12.06.2012

Wo der rote Blitz einschlägt...

Madrids Arbeiterklub Rayo Vallecano spielt nach acht Jahren wieder in der 1. Liga - Fans leben die Tradition des Widerstands.

Vor mehr als neun Jahren war ich das letzte Mal hier. Doch die Durchsage in der Metro klingt so schön vertraut, als wäre es gestern gewesen. „Próxima Estación: Portazgo“. Nächste Station: Portazgo (wobei das z wie ein englisches th ausgesprochen und das g verschluckt wird). Metro Madrid, Linie 1, vom Stadtzentrum Richtung Südosten. Wer in Portazgo die U-Bahn verlässt, um zum Fußball zu gehen, den trennen nur ein paar Treppenstufen vom Estadio de Vallecas. Hier spielt Rayo Vallecano, hinter Real und Atletico Madrid die Nummer drei im Profifußball der spanischen Hauptstadt, nach achtjähriger Abwesenheit in dieser Saison wieder erstklassig.

Direkt am Metro-Ausgang erhebt sich die Gegentribüne des Stadions. An diesem sonnigen Samstagnachmittag sind die Gehwege der Avenida de la Albufera bereits einige Stunden vor Spielbeginn stark bevölkert. Unter dem stahlblauen Januar-Himmel wird das Bier im Freien getrunken. Das Gedränge vor den Lokalen liegt weniger an den einheimischen Fans. Es sind vor allem die Anhänger des heutigen Gegners, die die Szenerie bestimmen. Rund 3000 Basken begleiten Athletic Bilbao am ersten Rückrunden-Spieltag der Primera Division zum Duell mit Rayo.

Auf den Straßen und später im Stadion geht es entspannt und fast schon freundschaftlich zu. Eine strikte Fan-Trennung ist diesmal nicht erforderlich. Selbst in Rayos Hardcore-Block hinter Tor und Spielertunnel sind einzelne Athletic-Schals zu sehen. Die Anhänger des Kleine-Leute-Klubs aus dem Madrider Arbeiterbezirk Vallecas und die Fans aus dem Baskenland scheinen Respekt und eine gewisse Sympathie füreinander zu empfinden. Die Gründe dafür sind in der spanischen Geschichte zu finden.

Aufstieg als Politikum

Rückblende 1977. Im Radio höre ich zum ersten Mal von Rayo Vallecano. NDR 2 widmet dem Blitz aus Vallecas eine große Reportage. Keine zwei Jahre nach dem Tod von General Franco ist Rayos erstmaliger Aufstieg in die Eliteklasse des spanischen Fußballs ein Politikum und ein Signal. Während das faschistische Franco-Regime in den letzten Zügen liegt und sich der friedliche Übergang Spaniens in die parlamentarische Monarchie abzeichnet, probt im Fußball ein Underdog den Aufstand gegen das Establishment. Ohne eine Niederlage in dem am 10. Mai 1976 eröffneten Nuevo Estadio de Vallecas qualifiziert sich Rayo Vallecano für die Primera Division und legt dort in der Folgesaison 1977/78 mit Platz zehn in der Abschlusstabelle ein sensationelles Debüt hin.

Wurzeln im Arbeiterfußball

Rayo ist zu jener Zeit ein Symbol für den Widerstand gegen die rechte Diktatur. Bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs durch Francos Putsch gegen die Spanische Republik im Juli 1936 gehörte der 1924 gegründete Klub als Agrupación Deportiva (Sportgruppierung) El Rayo dem linksgerichteten Arbeiterfußball-Verband an. Vallecas, das heute mit seinen beiden Distrikten Puente de Vallecas und Villa de Vallecas zusammen fast 350.000 Einwohner hat, ist im Spanischen Bürgerkrieg eine Bastion bei der Verteidigung des roten Madrids gegen die Putschisten und dabei schweren Luftangriffen ausgesetzt.

Der Zusammenhalt der Bewohner und die Identifikation mit ihrem Bezirk sind hier bis heute besonders ausgeprägt. Gemeinsinn hilft auch in den 60er Jahren, als sich in Vallecas durch den massenhaften Zustrom inländischer Arbeitskräfte der größte Slum des Ballungsraumes Madrid bildet. Der lokale Fußballverein mit dem roten Blitz im Wappen – von 1947 bis 1995 trägt er den Namen Agrupación Deportiva Rayo Vallecano (ADRV) – ist der ganze Stolz der Menschen in Vallecas und genießt als aufmüpfiger Underdog die Sympathien vieler Spanier. Vergleichbar vielleicht mit dem FC St. Pauli und dem 1. FC Union in Deutschland, was die Verwurzelung im Barrio (entspricht einem Kiez bei uns) sowie die Sozialstruktur des Publikums und die politische Ausrichtung der Fans (St. Pauli) anbelangt.

