05.04.2020

Meisterstück der Youngster

In dieser Woche vor 60 Jahren

Es geht um ein Juniorenturnier, um eine „Schau der Talente“, wie die Fußball-Woche schreibt. Acht Landesverbände schicken ihre besten Nachwuchskicker in der ersten Aprilwoche 1960 für ein einwöchiges Turnier hierher. Aber es geht in dieser Zeit in Berlin – knapp anderthalb Jahre vor dem Mauerbau – auch immer um Politik.

In der großen Vorschau steht daher der Teil zur Form der Berliner Auswahl hinten im Text, zuvor heißt es in der FuWo: „In Hannover, Bremen, Hamburg, Köln, Hamburg, Düsseldorf oder Dortmund merken die Junioren kaum etwas von der unseligen Trennung unseres Vaterlandes, hier in Berlin aber treffen sie überall auf Spuren und Zeugen der Spaltung.“ Anschließend folgt die Empfehlung an die Gäste: „Junioren, fahrt ruhig einmal in den Ostsektor. Noch wird das ja von den sowjetzonalen Grenzsoldaten geduldet.“ Die Jugendlichen sollen sich „drüben“ mit offenen Augen umsehen, um den Unterschied „zwischen dem Westen und der sogenannten DDR“ zu erkennen.

Für die Organisatoren bedeutet das Turnier eine Mammutaufgabe. Auf insgesamt 13 Plätzen finden Spiele statt.

In der Sömmering­straße, am Maybach­ufer und in der Ullsteinstraße genauso wie beispielsweise im Ernst-Reuter-Sportfeld und auf dem Hertha-Platz am Gesundbrunnen, kurz Plumpe. An drei Tagen gibt es zeitgleich je vier Spiele, die Gruppensieger erreichen das Finale. Zusätzlich sind in der Woche zwei Partien zwischen Berlin und London angesetzt. Der Eintritt beträgt pro Spiel 50 Pfennig für Erwachsene und 20 Pfennig ermäßigt.
Sportlich stehen die Turnierbegegnungen auf einem Niveau, das selbst in der Vertragsliga nicht alle Tage zu sehen ist. Berlin startet an einem sonnigen Sonntagvormittag im Friedrich-Ebert-Stadion vor 1500 Zuschauern gegen Niedersachsen. Horst Lunenburg (VfB Hermsdorf, später beim Spandauer SV, Tennis Borussia und mit Wacker 04 in der 2. Liga) und Michael Krampitz (Hertha 03, als Erwachsener mit Bundesligaeinsätzen für Hertha BSC) sorgen beim 2:0 für die Tore.

Auch unter der Woche gegen Bremen (2:0/2000 Zuschauer, Osloer Straße) und Westfalen (4:2 vor 2500 Zuschauern, Wrangelstraße) gibt es Siege – die Auswahl von Trainer Jupp Schneider erreicht das Endspiel gegen die Mannschaft aus dem Rheinland.

An den spielfreien Tagen ist ein jüngeres Berliner Team gegen London aktiv, beide Male heißt es 0:0. Zum ersten Spiel ins Stadion Neukölln kommen ebenfalls 2000 Besucher. Die FuWo schreibt von den „größten Tagen des Berliner Jugendfußballs nach Kriegsende“.

Im Finale des Länderturniers sieht es für die Gastgeber, bei denen der spätere Nationalspieler Bernd Patzke (Minerva 93) mitspielt, zunächst nicht gut aus: Rheinland führt Mitte der ersten Hälfte 2:0. Doch Klaus Scheinig von Hertha BSC und Siegfried Ochod (SC Staaken) sorgen vor 3500 Zuschauern für den Ausgleich. Die Verlängerung wird zur Kraftfrage: Wer kann im vierten Spiel binnen sieben Tagen noch etwas drauflegen? Die Berliner, für die Scheinig das Tor zum 3:2-Endstand erzielt. Da fällt nicht mehr ins Gewicht, dass Krampitz danach einen Foulelfmeter verschießt.

Die Fußball-Woche schreibt vom „Meisterstück der Berliner Youngster“ und blickt voller Optimismus in die Zukunft: „Dieser schöne Erfolg ist gewiß kein Zufall, sondern der erste sichtbare Beweis für die systematische Schulung des Fußball-Nachwuchses durch zahlreiche vom VBB besoldete Jugendtrainer. Eine einzigartige Nachwuchsförderung in Deutschland!“

Berlin spielte im Finale mit: Cieslik (Spandauer BC); Voß (SC Staaken), Patzke (Minerva 93); Michaelis (Brandenburg 92), Hoppe, Ochod (beide Staaken); Förster (Westend 01), Lunenburg (VfB Hermsdorf), Scheinig (Hertha BSC), Krampitz (Hertha 03), Holland (Kickers 1900). Eingewechselt: Ehl (Hertha 03), Erdmann (Lichterfelder SU).

Von Sebastian Schlichting

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