16.02.2019

Irrfahrt von Ferencvaros

In dieser Woche vor 30 Jahren

Der Rasenplatz an der Osloer Straße ist nicht bespielbar. Das erfährt die Gastmannschaft aber erst vor Ort. Gespielt wird stattdessen in der Behmstraße, auf Kunstrasen. Darauf wiederum sind die Gäste nicht vorbereitet, sie haben nicht die passenden Schuhe dabei. Bei der Mannschaft, die hier Mitte Februar 1989 erst durch den Wedding und dann auch noch auf einen Kunstrasen geschickt wird, handelt es sich nicht um irgendeine Hobbytruppe. Sondern um Ferencvaros Budapest, den 23-maligen ungarischen Meister. Dort spielten in früheren Zeiten unter anderem György Sarosi (herausragender Stürmer in den 30er Jahren), Zoltan Czibor, Sandor Kocsis (beide Vize-Weltmeister 1954) und Zoltan Varga, der von 1969 an drei Jahre bei Hertha BSC unter Vertrag stand.

Zum Zeitpunkt des Berlin-Besuchs befindet sich der Verein in einer mageren Phase, war das letzte Mal 1981 Meister. Doch die Grün-Weißen aus dem Bezirk Ferencvaros (auf Deutsch Franzstadt, benannt nach dem österreichischen Kaiser Franz I.) haben immer noch einen guten Klang in Europa. 1965 hatten sie den Messepokal gewonnen. Mit dabei war Florian Albert, Europas Fußballer des Jahres 1967 und Ende der 80er Jahre Technischer Direktor des Vereins. Nach Berlin sind die vom zweimaligen WM-Teilnehmer Gyula Rakosi trainierten Ungarn auf Einladung der Reinickendorfer Füchse gekommen, dem Spitzenreiter der Oberliga.

Februar 1989, die Mauer steht noch. Die Delegation aus Budapest landet auf dem Flughafen Schönefeld, wird dann zur Sportschule Wannsee gebracht. Am Abend trifft Ferencvaros auf Hertha BSC. Als Zuschauer! Die Reisegruppe besucht das Nachholspiel der 2. Liga im Olympiastadion gegen Fortuna Köln, das Hertha vor 4600 Besuchern 3:0 gewinnt.

Tags darauf stehen eine Stadtrundfahrt und ein Treffen mit dem Reinickendorfer Bezirksbürgermeister Detlef Orwat (CDU) sowie das erste Freundschaftsspiel an. Am Wackerweg geht es gegen die Füchse. Die Rahmenbedingungen sind der Größe des Gegners, der mehrere aktuelle Nationalspieler im Aufgebot hat, nicht würdig. Die FuWo hoffte im Vorfeld noch, dass die Spiele nicht vor halbleeren Rängen stattfinden. Es kommt schlimmer: schlechtes Flutlicht, Kälte, 110 Zuschauer. Nicht halbleere, sondern nahezu leere Ränge. Der dürre Besuch bringt den Füchsen ein Minus von 2000 D-Mark. Immerhin sportlich können die Reinickendorfer zufrieden sein, sie verlieren nach ordentlicher Leistung 1:3.

Am Donnerstag dann das organisatorische Fiasko. Dabei hatte der Tag für die Gäste nett begonnen, mit einem Einkaufsbummel. Im Anschluss folgt wegen fehlender Informationen erst die Anreise zum falschen Platz und anschließend das Erstaunen über den Kunstrasen-Untergrund. Spontan kaufte Gegner Türkiyemspor den Ferencvaros-Akteuren die passenden Schuhe. So ist dieses Problem gelöst und die Geste findet höchste Anerkennung bei den Beschenkten. Aber schon taucht das nächste Problem auf. Der Platz ist besetzt. NNW 98 trainiert und kostet die Einheit voll aus. Die Begegnung zwischen Türkiyem und Ferencvaros (0:1) kann aufgrund der Verzögerung nur über 2x40 Minuten gehen, weil die Speisen beim gemeinsamen Essen sonst kaltgeworden wären. Etwas Erfreuliches gibt es aber auch zu vermelden: Fast 500 Zuschauer sehen das Spiel.

Trotzdem fällt die FuWo ein hartes Urteil. Unter der Überschrift „Provinzposse“ ist zu lesen: „Einen provinzielleren Eindruck hätte der renommierte Gast von der Sportstadt Berlin wohl kaum erhalten können.“ Auch das versprochene Taschengeld von 100 DM pro Spieler hätten die Gäste nicht bekommen. Fazit der Fußball-Woche: „Kein Wunder, wenn der ungarische Delegationsleiter an eine Gegeneinladung an die Füchse keinen Gedanken mehr verschwendet.“ Immerhin steht den Spielern die Zeit bis zum Rückflug am späteren Freitag zur freien Verfügung.

Von Sebastian Schlichting

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