21.02.2015

Wo Pal Dardai seine Trainerkarriere begann

Der Seeburger SV wurde erst 1999 gegründet, besitzt aber schon einen hohen Stellenwert in der 1200-Seelen-Gemeinde

Idyllisch und spartanisch: Der Sportplatz des Seeburger SV liegt am Waldrand. Die Container dienen als Umkleidekabinen mit insgesamt drei Duschen. Ein Vereinscasino sucht der Freund des Amateurfußballs vergebens. Foto: Krühler

Pal Dardai ist in aller Munde momentan. Der neue Chefcoach von Hertha BSC hat in kurzer Zeit für einen Stimmungswandel beim Berliner Bundesligisten gesorgt. Derzeit ist der Ungar wohl einer der populärsten Übungsleiter in der Hauptstadt. Was viele nicht wissen: Seine Trainerlaufbahn startete Dardai nicht etwa in der Nachwuchs-Akademie von Hertha, sondern als E-Jugend-Coach beim Seeburger SV – bei einem Dorfverein, der so ziemlich das krasse Gegenteil von Hertha BSC darstellt.

Seeburg ist ein kleines Dörfchen wenige Kilometer westlich von Berlin. Vom Olympiastadion in Charlottenburg fährt man mit dem Auto gerade mal eine Viertelstunde. Wer die Ortsgrenze passiert, dürfte kaum glauben, sich unmittelbar vor den Toren einer gewaltigen Metropole zu befinden. Denn mehr Dorf als Seeburg geht eigentlich nicht. Ganze 1200 Menschen leben hier zwischen Wald und Wiesen, inmitten von Kühen und Pferden.

Es ist gar nicht lange her, da war Seeburg noch viel kleiner. Anfang der Neunziger gab es gerade mal 400 Einwohner. Doch der Ort profitierte von der Wende, in den Jahren nach dem Mauerfall zogen innerhalb kurzer Zeit 800 Menschen hinzu. Es entstand ein Neubaugebiet, plötzlich gab es Jungfamilien, die Geburtenrate stieg rasant an. Auch Peter Wersig, seit 2007 der 1. Vorsitzende des Seeburger SV, ließ sich 1994 mit seiner Familie hier nieder. „Damals gab es schon relativ viele Kinder und Jugendliche hier“, erinnert er sich, „aber keinen Verein oder sonstigen Anlaufpunkt für den Nachwuchs.“

Wichtiger Fixpunkt im Ort

Dieser Umstand war seinerzeit vielen ein Dorn im Auge. So wurde 1999 mit dem ehemaligen Bundesliga-Profi Waldemar Ksienzyk als Zugpferd der Seeburger SV gegründet. Anfangs gab es zwar nur eine Badminton-Abteilung, doch der neue Klub blühte auf und wurde zum Fixpunkt im Ort. Schon zwei Jahre nach Vereinsgründung gab es 150 Mitglieder, und von 2001 an wurde in Seeburg auch endlich Fußball gespielt. „Damals wuchsen die Jugendmannschaften wie Pilze aus dem Boden“, sagt Wersig. Dass die Jugendlichen von der Straße geholt wurden, sei eine Riesensache, findet er.

Vor allem die Fußball-Abteilung boomte. Dabei ist der Sportplatz des Seeburger SV gewöhnungsbedürftig. Wer eine pittoreske Sportanlage mit gepflegtem Rasen, Klubheim und modernen Kabinen erwartet, ist hier völlig fehl am Platz. Das von Bäumen umgebene Fußballfeld gleicht eher einer Kuhwiese. Eine Walze hat das holprige Geläuf noch nie gesehen, von einer Drainage ganz zu schweigen. Die Kabinen bestehen aus spartanisch eingerichteten Containern, in denen sich ganze drei Duschen befinden. Und ein Vereinscasino? Fehlanzeige.

Hervorragendes Image

Nichtsdestotrotz fühlen sich die Seeburger in diesem Ambiente pudelwohl. „Ich finde die Atmosphäre klasse“, sagt etwa Michael Paeltz, Trainer der D-Jugend. „Für mich ist eine schöne Kabine nicht so relevant.“ Wichtig sei, dass die Kinder Spaß am Fußball haben und problemlos zum Training radeln können, erklärt Paeltz. Diese Möglichkeit haben die Nachwuchskicker bei dem Ausweichplatz, der viereinhalb Kilometer entfernt in Dallgow liegt, nicht. Die Kunstrasenanlage ist zwar modern, sie hat schöne Kabinen und Duschen, jedoch ist sie nur über Schnellstraßen erreichbar und lässt dörflichen Charme vermissen.

In absehbarer Zeit dürfte sich aber auch der Sportplatz in Seeburg verändern. Kurz nach der Wende verkauft, gab es eine lange Hängepartie, ehe das Gelände zurückerworben wurde. Mittlerweile laufen die Anträge, um ein Vereinsgebäude und einen weiteren Platz zu errichten. Das dürfte das gute Image, das der Verein im gesamten Ort genießt, nochmals aufpolieren. Der hervorragende Ruf des Klubs fußt im Übrigen nicht nur auf dem Sportangebot. Auch gesellschaftliche Aktionen wie etwa das alljährlich stattfindende Osterfeuer laufen über den Seeburger SV. So verwundert es nicht, dass fast jeder vierte Einwohner Mitglied im Verein ist.

