06.12.2019

2200 D-Mark Fernsehgeld

In dieser Woche vor 60 Jahren

Albin „Sprotte“ Neuendorf ist sauer. „Sollen mich die Kollegen, die sich stets so warm für das Fernsehen einsetzen, für weltfremd halten“, schreibt der Chefredakteur der Fußball-Woche am 7. Dezember 1959, „für den Fußball taugt es nichts, es hält nur die Besucher ab“. „Sprottes“ Unmut richtet sich gegen die Live-Übertragung des Spitzenspiels der Berliner Vertragsliga zwischen Hertha BSC und Tasmania 1900. Dafür wurde die Partie auf dem Hertha-Platz am Bahnhof Gesundbrunnen eigens auf den Sonnabend vorgezogen. Gegen den Willen beider Vereine, die sich im Vorfeld des Spiels wegen der zu erwartenden Mindereinnahmen vergeblich gegen die Übertragung gewehrt haben.

Die Befürchtungen bestätigen sich: Nur 7000 Zuschauer kommen. Zum Ärgernis auch von „Sprotte“ Neuendorf. „Hätten die Fernsehmänner ihre Kameras an der ‚Plumpe‘ nicht aufgebaut, wahrscheinlich hätte es am Bahnhof Gesundbrunnen auch nicht die winzigste Lücke in der Zuschauerkulisse gegeben“, schreibt er. „Die Leidtragenden sind die beiden Spitzenvereine Hertha BSC und Tasmania gewesen. ... Sie können sich nicht erlauben, wenn sie gegeneinander spielen, auf 10.000 Besucher zu verzichten, die ihnen das Fernsehen abspenstig macht. Genau diese Zuschauerzahl fehlte am vergangenen Sonnabend am Gesundbrunnen.“

Nur jeweils 2200 D-Mark erhalten beide Vereine von den insgesamt 8000 Mark, die das Fernsehen für die Übertragung eines Vertragsliga-Spiels zahlt, jeweils 400 Mark gehen an die neun anderen Berliner Stadtliga-Klubs. FuWo: „Wenn der Vertrag, den der DFB mit dem Fernsehen für zwei Jahre abgeschlossen hat, abgelaufen ist, sollte man sich in Frankfurt überlegen, ob es nicht doch besser wäre, von Direktübertragungen abzugehen. ... Ansonsten sind wir zufrieden, dass wir (Berlin; die Red.) nicht allzu oft rankommen.“ Denn, so „Sprotte“: „Ein Fußballspiel braucht Atmosphäre, die Atmosphäre bringen die Zuschauer.“

Einen Seitenhieb bekommt auch noch der Bundestrainer ab: „Wenn Herberger sich tatsächlich die Zeit genommen hat, auch einmal die Übertragung eines Berliner Meisterschaftsspieles mit anzusehen, dann muß ihm aufgefallen sein, daß Helmut Faeder nicht nur im Berliner, sondern auch im deutschen Fußball eine Ausnahmeerscheinung ist. Das wäre für uns das einzige Positive dieser Fernseh­übertragung.“

Faeder ist es auch, der die Partie „durch ein Klassetor des Klassestürmers“ für Hertha BSC entscheidet (55.). „Das Spiel hätte ebenso gut unentschieden ausgehen können, wenn Tillich (Herthas Torhüter; die Red.) nicht kurz vor Schluß einen Bombenschuß von Neumann aus kürzester Entfernung mit seinen eisenharten Fäusten ins Feld zurückgeboxt hätte“, heißt es im Spielbericht der FuWo.

Richtigen Ärger gibt es am Nikolaustag bei einem der vier Sonntagsspiele auf dem für seine heißblütigen Zuschauer bekannten SSV-Platz an der Neuendorfer Straße. „Dem Fußballsport ist gestern in Spandau Gewalt angetan worden“, entrüstet sich die FuWo am 7. Dezember. Was ist passiert? „Die NNW-Mannschaft, vom Ehrgeiz beseelt, übertrieb die Härte und einige Spieler schlugen in nicht zu verantwortender Weise über die Stränge. Schiedsrichter Giese ließ viel zuviel durchgehen“, schreibt Hans Uhlich in seinem Spielbericht.

Kurz vor dem Ab­pfiff spitzt sich die Lage zu, als der SSVer Rösler unglücklich mit NNW-Verteidiger Wadas zusammenknallt. „Es krachte, als sei ein Lattenzaun durchgebrochen.“ (FuWo). Mit einer Fraktur des rechten Schienbeins wird Rösler vom Platz getragen. Die Zuschauer sind außer sich. Und als Helmut Jonas, der 35-jährige Routinier und 46-malige Stadtauswahlspieler von NNW 98, sich am Spielfeldrand auch noch mit dem Publikum anlegt und an die Stirn tippt, nimmt die Randale ihren Lauf. „Einige hundert Jugendliche stürmten das Feld. Polizisten mußten den Schiedsrichter schützen, und auch die NNW-Spieler hatten Mühe, ungeschoren in ihre Kabine zu kommen.“ Dass der Spandauer SV den Aufsteiger mit 3:1 (1:1) besiegt und auf Platz zwei (19:9 Punkte) hinter Hertha BSC (20:10) vorrückt, ist da nur noch eine Randnotiz.

Zu Ausschreitungen kommt es im Spätherbst 1959 aber nicht nur in Berlin. Im Westen muss berittene Polizei beim Spiel Westfalia Herne gegen Schalke 04 dem Schiedsrichter „den Weg durch eine entfesselte Menge bahnen“ (FuWo). Und nach der Partie Eintracht Frankfurt gegen SSV Reutlingen im Süden „versetzten ein paar Wildgewordene dem Unparteiischen Fußtritte, auch hier bewahrte die Polizei den ‚schwarzen Mann‘ vor schwerem Schaden“. Kommt einem irgendwie bekannt vor...

Von Horst Bläsig

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