17.08.2019

Bayerns größte Blamage

In dieser Woche vor 25 Jahren

Im knapp 30 Sekunden langen Programmhinweis des ZDF werden fiktive Zeitungsüberschriften eingeblendet: „Sensation! Deutscher Meister raus“ oder: „Ein Fußball-Traum wird wahr“. Dazu sagt eine Männerstimme: „Stellen Sie sich vor: DFB-Pokal, erste Hauptrunde, der TSV Vestenbergsgreuth schlägt den FC Bayern München. Und Sie haben’s nicht gesehen.“ Dann folgt der Verweis auf die Live-Übertragung am selben Abend, Sonntag, 14. August 1994, 20.15 Uhr. Nett gemacht, aber natürlich reichlich unrealistisch, dass dies passiert.

Einige Stunden später, das Spiel ist in den Schlusssekunden. In der ZDF-Übertragung, die in Teilen im Internet abrufbar ist, ist ein langer Pfiff zu hören. Dazu Jubel im Nürnberger Frankenstadion und Kommentator Béla Réthy: „Und da pfeift Markus Merk dieses Spiel ab. Das darf nicht wahr sein.“ Der TSV Vestenbergsgreuth aus der Regionalliga Süd (3. Liga) – ein „350-Seelen-Dörfchen“, wie Réthy informiert – schlägt den FC Bayern 1:0. Lothar Matthäus steht umringt von Fans ziemlich bedient im Innenraum und sagt: „Wenn es um etwas geht, sind wir nicht da.“ Gleich zum Debüt des neuen Trainers Giovanni Trapattoni vergeigen es die Bayern richtig. Mit Matthäus, Oliver Kahn, Weltmeister Jorginho, dem französischen Star Jean-Pierre Papin, Thomas Helmer und Mehmet Scholl.

Und der Gegner? Hat Reiner Wirsching, der in der Bundesliga für den 1. FC Nürnberg gespielt hat. Und Bernd Santl, der vor seiner Zeit in Vestenbergsgreuth Zweitliga-Erfahrung bei der SpVgg Unterhaching sammelte. Am bekanntesten dürfte der Trainer sein: Paul Hesselbach, einst Bundesliga-Torwart bei Borussia Mönchengladbach und Bayer Uerdingen.

Dann sind da noch Wolfgang Hüttner – Hobbys: Tennis und Musik – und Roland Stein, dessen erster Verein der FC Strullendorf war. Das alles findet sich auf der liebevoll gestalteten Webseite „kleeblatt-chronik“, wo es reichlich Details zum Spiel gibt. Zum Beispiel das Foto einer Eintrittskarte, Sitzplatz Kurve, für den Preis von 10 DM (Kinder) bis 20 DM (Vollzahler) und ein Bild mit dem Gedenkstein vor dem Klubheim von Vestenbergsgreuth, auf dem alle Spieler, Präsidiumsmitglieder, Betreuer und der Trainerstab verewigt sind. Bei den Spielern stehen auch die Namen Harry Koch (1998 Deutscher Meister mit dem 1. FC Kaiserslautern) und Frank Schmidt (seit 2007 Trainer des 1. FC Heidenheim).

Aber zurück zu Hüttner und Stein. Ersterer schaltet kurz vor der Pause schnell, als die Bayern auf einen Frei­stoßpfiff warten. Hüttner zieht in den Sechzehner und flankt in den Fünfmeterraum. Der Rest ist Sensation und bis heute eine der größten Blamagen des FC Bayern. Dafür verantwortlich ist Roland Stein, 21 Jahre alt, von Beruf Betriebsschlosser beim Hauptsponsor, einem Teehersteller. Wie die „Süddeutsche Zeitung“ 2016 schreibt, wohnt er damals bei seinen Eltern auf dem Dachboden. Stein erinnert sich: „Die Flanke ist perfekt gekommen, ich komme mit dem Kopf leicht hin. Joa, da war der Oli Kahn geschlagen.“

Die Münchner sind vor gut 24.000 Zuschauern bis dahin nicht gut – und danach auch nicht. In der Nachspielzeit hebt Papin den Ball über Torwart Ralf Scherbaum, 21, Energieelektroniker. Doch Abwehrspieler Bernd Lunz, 33, Elektriker, lenkt den Ball gerade noch an den Pfosten. Dann ist Schluss.

Es ist die größte Stunde des 1974 ins Leben gerufenen Vereins aus der Nähe von Erlangen, der in erster Linie gegründet wurde, um nicht mehr die besten Fußballer im Ort an die Nachbardörfer zu verlieren. 1996 treten die Kicker aus Vestenbergsgreuth auf Bestreben ihres Präsidenten Helmut Hack der SpVgg Fürth bei, es entsteht die SpVgg Greuther Fürth. Präsident dort bis 2018: Helmut Hack. Bis 2007 gibt es in Vestenbergsgreuth nur Jugendfußball, dann wird wieder eine Männermannschaft gebildet, die 2019/20 in der A-Klasse, Kreis Erlangen/Pegnitzgrund (10. Liga) unter anderem auf die SG Münchaurach/Mausdorf und Atletico Erlangen trifft.
Am 17. August 1994 aber verewigen sich Hüttner, Stein, Lunz und Kollegen in der Pokal-Geschichte. Sie schaffen es sogar ausführlich in Italiens Sporttageszeitung „Gazzetta dello Sport“. Dort steht: „Trapattoni schon wieder k.o. – Deutschland: Paukenschlag im Pokal. Amateurklub eliminiert Trapattoni“. Klingt unrealistisch. Ist aber passiert.

Von Sebastian Schlichting

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