01.06.2020

„Wir hängen völlig in der Luft“

Interview mit Wolfgang Wolf

Als die FuWo Wolfgang Wolf (62) am Telefon erreicht, kommt der Sportdirektor und zugleich aktuelle Coach des 1. FC Lok Leipzig gerade nassgeschwitzt vom Joggen. „Ich muss etwas für meinen Astralkörper tun“, scherzt Wolf, der mit 17 Jahren Profi wurde und zwischen 1978 und 1994 rund 400 Spiele für den 1. FC Kaiserslautern, die Stuttgarter Kickers und den VfR Mannheim absolvierte. Einen langen Atem braucht Wolf derzeit auch im übertragenen Sinne, denn noch immer ist nicht endgültig entschieden, ob, wann und wie die Spielzeit 2019/20 für die Leipziger Loksche weitergeht.

Fußball-Woche: Herr Wolf, wie lange wollen Sie bei der Lok noch Sportdirektor und Trainer in Personalunion sein?

Wolfgang Wolf: „Das werden wir entscheiden, wenn es weitergeht. Ich habe mit einigen Trainer-Kandidaten gesprochen und habe mich auch schon für jemanden entschieden. Den werde ich jetzt Vorstand und Präsidium präsentieren, mal schauen, ob er ihnen gefällt.“

Steigt in Leipzig eine Meisterfeier, wenn die Quotientenregel offiziell abgesegnet wird?

Wolf: „Wenn es so kommt, sind wir glücklich, zu feiern gibt es aber nichts. Ich hätte es gerne sportlich ausgetragen. Das letzte Spiel hätten wir am vorletzten Wochenende gegen Altglienicke gehabt: 8000 Zuschauer, die Bude voll. Vielleicht wäre es um nichts mehr gegangen, vielleicht um alles. Das ist es, was ich liebe, aber nicht, wenn Entscheidungen irgendwo am Grünen Tisch getroffen werden.“

Die Lizenz für die 3. Liga steht auch noch aus. Macht Sie das nervös?

Wolf: „Warum sollte mich das nervös machen? Die Auflagen für das Stadion kriegen wir hin, ein Ausweichstadion werden wir auch bekommen. Von daher sehe ich keine Probleme. Aber ich weiß ja nicht mal, ob wir Meister werden? Was wir brauchen, ist Planungssicherheit. Stattdessen sollen wir dem DFB bis zum 20. Juni mitteilen, ob die Stadion-Umbaumaßnahmen fertig sind. Aber bis dahin weiß ich ja nicht mal, in welcher Liga wir spielen? Auch die Vertreter der Regionalliga West wollen sich erst am 20. Juni äußern, wie es bei ihnen weitergeht – was ist denn das für ein Witz?“

Angenommen, Lok Leipzig wird zum Meister gekürt ...

Wolf: „Dann wissen wir trotzdem nicht, ob die Aufstiegsspiele gegen den Westvertreter stattfinden. Wir würden womöglich Geld ausgegeben für die Katz, weil wir in der 4. Liga bleiben. Wo ist da der Plan und die Logik? Deswegen müssen jetzt schnell Entscheidungen gefällt werden. Wir fangen natürlich schon mit dem Umbau an, das wird uns in der Zukunft zugute kommen.“

Wie gestaltet sich aktuell der Kontakt zur Mannschaft?

Wolf: „Das läuft über Whatsapp. Demnächst werden wir uns treffen und dann sehen wir, wie es weitergeht. Wird es über die Quotientenregel entschieden, können wir ins Training einsteigen. Wenn nicht, dann brechen wir die Saison ab und planen anders. Für was sollte ich jetzt trainieren? Die Vereine der 3. Liga setzen Himmel und Hölle in Bewegung, um entweder abzubrechen oder zu spielen, dabei denkt jeder nur an sich. Und je länger die Verbände warten, desto größer wird der Unmut. Soll ich für die dritte oder vierte Liga planen? Mit welchen Verträgen statte ich die Spieler aus? Man hängt völlig in der Luft. Uns bleibt nichts anderes übrig, als abwarten und schauen, was passiert. Anschließend machen wir das Beste draus.“

Was für einen Eindruck hatten Sie von den bisher ausgetragenen Geisterspielen in der 1. und 2. Liga?

Wolf: „Das kenne ich doch aus eigener Erfahrung. Bei Alemannia Aachen hatte ich 2003 das erste Geisterspiel überhaupt (Wolf wurde während der regulär angesetzten Partie als Trainer des 1. FC Nürnberg von einer Stahlkugel aus dem Publikum getroffen; d. Red.) und bei Rostock gegen Dresden saß ich auf der Rostocker Bank (2011 wurde ein Geisterspiel angesetzt, weil es wiederholt zu Auseinandersetzungen beider Fanlager gekommen war; d. Red.).“

Wie haben sie die ungewohnte Atmosphäre damals wahrgenommen?

Wolf: „Das war gespenstisch. In Aachen haben vor dem Stadion Aachener und Club-Fans Rambazamba gemacht, das hat man sogar drinnen gehört. Ansonsten war es wie ein Trainingsspiel, man hat jedes Wort verstanden und ich musste aufpassen, dass ich nicht einschlafe. Bislang gab es einige gute Spiele, allerdings auch reine Freundschaftsspiele, mit kaum Körperkontakt und wenig Zweikämpfen. Das ist auch verständlich, weil die Mannschaften nicht im Rhythmus sind. Was ich erfreulich fand, dass die Fans sich von den Stadien zurückgehalten haben. Aber was ist, wenn es wie in Dresden erneut Corona-Fälle gibt? Ein Gesundheitsamt sperrt die ganze Mannschaft weg, das andere nur einzelne Spieler, je nach Absprache mit dem Verein. Mitunter erscheint mir das etwas willkürlich. Wir können jedenfalls froh sein, dass DFB und DFL das durchziehen wollen. Dass es tatsächlich bis zum Ende klappt, sehe ich noch nicht.“

Ihr Ortsnachbar RB Leipzig hat sich wohl aus dem Meisterrennen verabschiedet. Was fehlt der Nagelsmann-Truppe noch für ganz oben?

Wolf: „Aller Anfang ist schwer. Gegen Freiburg hatten sie Chancen ohne Ende, haben sie aber nicht gemacht, weil der Spielrhythmus fehlt. Es wird ohnehin schwer, den Bayern Probleme zu bereiten, sie haben schon vor Corona ihre Linie gefunden. Trotzdem ist RB eine Mannschaft, die klasse Fußball spielt und die meiner Ansicht nach unter den ersten drei landen wird.“

Am Mittwoch ist Hertha in Leipzig zu Gast. Was ist für die Berliner drin?
Wolf: „Bruno Labbadia hat ein klares Konzept und ist erfahren. Hertha hat Potenzial, sie müssen es nur auf den Rasen bringen. Ich hoffe, dass der Bruno da endlich Konstanz reinbringt. Von der Zusammenstellung gefällt mir die Mannschaft, sie ist schnell und jung.“

Interview: Alex Heinen

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