23.03.2019

Es ist für Wahl eine Qual

In dieser Woche vor 30 Jahren

Es ist natürlich ein Traum, für die Nationalelf zu spielen. Erst recht für einen jungen Mann, der, gerade 22 Jahre alt, bei seinem Start im Männerbereich nicht gleich die Höhen erklimmt, sondern erst einmal durch ungeahnte Tiefen muss. Auf Jens Wahl trifft das zu wie auf sonst wohl niemanden der übrigen 272 Spieler, die einst für die A-Auswahl der DDR aufgelaufen sind. Und selbst das Debüt im Nationalteam kann unglücklicher nicht verlaufen, denn es ist nicht nur in diesem ersten Spiel nach 45 Minuten beendet, sondern es gibt nicht einmal einen zweiten Versuch. Denn erstens hat Wahl am 8. März 1989 mit der DDR im Olympiastadion von Athen gegen Griechenland 2:3 (0:2) verloren und zweitens unterläuft dem Debütanten ein Eigentor zum zwischenzeitlichen 0:2 (29.).

Dieses Debüt ist für Wahl die reinste Qual. Doch der Reihe nach.

Wahl, mit seinen 1,93 Metern ein strammer Abwehrspieler, lernt das Fußball-Abc bei der TSG Bau in Rostock. Als 18-Jähriger rückt er dort schon in die erste Männermannschaft, die in der zweitklassigen DDR-Liga spielt. Nach nur einer Saison kommt der Wechsel zum FC Hansa nahezu zwangsläufig. Die Hanseaten sind gerade dabei, sich in der Oberliga einzurichten. Zweimal Zehnter, zweimal Achter und einmal Neunter sind sie geworden nach ihrem Wiederaufstieg 1980. Jetzt soll endlich der nächste Schritt folgen, die Erben von Nationalspieler Gerd Kische sollen oben angreifen. Dabei soll auch das Talent Jens Wahl helfen.

Als Wahl jedoch seinen Einstand in der Oberliga gibt, das passiert am drittletzten Spieltag der Saison 1985/86 und seine Mitspieler sind unter anderem Rainer Jarohs, Michael Mischinger, Juri Schlünz und Thomas Doll, ist das ganze Gegenteil eingetreten: Der FC Hansa steht neben Sachsenring Zwickau als zweiter Absteiger fest! Selbst der 2:0-Erfolg über den 1. FC Union Berlin hilft nicht mehr, und auch wenn die beiden abschließenden Spiele drei weitere Punkte bringen (einem 2:2 bei Wismut Aue folgt zum Ende ein 3:1 gegen den 1. FC Magdeburg), die Saison ist mit dem Abstieg sowieso im Eimer.

Womöglich ist das für Wahl nicht einmal ganz so tragisch, denn im folgenden Zweitligajahr spielt er sich richtig rein in die Mannschaft. Der sofortige Wiederaufstieg gelingt so was von souverän, dass beizeiten alle aufhören mit dem Zählen des Vorsprungs auf die Verfolger, am Ende sind es 17 Punkte auf den Zweiten. Das Schönste für Wahl aber ist: Er ist nicht mehr wegzudenken aus der Startelf – und in der folgenden Oberligasaison platzt erneut der Knoten: Hansa landet als Aufsteiger auf Rang 9 und eine Spielzeit später auf Rang 4, es ist eine Sensation.
Als Wahl zu seinem Länderspieleinsatz kommt, sind die Hanseaten sogar Tabellendritter und punktgleich mit dem Zweiten, dem Titelverteidiger BFC Dynamo. Mit 15 Gegentoren stellen die Rostocker, auch das ist ein Verdienst des formstarken Verteidigers, zudem die drittstärkste Abwehr. Deshalb kommt die Berufung durch Nationalcoach Manfred Zapf durchaus folgerichtig. Da ahnt niemand, dass der Traum zum Albtraum wird.

Auch danach geht es mal hoch, mal runter für Jens Wahl. Meister wird er mit dem FC Hansa in der letzten Saison, die in der DDR ausgespielt wird, damit schafft er 1991 mit den Rostockern den Sprung in die Bundesliga. Auch im Pokalwettbewerb halten sich die Ostseestädter schadlos, selbst wenn das 1:0 im Finale gegen den Eisenhüttenstädter FC Stahl eher mager ausfällt. Für Jens Wahl ist das Double auch deshalb ein absoluter Höhepunkt, weil er im Pokalfinale das goldene Tor erzielt. Ebenso bleibt ein Spiel gegen den FC Barcelona für immer in seinem Gedächtnis, das die Rostocker im Meistercup 1991 zu Hause 1:0 gewinnen, die 0:3-Niederlage aus dem Hinspiel, als Wahl wegen einer Verletzung fehlt, jedoch nicht mehr ausgleichen können und ausscheiden.
Die Bundesliga erlebt der kantige Abwehrspieler auch für den FC Hansa, wo aber nach nur einer Saison der Abstieg folgt. Danach geht es für Wahl in der zweiten Bundesliga für den Chemnitzer FC weiter, über einen kurzen Abstecher beim FC St. Gallen, wo er kein Spiel bestreitet, sondern direkt an den FC Winterthur ausgeliehen wird, landet er 1997 bei Dynamo Dresden. In Sachsen beendet er im Jahr 2000 seine aktive Laufbahn.

Die ersten 45 Minuten in einem A-Länderspiel, die zugleich seine letzten 45 Minuten sind, sind im März 1989 zwar letztlich nur eine Episode, aber irgendwie typisch für Wahls doch etwas kuriose Karriere.

Von Robert Klein

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