27.12.2014

Wo einst Tannen als Torpfosten dienten

In ihrer knapp 90-jährigen Geschichte hat die Sportgemeinschaft Bornim einige Höhen und Tiefen erlebt – Aktuell zeigt die Kurve nach oben

Fotos: Hagemann

Die ersten Schritte der SG Bornim werden auf der vereinseigenen Homepage als „abenteuerlich“ beschrieben. Ein Platz an der Kante zum Wald, der mit einem Reitverein geteilt wurde, diente 1927 als Spielfeld. Tannen markierten die Torpfosten. Wo sich früher die „Fußballwiese“ befand, ist heute am Rande Potsdams ein gut gepflegter Rasenplatz zu finden – genutzt wird er vornehmlich für die Pflichtspiele der 1. Mannschaft in der Landesklasse.

Ausgeschmückt wird der Platz von einem kleinen Trainingsplatz (ebenfalls Naturrasen) und der Vereinsgaststätte. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite steht der SG Bornim dazu noch ein Kunstrasenplatz, der 2007 eröffnet wurde, zur Verfügung. Eine ausgezeichnete Sportanlage, denkt sich der geneigte Amateurfußballer. „Vieles davon haben wir Hansi zu verdanken“, sagt der Präsident der SG, Kurt Leutloff (54). Mit „Hansi“ ist Hans Jeserich gemeint. Er war von 2000 bis 2011 Präsident der SG Bornim.

Jeserich (60) und Leutloff stießen bereits in den 60er Jahren zum Verein. Leutloff ist seit 45 Jahren ununterbrochen Mitglied, Jeserich sogar schon seit 50 Jahren. Seine Blütezeit als Aktive hatte das Duo in den 70er und 80er Jahren. Damals schaffte es die „kleine“ SG Bornim, sich über zwölf Spielzeiten in der Bezirksliga Potsdam zu halten – immerhin die dritthöchste Spielklasse der ehemaligen DDR. „Wir kamen damals alle aus dem eigenen Nachwuchs und hier wurde echt ordentlicher Fußball gespielt. Und das alles ohne großen Trägerbetrieb, also ohne großes Geld“, schwärmt Ex-Präsident Jeserich. Dass die Bornimer sich damals so lange in der Bezirksliga halten konnten, bezeichnet Jeserich heute als „etwas Besonderes“. Doch damals vernachlässigte die Sportgemeinschaft das, was sie so stark gemacht hatte: die Jugendarbeit. Die 1. Mannschaft hatte irgendwann ihren Zenit erreicht und musste 1984 den Abstieg aus der Bezirksliga hinnehmen.

Aufstieg in die Oberliga

Mit der Wende 1990 kam es auch zu einem raschen Wandel im Verein. Ein neuer Funktionärsstab, angeführt von den Präsidenten Schröder, später Schneider und Geschäftsführer Waibel, übernahm das Zepter. Die neue Führungsriege versprach sofortigen Erfolg und lieferte diesen prompt: Zwischen 1991 und 1993 gelang der Durchmarsch von der Bezirksliga in die Verbandsliga Brandenburg. Direkt in der zweiten Saison ließ man dort die eigentlichen Aufstiegsfavoriten von Viktoria Frankfurt und Babelsberg 03 hinter sich und stieg in die Oberliga Nordost auf – der größ-te sportliche Erfolg der Vereinsgeschichte. Drei Spielzeiten hielt sich die Sportgemeinschaft in der Oberliga, bis es 1998 wieder zurück in die Verbandsliga ging.

Diese „Glanzzeit“ löst bei den alt eingesessenen Bornimern Leutloff und Jeserich aber keine Jubelstürme aus. „Der Westen macht es uns vor, wir müssen es jetzt nachmachen, meinte der Vorstand damals immer – und hat uns so ins offene Messer laufen lassen“, so Jeserich rückblickend. „Es wurde mit Geld um sich geworfen, das nicht da war. Sponsoren mit großen Versprechungen, die nicht gehalten werden konnten, tauchten genauso auf wie Spieler, die nach einer Saison wieder das Weite suchten.“

Plötzlich alle Spieler weg

Im Jahr 1999 kam es dann zum Kollaps: Der Verein konnte seine Verbindlichkeiten nicht mehr bezahlen und auf Grund der fehlenden emotionalen Bindung machten sich viele aus dem Staub. Am Ende des Jahres stand Bornim gänzlich ohne einen Spieler für die erste Mannschaft da und musste sich aus der Verbandsliga Brandenburg zurückziehen. In den Folgejahren wurde man bis in die Kreisliga durchgereicht. Die Schuldigen, Präsident Schneider und Geschäftsführer Waibel waren längst abgetaucht, nur Jugendvorstand Marko Lepps war aus dem alten Vorstand übrig geblieben. Hans Jeserich als neuer Präsident, Marko Lepps als „Vize“ und Burkhart Brosius als Geschäftsführer nahmen sich Ende 1999 dem Bornimer „Scherbenhaufen“ an. Bei der Begutachtung der Bücher stellten sie fest, dass über die „fetten Jahre“ knapp 160.000 DM an Schulden zusammen gekommen waren. Eine Auflösung der SG Bornim stand ernsthaft zur Debatte. Aber Hans Jeserich dachte nicht ans Aufgeben: „Wir haben uns dagegen entschieden und wollten versuchen da wieder rauszukommen“ – und sie schafften es.

