01.06.2020

„Bei Geisterspielen fällt der Heimvorteil weg“

Interview mit Egon Flad

Stell Dir vor, es ist Derby, und kaum einer geht hin ... Was am Freitag beim Spiel Hertha BSC vs. 1. FC Union (20.30 Uhr, Olympiastadion) aufgrund der Corona-Pandemie eine gesundheitspolitische Notwendigkeit ist, gehörte im West-Berlin der achtziger Jahre zum tristen Profifußball-Alltag, wie sich nicht nur Egon Flad (56) erinnert. Wenn der gebürtige Schwabe zwischen 1984 und 1986 mit Blau-Weiß 90 gegen Hertha oder Tennis Borussia antrat, verloren sich selten mehr als 20.000 Zuschauer in der Charlottenburger Riesenschüssel. Dennoch zählt seine Berliner Zeit – außer für Blau-Weiß (bis 1988) kickte Flad auch noch für TeBe (1992-95) sowie für den FC St. Pauli (1988-90) und Schalke 04 (1990-92) – für den Ex-Mittelfeldspieler (294 Spiele in der 1. und 2. Bundesliga, 25 Tore) zu den intensivsten Erfahrungen seiner Karriere.

Fußball-Woche: Herr Flad, wie wirkt sich die Corona-Krise auf Ihren Alltag als Spielerberater aus?

Egon Flad: „Das macht sich natürlich auch bei uns bemerkbar, alleine durch den Umstand, dass man am Wochenende keine Spiele besuchen kann. Zudem telefoniere ich viel mehr mit meinen Klienten, als normalerweise.“

Wie man hört, sind Sie öfter mal in Berlin?

Flad: „Ich war immerhin sieben Jahre in Berlin, sowohl vor der Wende, als auch danach. Mit Marvin Plattenhardt haben wir einen Herthaner in der Betreuung, auch dadurch bin ich öfter in der Stadt, und zwar immer wieder gerne.“

Mit Blau-Weiß haben Sie sechs Berliner Derbys erlebt: Die ersten beiden gegen Hertha gingen 1984/85 jeweils 0:2 verloren, das Olympiastadion war mit knapp 20.000 bzw. 26.000 Zuschauern nur mäßig gefüllt.

Flad: „Das war das erste Jahr in der 2. Liga, stimmt‘s? Das liegt 35, 36 Jahre zurück, so alt fühle ich mich noch gar nicht. Derbys sind immer etwas Besonderes, und dass wir verloren haben, das ärgert mich heute noch. Aber die Hertha haben wir später ja noch eingeholt.“

Gegen TeBe gelang in der Aufstiegssaison mit 4:0 vor knapp 7000 Fans der einzige Derby-Sieg. Am letzten Spieltag 1985/86 revanchierten sich die Veilchen vor 18.000 Fans mit 2:1, wobei das Ergebnis ohne Bedeutung war: Blau-Weiß stand als Aufsteiger fest, TeBe als Absteiger.

Flad: „Wenige Wochen zuvor hatten wir ein ganz wichtiges Spiel gegen den FC Homburg, da waren es 60.000, leider haben wir verloren (0:2 gegen den späteren Zweitligameister; d. Red.). Nach dem verlorenen Derby gegen TeBe haben wir trotzdem auf dem Platz gefeiert und zum Blau-Weiß-Lied von Bernhard Brink getanzt.“

Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf Ihre Zeit bei Blau-Weiß zurück?

Flad: „Wir Spieler kamen damals aus allen Himmelsrichtungen und durften an dieser sensationellen Entwicklung teilhaben. Ich bin sehr glücklich, diese Zeit miterlebt haben zu dürfen. Wobei die Verhältnisse zu Beginn schon sehr bescheiden waren, wir hatten ja nicht mal eine feste Trainingsstätte. Mitunter mussten wir irgendwo in Mariendorf über einen Zaun klettern, um überhaupt trainieren zu können, außerdem mussten wir unsere Trainingsklamotten selber waschen. Ich teilte mir damals mit Reinhard Mager eine Wohnung, nach dem Training sind wir immer in den Waschsalon, das wäre heute unvorstellbar.“

Nach Herthas Abstieg 1986 in die Amateur-Oberliga wurde über eine Wachablösung im Berliner Fußball spekuliert.

Flad: „Eine Ablösung schien tatsächlich möglich, plötzlich war auch das Olympiastadion voll. Allerdings hat Blau-Weiß 90 ein gewisses Fundament gefehlt, der Klub war nicht so fest verwurzelt, hatte keine gewachsene Fangemeinde in der Stadt.“

Mit TeBe sind Sie 1993 in die 2. Liga aufgestiegen. Allerdings nur deshalb, weil Union die Lizenz verweigert worden war. Haben Sie das als Makel empfunden?

Flad: „Dadurch, dass wir es sportlich nicht geschafft hatten, war es schon sehr holprig. Die Entscheidung hatte sich ja eine Weile hingezogen und als Union die Lizenz letztendlich verweigert wurde, waren wir schon im Urlaub.“

Wie wird sich die aktuelle Krise auf den Fußball auswirken?

Flad: „Das wird spannend sein, zu beobachten, wobei jede Krise auch Chancen bietet. Im Sommer werden vermutlich eine Menge Spieler zusätzlich auf den Markt drängen bzw. in die Arbeitslosigkeit fallen. Zusätzlich rücken viele U-19-Spieler aus den Nachwuchsleistungszentren nach, die das Angebot weiter erhöhen. Welche konkreten Auswirkungen damit verbunden sein werden, lässt sich jetzt noch nicht sagen.“

Am Wochenende hat die Bundesliga wieder Fahrt aufgenommen. Die richtige Entscheidung?

Flad: „Nach so langer Abstinenz freut man sich sogar auf Geisterspiele. Natürlich geht es auch um Wirtschaftlichkeit, für einige Klubs sogar ums Überleben. Ich hoffe, dass man die Saison gut über die Runden bringt, nicht zuletzt, um die vielen Arbeitsplätze zu sichern.“

In Herthas Aufsichtsrat gibt es mit Marc Kosicke und Jens Lehmann zwei neue Gesichter. Während Kosicke als gute Wahl gilt, wird Lehmann eher kritisch beurteilt.

Flad: „Mit Jens Lehmann habe ich bei Schalke 04 zusammengespielt. Er war damals schon sehr zielorientiert. Ein cleverer, smarter und sehr ehrgeiziger Spieler, nicht umsonst hat er diese Karriere hingelegt. Das war eine gute Entscheidung, ihn in den Aufsichtsrat zu berufen, er wird bestimmt eine Bereicherung für Hertha sein.“

Wie wird sich der Geisterspielmodus auf den Rest der Saison auswirken?

Flad: „Es wird die eine oder andere Überraschung geben. Wir haben mit Blau-Weiß gewissermaßen schon damals Geisterspielerfahrung gesammelt, als wir vor 2000 Zuschauern gespielt haben. Später, mit 50.000 Fans, das war schon beim Einlaufen eine vollkommen andere Situation.“

Für wen wird das leere Olympiastadion am kommenden Freitagabend von Vorteil sein?

Flad: „Der Heimvorteil fällt zwar weg, aber ich sehe die Hertha individuell etwas besser besetzt und daher trotzdem leicht im Vorteil.“

Interview: Alex Heinen

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