20.09.2019

Abstieg und Rote Laterne

In dieser Woche vor 50 Jahren

Erst himmelhoch jauchzend, nur eine Saison später zu Tode betrübt und nicht fassend, was in der Spielklasse tiefer für sportliche Gefahren lauern. Es ist immer wieder frappierend, wie rasend es nach einem Höhenflug mit dem Abrutschen gehen kann. Es passiert sozusagen im Schnelldurchlauf.

Während in der Bundesliga 1969 der 1. FC Nürnberg als Titelverteidiger sensationell absteigt, erwischt es im Osten Deutschlands den 1. FC Union Berlin, wenngleich nicht ganz so spektakulär. Allerdings haben die Köpenicker gleichfalls einen Titel zu verteidigen, den Sieg im FDGB-Pokal von 1968. Dass sie dabei beizeiten aus dem Rennen sind, ist für einen Cup-Wettbewerb nicht einmal sonderlich überraschend. Dass die Männer aus der Wuhlheide aber ein Jahr nach dem großen Coup als Oberliga-Vorletzter neben Schlusslicht 1. FC Lokomotive Leipzig zu den Absteigern gehören, ist durchaus ein Hammer. Entscheidend für den tiefen Fall ist die miese Heimbilanz. Bei drei Siegen und vier Unentschieden holen die Rot-Weißen in der Alten Försterei lediglich zehn Punkte.

Doch es kommt nach dem Abstieg noch viel schlimmer. Zwar ist Trainer-Idol Werner Schwenzfeier durch Fritz Gödicke ersetzt worden, ansonsten aber ist die Mannschaft unverändert geblieben. Mit Wolfgang Juhrsch (von Vorwärts Meiningen) und Klaus Papies (von Vorwärts Neubrandenburg) sind zudem zwei Spieler nach ihrem Armeedienst in die Wuhlheide gekommen. Alles ist also angerichtet, um den sofortigen Wiederaufstieg in Angriff zu nehmen.

Aber der Saisonstart läuft alles andere als geschmiert. Gleich der Auftakt geht verloren. Das 0:1 bei KKW Nord Greifswald ist ein Dämpfer für die Männer um Kapitän Meinhard Uentz. Der Trainer des Siegers heißt übrigens Heinz Werner und ist ganze 33 Jahre jung. Union-Trainer Gödicke muss feststellen: „Wir haben es einfach nicht verstanden, durch schnelle Vorstöße die geschlossene Greifswalder Abwehr zu überwinden.“

Als jeder mit einem einmaligen Ausrutscher rechnet und im ersten Heimspiel (weil die Alte Försterei überholt wird, finden die Heimspiele auf dem KWO-Sportplatz gleich gegenüber auf der anderen Seite der Straße An der Wuhlheide statt) die zweite Mannschaft des FC Vorwärts, ein Neuling, zum Ortsderby kommt, trauen die ohnehin nur 2500 Zuschauer wiederum ihren Augen nicht: Ralf Quest kann die 2:0-Führung der Gäste mit dem ersten Saisontor lediglich verkürzen, am Ende aber steht mit dem 1:2 die zweite Niederlage. Als weitere bittere Pille, die die Rot-Weißen schlucken müssen, erweist sich die schwierige Rückkehr von Ulrich Prüfke und Jimmy Hoge. Beide Leistungsträger fehlten zuletzt verletzt, sie sollten dem Spiel ihrer Mannschaft Stabilität verleihen, sind aber noch lange nicht in Wettkampfform. Die Eisernen sind Tabellenvorletzter.

Nicht einmal im dritten Anlauf klappt es. Bei der Reserve von Hansa Rostock gelingt Hartmut Felsch zwar das erste Auswärtstor, das aber langt nicht einmal zu einem Punkt. Auch diese Partie geht trotz des ansprechenden Niveaus 1:2 verloren. Weil Schlusslicht Dynamo Schwerin mit einem 3:3 gegen die TSG Wismar seinen ersten Punkt holt, bleibt der Oberliga-Absteiger als einzige Mannschaft ohne Zähler und ist nach drei Saisonspielen Tabellenletzter!

Das ändert sich erst mit dem zweiten Heimspiel. Am 14. September 1969 ist Vorwärts Neubrandenburg zu Gast, mit zwei Unentschieden als Tabellen-13. im Sechzehnerfeld auch noch sieglos. Diesmal aber platzt der Knoten. Ulrich Prüfke (21.) und Meinhard Uentz (24.) mit einem Doppelschlag sowie Harry Zedler (44.), der nach dem 1:2-Anschlusstreffer der Gäste durch Helmut Hunger (42.) noch vor der Pause die prompte Antwort parat hat, sorgen für einen Befreiungsschlag. „Hoffentlich haben wir mit diesem bitter notwendigen Sieg nun auch so viel an Selbstvertrauen gewonnen“, sagt Geschäftsführer Gerhard Händler, „um auch die nächsten Aufgaben zu lösen.“
Damit hängt die Rote Laterne zwar nicht mehr beim Oberliga-Absteiger, aber die Zweite des BFC Dynamo (8:0 Punkte) und Energie Cottbus (7:1) sind doch schon um einiges enteilt.

Von Robert Klein

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