24.01.2020

Rebell am Ball

In dieser Woche vor 25 Jahren

Sein Markenzeichen, den aufgestellten Trikotkragen, krempelte er nach der Hinausstellung im Spiel gegen Crystal Palace wieder um. Éric Cantona hat in seiner Karriere die französische und englische Meisterschaft mehrmals gewonnen – zusätzlich noch zweimal den FA-Cup. Vor 25 Jahren ersparte dieser sportliche Erfolg dem Publikum aber nicht den erneuten Auftritt des Franzosen als „Bad Boy“ mit Gespür für das Besondere. Im Trikot mit der Rückennummer 7 von Manchester United gab er am 25. Januar 1995 seinem Ruf als „Enfant terrible“ eine besondere Beigabe. Die Rückennummer hatte vor ihm bereits ein anderer mit der Neigung zu Genie und Wahnsinn getragen: Der begnadete Nordire George Best, wohl der erste Popstar bei Manchester. Dieser sogenannte fünfte Beatle hatte aber noch eher die Neigung zu Wein, Weib und Gesang; ein Goldfasan.

Der Blackout des „King Éric“ blieb nachhaltiger in Erinnerung als alle seine Erfolge: Am Rande des Spiels gegen Crystal Palace trat er nach seinem Platzverweis in Kung-Fu-Art einen Zuschauer, der ihn bespuckt und beleidigt hatte. Der genaue Wortlaut ist nicht überliefert. Später soll der Franzose sogar bedauert haben, nicht stärker zugetreten zu haben.

Zur Legendenbildung um seine Person beigetragen hat die grobe Unsportlichkeit, für die er acht Monate gesperrt wurde, aber auch sein überraschend frühes Karriereende. Bereits im Mai 1997 tritt Éric Cantona zurück – da ist er erst 30. Die französische Auswahl wird 1998 Weltmeister. Dafür sagte Cantona in einer Pressekonferenz nach dem 25. Januar seinen, vielleicht einstudierten, berühmten Satz: „Die Möwen folgen dem Kutter, weil sie glauben, dass die Sardinen ins Meer geworfen werden.“

Wie schaffte es dieser Angeber mit dem hochgestellten Kragen zum Publikumsliebling? Anhänger haben ihn zum wichtigsten Spieler des 20. Jahrhunderts für Manchester United gewählt. Fast so, als hätte es Europas Fußballer des Jahres, „Bobby“ Charl­ton, nie im Dress von „Man United“ gegeben. Der war 1966 Weltmeister im Finale von Wembley geworden. Diesen Titel konnte Cantona in seiner Karriere für die französische Nationalmannschaft (45 Spiele, 20 Tore) nicht seiner Sammlung hinzufügen.

Wieso suchen sich Sportler wie er nicht die Einzel-Kampfsportarten? Sie hätten doch beim Boxen, Ringen oder sogar beim American Football genügend bessere Gelegenheiten für Körperkontakte, Kraftmeierei und Männlichkeitsrituale als im Fußball. Könnte es sein, dass sie im Innersten Angsthasen sind? Warum kratzt derartige Unfairness auch bei den Diven Zinédine Zidane (der Kopfstoß) und Zlatan Ibrahimovic (ungezählte Kick-Box-Einlagen) so wenig an der Popularität? Éric Cantona dürfte sich diese Fragen vor der Attacke auf einen der sonst anonym auftretenden Schreihälse kaum gestellt haben. Als impulsiv bekannt, gab es eben keinen Halt nach seiner ­Hinausstellung auf dem Höhepunkt der Karriere.

Diese fand ihre Fortsetzung auf der Leinwand und beim Beachsoccer. Hier gab es 2005 doch noch einen Triumph als Spielertrainer bei der Weltmeisterschaft in Rio de Janeiro. Der englische Regisseur Ken Loach holte ihn 2009 für seinen Film „Looking for Eric“ vor die Kamera. Nein, das stimmt nicht ganz: Die Idee zur herrlichen Tragikomödie aus dem britischen Arbeitermilieu soll Loach zufolge von Cantona selbst stammen. Sein besonderes Verhältnis zu den United-Anhängern habe der streitlustige Superstar dadurch zum Ausdruck bringen wollen. Einige Originalszenen mit Toren des Sonderlings sind darin zu bewundern. Der legendäre Tritt ist nicht dabei. Dafür hilft der ehemalige Stürmer als Phantasiegestalt dem alkoholabhängigen Hauptdarsteller mit sehr ruhig vorgetragenen Lebensweisheiten wieder ein Stück zurück in den Alltag. Ob Cantona, der 2012 als Moderator in einer TV-Dokumentation „Rebellen am Ball“ auftrat, sich auch im wahren Leben noch spät vom Saulus zum Paulus wandelte, ist nicht bekannt. Schauspieler ist der inzwischen 53-Jährige geblieben.

Von Frank Toebs

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