rot-schwarz, das war schon geil. Leider haben wir das Spiel nicht so hinbekommen, wie wir uns das vorgestellt hatten (Werder Bremen gewann 1:0; die Red.).“

Labbadia hat gesagt, er sei als Trainer in Leverkusen zu ungeduldig gewesen?

Vollborn: „Sagen wir mal so: Er hat auf seinen bisherigen Stationen viel gelernt und ist jetzt sicher ein ganz anderer Trainer als damals. Es war für ihn in Leverkusen nicht leicht, aber er hat es sich auch nicht leicht gemacht. Ich glaube, er stand sich manchmal selber im Weg. Wobei es auch Highlights gab, etwa das Pokal-Viertelfinale gegen Bayern München, eines unserer besten Spiele (Bayer siegte 4:2; d. Red.).“

Diesmal wird das Olympiastadion nahezu leer sein. Keine besonders prickelnde Aussicht?

Vollborn: „Das ist einfach nur traurig. Die Leverkusen-Fans lechzen seit 1993 nach einem Titel. Wir waren oft ganz nah dran. Jetzt haben wir endlich wieder einmal die Chance und dürfen, sofern wir das Wunder schaffen und die Bayern schlagen, nicht mal feiern.“

Wie halten Sie die Fans trotzdem bei Laune?

Vollborn: „Euphorie herrscht bei uns im Augenblick verständlicherweise nicht. Wir wünschen uns alle den Titel, aber es wäre natürlich nicht dieser Urknall, der entsteht, wenn man in der 89. Minute das 2:1 schießt und die ganze Kurve ausrastet. Auf dieses Erlebnis müssen wir verzichten, dabei hätte ich es unseren Fans so sehr gewünscht. Das ist bitter, aber wir müssen es nehmen, wie es ist.“

Interview: Alex Heinen

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