27.06.2020

TeBe: Erst Acker, dann Aufstieg

In dieser Woche vor 35 Jahren

Gerd Achterberg macht sich im Vorfeld des Auswärtsspiels gegen den Hummelsbütteler SV keine neuen Freunde. Der Rasen in Barmbek sei ein besserer Kartoffelacker, schimpft der Trainer von Tennis Borussia: „Mir ist unverständlich, wie der DFB eine derartige Spielfläche für die Aufstiegsrunde akzeptieren konnte.“ Nach Anwohnerbeschwerden hatte Hummelsbüttel nicht zu Hause spielen dürfen und war innerhalb Hamburgs ausgewichen.

Finanziell unterstützt von einem Immobilienmakler, war der Aufsteiger in der Oberliga Nord überraschend Zweiter geworden, hat aber in der Aufstiegsrunde zur 2. Liga bisher nichts zu melden: vier Spiele, vier Niederlagen. TeBe dagegen liegt mit 4:4 Punkten ordentlich im Rennen. Aus der Fünfergruppe steigen zwei Teams auf.

Die Rahmenbedingungen in Barmbek sind trist, nur 300 Zuschauer kommen, darunter 50 Fans aus Berlin. Trist ist aus Sicht der Gäste auch das Spiel: Manfred Mannebach (zuvor Profi bei St. Pauli, Rot-Weiss Essen und Rot-Weiß Oberhausen) und der Däne Flemming Nielsen schießen die Tore zum 2:0-Erfolg des Außenseiters. Nach der Pause sieht der Borusse Damir Maricic die Rote Karte. „TeBe stolperte auf dem Acker“, titelt der „Tagesspiegel“ tags darauf.

Hummelsbüttels Trainer Eugen Igel gibt sich nach Abpfiff wenig Mühe, seine Genugtuung zu verbergen. Es geht ihm dabei gar nicht um die Äußerungen über den Platz vor der Partie. „Dieser Sieg freut mich besonders, weil mich geärgert hatte, dass TeBe-Trainer Achterberg im Hinspiel erklärt hatte, wer Hummelsbüttel nicht schlage, der habe es auch nicht verdient aufzusteigen.“ Für Tennis Borussia sieht es jetzt nicht gut aus, man ist nur noch Vierter. Das ist der Stand vom 12. Juni 1985.

TeBe besiegt danach erst den bis dahin verlustpunktfreien Tabellenführer VfL Osnabrück 2:1 und holt anschließend ein 1:1 beim SC Eintracht Hamm. Da sich die Konkurrenten um den zweiten Platz gegenseitig Punkte wegnehmen, ist die Ausgangslage vor dem Spiel gegen Rot-Weiss Essen am 23. Juni eine völlig andere als elf Tage zuvor: TeBe ist mittlerweile Zweiter.

Endlich ziehen auch die Zuschauer mit. Kamen in den ersten drei Heimpartien der Aufstiegsrunde insgesamt nur 6000 Besucher zum Meister der Berliner Oberliga und Gewinner des Paul-Rusch-Pokals, sind es nun immerhin 4500. Im Vergleich ist das immer noch wenig: Osnabrück etwa begrüßte gegen Essen 18.000 Fans.
Mit RWE haben die Veilchen noch eine Rechnung offen. Nicht nur wegen der 1:5-Klatsche im Auswärtsspiel, sondern auch wegen der Vorfälle drumherum. In der Chronik zum 100-jährigen Vereinsjubiläum Tennis Borussias ist zu lesen: „An der Essener Hafenstraße wurden alle Regeln guter Gastgeberschaft missachtet. Spieler, Fans und Funktionäre wurden bepöbelt, Trainer Achterberg auf der Pressekonferenz das Wort abgeschnitten und letztendlich gar des Raumes verwiesen.“

Die Vorzeichen für das Spiel gegen Essen sind klar. Beide müssen im Mommsenstadion auf Sieg spielen, da Hamm, das parallel auswärts gegen Hummelsbüttel antritt, dahinter lauert. Zudem hat TeBe den Nachteil, am letzten Spieltag nicht mehr eingreifen zu können. Uwe Bialon bringt die Gastgeber in der siebten Minute in Führung, nach knapp einer Stunde erhöht Frank Dietrich. Erneut Bialon sorgt gut 15 Minuten vor dem Abpfiff für das 3:0 – der Sieg ist hochverdient.

Und wird noch richtig wertvoll, weil das andere Spiel in Hamburg einen erstaunlichen Verlauf nimmt. Auf dem bei Gastmannschaften wenig beliebten Geläuf in Barmbek – in Berlin inzwischen wahlweise als Acker, besserer Kartoffel­acker oder „Stolperacker“ (FuWo) bekannt – erwischt es erneut einen Favoriten: Hamm geht 0:3 unter. Damit steht TeBe nach vier Jahren Drittklassigkeit als Aufsteiger in die 2. Liga fest.
Abschlusstabelle: 1. VfL Osnabrück 14:2 Punkte/18:5 Tore; 2. Tennis Borussia 9:7/12:12; 3. Rot-Weiss Essen 7:9/18:15; 4. SC Eintracht Hamm 6:10/10:18; 5. Hummelsbütteler SV 4:12/10:18.

Von Sebastian Schlichting

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