16.11.2019

Dreifach-Polster gegen die DDR

In dieser Woche vor 30 Jahren

Damit kann bei der Spielplangestaltung niemand ernsthaft gerechnet haben, was das für ein historisches Wochenende wird. Nachdem sich am 9. November 1989, es ist ein Donnerstag, völlig überraschend die Mauer öffnet, steht im Osten Deutschlands lediglich ein Spieltag in der zweitklassigen DDR-Liga bevor. Der 1. FC Union zum Beispiel muss nach Greifswald, wo es bei der Betriebssportgemeinschaft KKW (das steht für Kernkraftwerk) ein eher mageres 1:1 gibt und es am Saisonende nicht reicht für den Aufstieg in die Oberliga, weil der FC Vorwärts Frankfurt (Oder) Staffelsieger wird und aufsteigt.

Anders ist es im Westen Berlins, wohin die Leute aus dem Ostteil in Massen eilen. Es gibt eine regelrechte Völkerwanderung ins Olympiastadion, wo im Spitzenspiel der 2. Bundesliga Hertha BSC auf Wattenscheid 09 trifft, auch nur 1:1 spielt, im Unterschied zu den Eisernen am Ende aber mit den Wattenscheidern gemeinsam aufsteigt. Dieses Match werden weder Spieler noch Anhänger je vergessen. Während die Zuschauerzahlen zu den Hertha-Heimspielen in diesem Herbst oft nur vierstellig sind, strömen an diesem Sonnabend 44.174 in die Riesenschüssel.

Zwar haben die Blau-Weißen schon im Vorfeld 30.000 Karten zu einem Festpreis an mehrere Autohäuser verkauft, kurzfristig aber werden 10.000 Freikarten für DDR-Bürger ausgegeben. Als das nicht reicht, dürfen die übrigen aus dem Ostteil gekommenen Zuschauer auch noch gratis ins Stadion, sodass die Zuschauerzahl eher bei rund 60.000 liegt.

Die DDR-Oberliga spielt derweil nicht, denn das Finale in der WM-Qualifikation steht unmittelbar bevor. Es ist für die Mannschaft von Trainer Eduard Geyer nicht irgendein Länderspiel, es ist ein richtig wichtiges und dazu eines, das zu gewinnen sie sich durchaus zutraut. Ein Sieg, selbst ein Unentschieden genügt schon und ein Traum würde wahr werden, die zweite WM-Teilnahme nach 1974, nämlich die für das Endturnier 1990 in Italien, wäre perfekt.
Mit einem furiosen Zwischenspurt haben sich Matthias Sammer und Andreas Thom, Rico Steinmann und Thomas Doll, Ulf Kirsten und Kapitän Ronald Kreer in eine noch vor Wochen kaum für möglich gehaltene komfortable Situation gebracht. Ein 3:0 in Reykjavik gegen Island, vor allem aber ein 2:1 gegen Gruppenfavorit Sowjetunion in Karl-Marx-Stadt, als Thom und Sammer in den letzten Minuten aus einem 0:1-Rückstand einen Sieg machen, lässt die Tür auf den Apennin offen.

Jetzt also, am 15. November 1989 in Wien, ist die große Chance da. Das Praterstadion ist mit 55.000 Zuschauern rappelvoll. Wenn da nur nicht ein Umstand wäre, mit dem vor einer Woche noch niemand rechnen konnte: Die Berliner Mauer ist offen und damit ist eben alles ganz anders.

Auch wenn viele meinen, damit sei die Konzentration auf dieses wichtige Match verlorengegangen und die Spieler hätten sich nur noch damit beschäftigt, einen möglichst lukrativen Vertrag in der Bundesliga zu bekommen, ist die Stimmung in der Mannschaft eine andere. Dafür sorgt schon der Trainer, denn Eduard Geyer ist der Ehrgeiz in Person. Der knallt regelrecht dazwischen, wenn auch nur das winzigste Detail nicht funktioniert. Allerdings gibt im Nachhinein auch er zu, dass Spielerberater das Mannschaftshotel nur so belagert haben sollen und einige von ihnen während des Spiels sogar im Innenraum aufgetaucht seien.

Am Ende ist die Ernüchterung groß und der Frust sitzt tief. Erstens, weil der polnische Schiedsrichter Piotr Werner eine miserable Leistung abliefert, zweitens aber auch, weil die Spieler längst nicht das abrufen, wozu sie in den Spielen davor in der Lage waren. Außerdem stiehlt ihnen allen ein ehemaliger Stürmer der Wiener Austria, der seine Tore gerade für den FC Sevilla schießt und der später Karriere beim 1. FC Köln und bei Borussia Mönchengladbach macht, die Show: Anton „Toni“ Polster. Keine zwei Minuten sind gespielt, da erzielt er Österreichs 1:0-Führung, mit einem Elfmeter zum 2:0 (23.) sorgt Polster beizeiten für die Vorentscheidung. Nachdem Steinmann kurz vor der Pause mit einem Elfmeter an Österreichs Torhüter Klaus Lindenberger scheitert und damit die nur noch leise Hoffnung auf ein Wunder schwindet, bindet Polster mit seinem dritten Tor zum 3:0 (61.) den Sack endgültig zu.
Dabei hätte ein Anschlusstor manches glattbügeln können. Die Österreicher hätten womöglich Nervenflattern bekommen und die DDR-Mannschaft Aufwind. Schließlich hat es zuvor ja auch gegen die UdSSR geklappt mit einem Schlussspurt. Wer weiß …

Dann aber ist die große Chance vertan, vielleicht auch leichtfertig verspielt. Oder ist es eine Sache der Nerven, der völlig neuen Situation, der keiner so recht gewachsen ist? „Die Spieler waren mit ihren Gedanken doch längst schon woanders“, will Geyer wissen, „der Mauerfall ist für uns, für die Mannschaft, vier Wochen zu früh gekommen.“ Für den Trainer ist es noch immer auch eine Sache des Schiedsrichters. „Wir sind schon echt beschissen worden“, sagt Geyer noch heute, „obwohl wir verloren haben, waren wir die bessere Mannschaft. Die Situation für mich als Trainer war bedrückend und ziemlich schwierig.“
Es war für die meisten Spieler die erste und einzige Möglichkeit, zu einer WM-Endrunde zu kommen, denn im Sommer 1990, als das Turnier in Italien ausgetragen wird, ist die deutsche Einheit noch nicht vollzogen und der Deutsche Fußball-Verband der DDR (DFV) noch nicht in den Deutschen Fußball-Bund (DFB) integriert. Später ist eine WM-Teilnahme lediglich Ulf Kirsten (1994, 98) und Matthias Sammer (1994) gelungen. Auch für Geyer blieb dieses Ziel unerfüllt. „Das wäre natürlich was Großes gewesen“, hat er einst gesagt, „das schaffst du als Trainer nicht so oft.“

Von Robert Klein

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