Privat gebürgt

Allein die 20.000 DM Schulden beim Finanzamt beglichen Jeserich und Geschäftsführer Brosius mit einem Privatdarlehen. Für die restlichen Schulden schaffte es der Vorstand, die 100 verbliebenen Mitglieder zu mobilisieren und den Vereinszusammenhalt auf eine neue Stufe zu heben. Innerhalb von drei Jahren kamen knapp 20.000 DM an Spenden zusammen. Dazu gesellten sich Finanzspritzen von Altsponsoren, die Jeserich und Co. reaktivierten. Aber auch andere Gruppen und Akteure will Ex-Präsident Jeserich nicht vergessen wissen: „Uns war die Verwurzelung mit Bornim und der Stadt Potsdam immer sehr wichtig. Der Bürgerverein Bornim war genauso eine riesige Unterstützung wie der Stadtverordnete Rietz, die Beigeordneten für Sport und Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs – mit dem bin ich mittlerweile sogar per du.“

In der Saison 2008/09 war es dann endlich soweit – die SG Bornim schrieb wieder schwarze Zahlen. Neben der Entschuldung war es Jeserich und Co. aber auch gelungen, die Infrastruktur wieder auf Vordermann zu bringen sowie die Jugendarbeit anzukurbeln. Mit großem Erfolg: Die aktuelle 1. Mannschaft besteht fast nur aus ehemaligen Jugendspielern des Vereins. Kurzum: Jeserich und seine Mitstreiter haben die SG Bornim wieder zu dem gemacht, für das sie jahrelang stand: „Wir haben hier eine familiäre Atmosphäre. Eigentlich kennt jeder jeden“, sagt Präsident Leutloff. Auf die Frage, ob irgendwann auch wieder mehr als die Landesklasse für die SG Bornim drin sei, antwortet er: „Natürlich wäre das schön, aber ich stehe für einen soliden Auftritt und sowas wie in den 90ern wird es mit mir nicht geben.“ Die SG Bornim scheint aus ihrer Lektion gelernt zu haben.

Interview mit Dieter Ceranski und Ralf Beierl, dem Trainerduo der SG Bornim

Dieter Ceranski und Ralf Beierl haben die erste Mannschaft der SG Bornim vor dreieinhalb Jahren übernommen. Das Trainerduo stieg mit Bornim in der zweiten Saison von der Kreisliga in die Landesklasse auf. Im vergangenen Spieljahr erreichte Bornim einen starken vierten Platz und auch aktuell ist die SG ganz oben dabei. Im Interview nimmt das Trainerduo Stellung zur aktuellen Situation und wagt einen Blick in die Zukunft.

FuWo: In den letzten Jahren lief es für die SG Bornim nahezu perfekt. Erst der Aufstieg, dann der vierte Platz im ersten Jahr der Landesklasse und auch in dieser Saison klopft Ihre Mannschaft oben an. Was ist noch drin für die SG Bornim?

Ralf Beierl: „Klar, wir waren letztes Jahr Vierter, aber wir hatten dieses Jahr einen Umbruch zu verkraften. Fünf oder sechs Leute haben aufgehört. Das muss sich jetzt alles erstmal noch finden.“

Ceranski: „Wir haben bisher mehr Punkte geholt als erhofft. Ich denke, wir gehören in der Tabelle auch nicht unbedingt nach oben. Deswegen dürfen wir mit dem bislang Erreichten sehr zufrieden sein.“

Sie haben den Umbruch gerade angesprochen. Es fällt auf, dass in der Mannschaft viele junge Spieler auf dem Platz stehen.

Beierl: „Wir hatten vor dieser Saison zwölf Neuzugänge, die direkt aus unserer A-Jugend kamen oder in den letzten Jahren über die zweite Mannschaft herangeführt wurden. Wir wollen hier eine neue Mannschaft formen und versuchen, dass der Verein mit Eigengewächsen konkurrenzfähig ist.“

Ceranski: „Wir haben bei unseren bisherigen Stationen eigentlich immer nur fertige Mannschaften trainiert. Jetzt haben wir zum ersten Mal die Aufgabe, junge Leute zu entwickeln. Das macht richtig Spaß.“

Das hört sich so an, als würden Sie der SG Bornim noch lange erhalten bleiben wollen.

Beierl: „Klar! Wir fühlen uns hier sehr wohl und wollen den bisherigen dreieinhalb Jahren noch ein paar Folgen lassen und natürlich noch Einiges erreichen.“

So gut wie jetzt ging es Bornim in den letzten Jahren aber nicht immer. Nach dem Tiefpunkt im Jahr 2000 wurde hier viel aufgebaut. Was sagen sie dazu?

Beierl: „Dazu braucht man nicht viel zu sagen, man muss sich bloß unsere super Sportanlage anschauen. Hier ist in den letzten Jahren echt etwas erreicht worden.“

SG Bornim 1927

Adresse: Golmer Chaussee 12, 14469 Potsdam (Barnim), Telefon/Fax: 0331/52 04 33.
Homepage: www.sg-bornim.de
Gegründet: 1927 als BSC Bornim, 1928 Fusion mit Schwarz- Weiß-Grün Universum Töplitz zum BSC Bornim Schwarz-Weiß-Grün. 1945 als SG Bornim neugegründet.
Mitglieder: 241 (22 passiv), alle in der Fußballabteilung. Die Gymnastik- und Reitabteilung wurden im Laufe der 1990er Jahre ausgegliedert. 7
Mannschaften: 16 (2 Männer-, 2 Ü 40, eine Ü 50, eine Ü 60 sowie zehn Jugendmannschaften).
Spielklasse der 1. Mannschaft: Landesklasse West.
Größte Erfolge: 1972 bis 1984 in der drittklassigen Bezirksliga Potsdam, 1992 Aufstieg in die Landesliga, 1993 Aufstieg in die Verbandsliga, 1995 Aufstieg in die Oberliga Nordost, 2013 Kreisliga-Meister und Aufstieg in die Landesklasse.

Von Sascha Hagemann

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