Sturm an die Tabellenspitze

Obwohl sich der Klub mit dem roten Diagonalstreifen auf den Trikots nach dem ersten Abstieg 1980 zu einer Fahrstuhlmannschaft entwickelt (siehe Rubrik „Größte Erfolge“), kann Rayo den Großen immer wieder eins auswischen. Zum kultigen Klub gesellen sich kultige Spielernamen wie Toni Polster oder Hugo Sánchez. Die sportlich erfolgreichste Zeit beginnt mit dem Wiederaufstieg in die Primera Division 1999. Da stürmt der Neuling mit vier Auftaktsiegen im September 1999 erstmals in seiner Vereinsgeschichte bis an die Tabellenspitze. „Ich fühle mich wie ein Glückspilz“, sagt der vor Saisonbeginn verpflichtete deutsche Profi Gerhard Poschner. „Rayo als Tabellenführer in Spanien, das ist ungefähr so, als wäre in der Bundesliga Ulm ganz oben.“ Rayo legt unter Trainer Juande Ramos seine beste Hinrunde aller Zeiten hin, erkämpft im März 2000 bei Real Madrid ein 0:0, siegt im Mai sogar 2:0 beim FC Barcelona und landet am Ende auf einem einstelligen Tabellenplatz (Rang neun). In der Saison darauf erreichen die nur durch die Fairplay-Wertung qualifizierten Rot-Weißen im UEFA-Cup das Viertelfinale.

Der Fluch des Familienclans

Rayo Vallecano de Madrid (so heißt der Klubs seit 1995) scheint sich in der Primera Division etablieren zu können. Nach der sensationellen Eroberung der Tabellenspitze lädt Präsidentin Teresa Rivero, Mutter von 13 Kindern und Ehefrau des spanischen Unternehmers José Maria Ruiz Mateos, die Mannschaft spontan noch in Vigo zum Essen in ein Gourmet-Restaurant ein. Maria Teresa, der erste weibliche Boss eines spanischen Profiklubs, ist auf dem Höhepunkt ihrer Popularität angelangt.

Doch der vermeintliche Segen gerät Jahre später zum Fluch, der den Klub bis heute schwer belastet. Maria Teresa, nach der 2004 das Stadion benannt wird (inzwischen ist der Schriftzug wieder entfernt), tritt nur als „Strohpuppe“ für ihren Mann auf, der von 1991 bis 1994 den Verein führte. Der berühmt-berüchtigte, einst steinreiche Ruiz Mateos, dessen Privatholding Rumasa 1983 zwangsverstaatlicht wurde, muss sich schon in den 90er Jahren vor Gericht gegen den Vorwurf des betrügerischen Milliarden-Bankrotts verteidigen.

Im Februar 2011 beantragt der Patron für die zehn wichtigsten Zweige seines neuen Firmenimperiums Nueva Rumasa (16.000 Mitarbeiter) die Einleitung eines Gläubigerverfahrens. Betroffen sind unter anderem der Milchproduzent Clesa, das Lebensmittelunternehmen Dhul und der damalige Zweitligist Rayo Vallecano. Dessen Schuldenstand wird mit 30 Millionen Euro beziffert. Monatelang werden keine Gehälter ausbezahlt, die Rechnungen stapeln sich. Rayo, vom sportlichen Desaster (zwei Abstiegen hintereinander folgen von 2004 bis 2008 vier Jahre in der Drittklassigkeit) erholt, bangt nun um seine wirtschaftliche Existenz.

Neuanfang unter Konkursrecht

Im Mai 2011 kauft der Jung-Unternehmer Raúl Martín Presa den Verein samt Schulden Ruiz-Mateos ab, zeitgleich schafft die Mannschaft unter Trainer José Ramón Sandoval die Rückkehr in die 1. Liga. Dort schlägt sich der – wie insgesamt 21 spanische Klubs – unter Konkursrecht stehende Aufsteiger bislang prächtig, belegt nach 22 Spieltagen einen respektablen 10. Platz. Und in Michu (elf Treffer) hat der Klub ein neues Idol.