Viele Hertha-Größen

Ein weiterer Faustpfand ist die enge Verbindung zu Hertha BSC. Mit der „Alten Dame“ besteht die sogenannte Kiezkicker-Kooperation. „Seeburg ist klar in Hertha-BSC-Hand“, sagt Wersig. Was auch daran liegt, dass viele Hertha-Legenden hier wohnen. Etwa der ehemalige Keeper Christian Fiedler, der lange Zeit als Torwarttrainer im Verein tätig war. Auch Kultspieler Andreas „Zecke“ Neuendorf ist ein großer Unterstützer des Klubs. Neuendorf lebte bis vor einem Jahr im Ort, sein Sohn spielt heute noch in der D-Jugend des Seeburger SV. Und dann wäre da noch Pal Dardai, der ebenfalls lange Zeit in Seeburg gewohnt und sich sehr im Verein engagiert hat. Auch zwei seiner Söhne erlernten Anfang der Nullerjahre in der Jugend des Seeburger SV das Fußballspielen. Mit ihrem Vater als Trainer. Wersig schwärmt von dieser Zeit: „Wie Pal sich hier eingebracht hat, war phänomenal.“ Noch immer hat der Vorsitzende Kontakt zu Dardai. Wersig ist sich sicher: „Mit Pal Dardai wird Hertha BSC wieder vorankommen.“

Der ehemalige Bundesligaprofi Waldemar Ksienzyk hängt am Seeburger SV

Die Fußball-Karriere von Waldemar Ksienzyk kann sich sehen lassen: 25 Bundesligaspiele für Schalke 04, 87 Einsätze in der DDR-Oberliga für den BFC Dynamo sowie den 1. FC Union, 96 Zweitligaspiele für den Wuppertaler SV und Waldhof Mannheim. 1997 wechselte er von Mannheim zum SV Babelsberg 03 und zog nach Seeburg. Dort wurde Ksienzyk heimisch, bis heute wohnt er in dem Berliner Vorort. Neben seiner aktiven Laufbahn hat der 51-Jährige aber auch als Funktionär einiges auf die Beine gestellt, gehörte er 1999 doch zu den Gründungsmitgliedern des Seeburger SV.

FuWo: Herr Ksienzyk, wie kam es dazu, dass 1999 der Seeburger SV gegründet wurde?

Waldemar Ksienzyk: „Damals hat mich Bürgermeister Jürgen Hemberger angesprochen. Er meinte, dass es in jedem Dorf eine Kneipe und einen Verein gebe – nur eben in Seeburg nicht. Das wollten wir ändern.“

Anfangs gab es aber nur eine Badminton-Abteilung.

Ksienzyk: „Weil wir noch keinen Sportplatz hatten. 2001 haben wir aber auf einer Rasenfläche, einem Poloplatz, ein Fußball-Schnuppertraining durchgeführt. Vorher hatte ich gewettet, dass 35 kommen.“

Und wie viele waren es?

Ksienzyk: „47! Da haben wir gemerkt, dass wir schnell eine Fußball-Abteilung ins Leben rufen müssen.“

Was ist für Sie das Besondere am Seeburger SV?

Ksienzyk: „Es wird sehr viel für die Jugend getan. Das ist ganz klar unser Aushängeschild. Wir haben auch schon diverse Auszeichnungen für unsere Jugendarbeit bekommen.“

Was ist mit den Herrenteams?

Ksienzyk: „Eine Männermannschaft gibt es erst seit 2011, doch die ist immerhin gleich in die erste Kreisklasse aufgestiegen. Und das vorwiegend mit Leuten aus Seeburg.“

Und was waren für Sie die Höhepunkte in der jungen Vereinsgeschichte?

Ksienzyk: „Oh, da gab es einige. Es ist toll, mit welcher Begeisterung die vielen Kinder und Jugendlichen bei der Sache sind. Das macht Spaß. Zum Beispiel gibt es auch das vereinseigene Seeburger-SV-TV mit regelmäßigen Beiträgen auf Youtube. Die sind der absolute Renner.“

Gab es schon große Spiele?

Ksienzyk: „2010 haben die Hertha-Oldies mal hier vorgespielt. Mit ehemaligen Größen wie René Tretschok, Christian Fiedler oder Axel Kruse. Da war fast das ganze Dorf da.“

Sie selber haben sich aus dem Vorstand aber zurückgezogen. Warum?

Ksienzyk: „2008 musste ich aus dem Vorstand ausscheiden, weil ich beruflich zu sehr eingebunden bin. Doch mein Herz hängt natürlich an diesem Klub.“

Seeburger SV

Anschrift: Peter Wersig, Am Rain 1, 14624 Dallgow-Döberitz
Homepage: www. seeburger-sv99.de
Gründungsdatum: 19. November 1999
Vereinsmagazin: Seeburger SV TV
Sportarten: Fußball, Jazzdance, Reiten, Gymnastik
Mitglieder: 300
Mannschaften: 12 (zwei Männermannschaften, eine Ü 40, eine Freizeitmannschaft und acht Jugendmannschaften)
Spielklasse der 1. Herren: 1. Kreisklasse

Von Andreas Krühler

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