08.11.2019

Pommern kommt zum VBB

In dieser Woche vor 90 Jahren

Eine Reichsliga soll kommen – eine nationale Eliteklasse, wie sie in England und Schottland schon lange existiert und in anderen europäischen Ländern immer mehr zur Selbstverständlichkeit wird. Im Deutschland der Weimarer Republik ist man noch nicht so weit. Doch im Herbst 1929 veröffentlicht der DFB-Spielausschuss unter dem Titel „Visionen“ eine Bekanntmachung, nach der 24 Vereine für eine (zweigleisige) deutsche Eliteklasse vorgesehen sind.

Aus Berlin-Brandenburg gehören Hertha BSC und Tennis Borussia dazu. Süddeutschland stellt mit acht Klubs das stärkste Kontingent: Eintracht Frankfurt, der FSV Frankfurt, die SpVgg Fürth, der 1. FC Nürnberg, Bayern München, der FC Wacker München, der Karlsruher FV und die Stuttgarter Kickers sind die Reichsliga-Kandidaten. Fünf kommen aus Westdeutsch­land: Schalke 04, Duis­burger Spiel-Verein, Fortuna Düsseldorf, SpVgg Köln-Sülz 07 (geht später in der Fusion zum 1. FC Köln auf) und VfR Köln. Holstein Kiel, der Hamburger SV und Altona 93 heißen die Anwärter aus Norddeutschland, Dresdner SC, VfB Leipzig und GutsMuts Dresden 02 die aus Mitteldeutschland, Breslauer SC 08 und Breslauer Sportfreunde die aus Südostdeutschland. Der Stettiner SC 08 aus dem Baltenverband komplettiert das 24er Feld.

Die Pläne werden im Deutschen Reich nie realisiert. Mit der Machtergreifung der Nazis 1933 sind sie kein Thema mehr. Statt der Reichsliga werden 16 regionale Gauligen installiert. Eine Eliteklasse, die Bundesliga, wird erst 34 Jahre nach den „Visionen“ des DFB-Spielausschusses Wirklichkeit.

Dennoch kommt im Herbst 1929 Bewegung in den Spielbetrieb. „Pommern zum Anschluss an den VBB bereit“, lautet die Überschrift eines Zweispalters in der „Fußball-Woche“ vom 4. November 1929. Berichtet wird über ein Treffen von Verbandsvertretern aus Berlin und Pommern tags zuvor in Stettin. Das Ergebnis: Vier pommersche Bezirke des Baltenverbandes im Nordosten Deutschlands (Stettin, Vorpommern, Gollnow und Köslin) wollen sich dem Verband Brandenburgischer Ballspielvereine (VBB) anschließen. „Die vier genannten Bezirke umfassen 164 Vereine mit rund 15.100 gemeldeten Mitgliedern“, schreibt die FuWo und ergänzt: „Schneidemühl hat vom Balten­verband bisher noch keine Genehmigung zum Anschluss an den VBB.“

Vom Gebietszuwachs verspricht sich der VBB nicht nur mehr Einfluss und eine stärkere Position im DFB. Die Verzahnung des westlichen Pommerns mit dem Spielbetrieb von Berlin-Brandenburg soll auch die Entwicklung des Fußballs in der Provinz fördern. „Wenn Pommern dem VBB angegliedert wird, ergeben sich verlockende Möglichkeiten einer Neuordnung des Spielbetriebes“, schreibt die FuWo in ihrer B-Ausgabe am 6. November 1929. „Die besonders schlechten Spielbetriebsverhältnisse in unserer Uckermark und Neumark könnten wesentlich verbessert werden. (...) Heute leidet der VBB schwer darunter, daß alles um Berlin kreist, daß Berlin das einzige Zentrum ist, daß wir keine anderen größeren Städte oder wenigstens bedeutendere Mittelstädte genug haben. Der Anschluß Pommerns würde die Situation wohltuend ändern.“

Da die Lausitz mit Cottbus und Forst zu jener Zeit gemeinsam mit Schlesien den Südostdeutschen Fußball-Verband (SOFV) bildet, sind dem VBB Städte wie Stralsund und Greifswald, aber vor allem die pommersche Metropole, die Hanse- und Hafenstadt Stettin (Einwohnerzahl 1930: 271.000) willkommen.

Am 18. Januar 1930 treten die Kreise Stettin, Gollnow und Vorpommern-Rügen offiziell dem VBB bei, während die Kreise Schneidemühl und Köslin (wie 1929 schon der hinterpommersche Kreis Stolp) dem Bezirk Grenzmark im Baltenverband zugeordnet werden. Zur Saison 1930/31 startet der gemeinsame Spielbetrieb im VBB. An der Vierer-­Finalrunde um die VBB-Meisterschaft nehmen nun die beiden Oberliga-Staffelsieger aus Berlin (Hertha BSC/Gruppe A, Tennis Borussia/Gruppe B), der Meister Pommerns (Polizei SV Stettin) und der Berliner Pokalsieger (BSV 92) teil. Die Stettiner zahlen Lehrgeld, kommen nur beim BSV 92 zu einem Achtungserfolg (2:2) und werden mit 1:11 Punkten Letzter.

Daran ändert sich auch 1932 und 1933 nichts. In der Dreier-Runde mit Minerva 93 und Tennis Borussia gelingt dem Stettiner SC 08 (1:7 Punkte) 1932 ebenso nur ein Unentschieden (2:2 bei TeBe) wie 1933 in der Vierer-Runde mit Hertha BSC, Viktoria 89 und dem BSV 92 (2:2 zu Hause gegen die Störche).

Von Horst Bläsig

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