Zum Heimspiel gegen Bilbao kommen an diesem Januar-Sonnabend 12.500 Zuschauer in das „Valekanfield“, was in etwa dem Besucherschnitt der vergangenen (Zweitliga-)Saison entspricht. 14.780 würden hineinpassen, doch in Zeiten der Finanzkrise müssen gerade die wirtschaftlich Schwachen ihr Geld mehr denn je zusammenhalten.

Fahnen der Spanischen Republik

Hinter dem Tor, an das der ausfahrbare Spielertunnel angrenzt, steht der harte Kern der Rayo-Gefolgschaft. Die heutige Fanszene des Klubs bewegt sich in der Tradition des Widerstands der Bewohner von Vallecas. Die für ihre linken und anarchistischen Songtexte bekannte Skapunk-Band Ska-P (bei Konzerten in Deutschland trat sie u.a. mit den Toten Hosen auf) stammt von hier, hat mit „Como un Rayo“ eine Hymne auf Rayo Vallecano verfasst. „Romario ist nicht hier, hier gibts kein Kapital, doch das ist uns egal“, heißt es darin. Auf der Gegentribüne des Stadions hängen rot-gelb-purpur gestreifte Fahnen der Zweiten Spanischen Republik. Und Rayos größte Fan-Gruppierung, „Los Bukaneros“, ist stramm links und antifaschistisch, der absolute Gegensatz zu den rechtsradikalen „Ultras Sur“ von Real Madrid.

All das dürfte den unter Franco unterdrückten Basken an Rayo gefallen. Durch einen krassen Fehler des für den verletzten Stammtorhüter Dani Gimenez eingewechselten Cobeno siegen sie im Estadio de Vallecas glücklich mit 3:2 (2:2). Ärgerlich für Rayo, doch für die Fans kein Grund, Ärger zu machen. In Vallecas hat man schon Schlimmeres erlebt. Und man hält zusammmen. Vamos rayito - auf geht's, kleiner Blitz.

Die größten Erfolge

Der Verein – Gründungsdatum: 29. Mai 1924. Vereinsfarben: Rot-Weiß. Stadion: Estadio des Vallecas. Internet: www.rayovallecano.es (unabhängige Webseite: www.rayoherald.com).

Fans: Aktiviste Gruppierung sind die antifaschistischen "Bukaneros" (befreundet mit den "Brigadas Amarillas" des FC Cádiz, www.nodo50.org/bukaneros/wordpress)

Aufstiege in die Primera Division: 1977, 1989, 1992, 1995, 1999, 2011.

Aufstiege in die Segunda Division: 1956, 1965, 1985, 2008.

Erstliga-Jahre: 13 (beste Saison: 9. Platz 1999/2000). Zweitliga-Jahre: 34.

UEFA-Cup 2000/01: Achtelfinale 4:1, 2:1 gegen Girondins Bordeaux; Viertelfinale 0:3, 2:1 gegen CD Alavés.

Spanischer Frauen-Meister: 2009, 2010, 2011.

Berühmte Spieler

Cota (von 1987 bis 2002 bei Rayo, Rekordspieler mit 411 Einsätzen)

Míchel (von 1992 bis 2003 und seit 2006 bei Rayo, 352 Einsätze, Rekordtorschütze mit 57 Treffern)

Fernando Morena (Uruguayischer Nationalspieler, 1979/80 bei Rayo, 34 Einsätze)

Laurie Cunningham (erster farbiger englischer Nationalspieler, 1986/87 und 1988/89 bei Rayo, insgesamt 56 Einsätze)

Wilfried (Nigerianischer Nationaltorhüter, von 1990 bis 1996 bei Rayo, 177 Einsätze)

Toni Polster (Österreichischer Nationalspieler, 1992/93 bei Rayo, 31 Einsätze/14 Tore)

Hugo Sánchez (Mexikanischer Nationalspieler, 1993/94 bei Rayo, 29 Einsätze/16 Tore)

Diego Klimowicz (ehemaliger Bundesliga-Profi aus Argentinien, 1996/97 bei Rayo, 34 Einsätze/11 Tore)

Kasey Keller (US-Nationaltorwart, 1999-2001 bei Rayo, 51 Einsätze)

Gerhard Poschner (deutscher U 21- und Olympiaauswahl-Spieler, von 1999 bis 2001 bei Rayo, 56 Einsätze)

Trainer, u.a.: Alfredo Di Stéfano (1975/76), José Antonio Camacho (ab 22. Spieltag 1991/92 bis 1993), Juande Ramos (1998-2001)

Horst Bläsig

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