24.11.2017

„Wir spielen ja nicht wie ein Tabellenletzter“

Interview mit Leonardo Bittencourt (1. FC Köln)

Augen auf den Ball: Leonardo Bittencourt (rechts) im Laufduell mit Herthas Genki Haraguchi. Foto: JouLux

Besser hätte es für Leonardo Bittencourt (23) kaum laufen können: Vor der Saison 2016/17 verlängerte der in Leipzig geborene und bei Energie Cottbus groß gewordene Deutsch-Brasilianer seinen Vertrag beim 1. FC Köln vorzeitig bis 2021, im Dezember 2016 heiratete Leo seine Freundin Saskia, im Frühjahr 2017 folgte der triumphale Europapokal-Einzug mit dem FC. Wie groß die Ernüchterung bei Fans, Verein und nicht zuletzt bei Bittencourt selbst nach dem historisch schlechten Ligastart sein muss, lässt sich leicht nachvollziehen. Vor dem Spiel gegen Hertha BSC am kommenden Sonntag (18 Uhr, Rhein-Energie-Stadion) wollte die FuWo von dem vielseitig einsetzbaren Offensivakteur wissen, wie man in Köln mit der Abstiegsangst umgeht, warum Peter Stöger noch der richtige Trainer ist und wie es möglich war, Hertha im Pokal auszuschalten.

Fußball-Woche: Herr Bittencourt, die sportliche Situation beim FC ist mit „angespannt“ vermutlich noch dezent umschrieben. Haben Sie so eine Situation schon einmal erlebt?

Leo Bittencourt: „Nein, in so einer krassen Form habe ich das noch nicht erlebt. Auch in Hannover habe ich schon gegen den Abstieg gespielt, allerdings haben wir den Klassenerhalt da immer frühzeitig geschafft.“

Die Mannschaft soll freiwillig verzichtet haben, am 11.11. den Auftakt der Karnevalssaison zu feiern. Wird wenigstens beim Training noch gelacht?

Bittencourt: „Ja klar. Wir können glücklich sein, dass wir jeden Tag auf dem Platz stehen dürfen und gesund sind. Unser Trainer sagt immer: Fußball ist ein Spiel – das muss Spaß machen. Dennoch wissen wir die Situation ganz realistisch einzuschätzen.“

Ihr Vater Franklin war ebenfalls Profi, später auch Trainer. Hilft er Ihnen bei der Bewältigung der aktuellen Lage?

Bittencourt: „Das macht er nicht nur jetzt, er unterstützt mich in jeder Lage und probiert, all seine Erfahrungen an mich weiterzugeben.“

Worin liegen Ihrer Meinung nach die Gründe für die Misere?


Bittencourt:
„Das ist schwer zu sagen. Wir erarbeiten uns zwar Chancen, aber wir haben sie bisher zu selten genutzt. Und wir haben zu viele Gegentore bekommen. Dazu kommt Verletzungspech: So viele Stammspieler sind auf Dauer für uns nicht einfach zu ersetzen.“

Normalerweise übersteht kein Bundesliga-Trainer eine vergleichbare Serie, wie sie dem FC seit Saisonbeginn widerfahren ist. Warum ist Peter Stöger noch der richtige Coach?

Bittencourt: „Weil man in den Spielen sieht, dass wir gewillt sind, gemeinsam die Kurve zu kriegen. Er stellt uns gut auf die Gegner ein und spricht viel mit uns.“

Hat sich der Trainer in der Krise verändert, lässt Stöger anders trainieren?

Bittencourt: „Nein, hat er nicht.“

Ganz Köln hatte sich auf die erste Europacup-Saison seit 25 Jahren gefreut. Können Sie die internationalen Auftritte überhaupt genießen?

Bittencourt: „Natürlich können wir die Spiele nicht so genießen, wie wir uns das vorgestellt haben. Trotzdem wollen wir sportlich gut abschneiden und nehmen den Wettbewerb dementsprechend ernst.“

Gegen BATE Baryssau wurde zuletzt furios gewonnen, was ist gegen den FC Arse­nal drin?

Bittencourt:
„Arsenal ist natürlich der Favorit in der Gruppe. Aber wir spielen zu Hause. Wir werden versuchen, jede kleine Chance, die sich uns bietet, zu nutzen.“

In Berlin können viele nicht verstehen, warum Hertha ausgerechnet gegen den bis dahin sieglosen Bundesliga-Letzten im Pokal ausgeschieden ist. Haben Sie eine Erklärung?

Bittencourt: „Wir spielen ja nicht wie ein Tabellenletzter, wir hätten auch in der Bundesliga mehr Punkte holen können und müssen.“

Die Siege gegen Hertha und Baryssau hätten für Aufwind sorgen können, stattdessen wurden die folgenden Liga-Spiele in Leverkusen und gegen Hoffenheim jeweils verloren. Das muss besonders frustrierend sein, oder?

Bittencourt: „Wir hätten uns das sicher anders gewünscht...“

Es wäre vermutlich vermessen, von einem Schicksalsspiel zu sprechen. Aber das kommende Heimspiel gegen Hertha sollte lieber nicht verloren werden?

Bittencourt: „Bei der Punktzahl ist klar, dass wir die nächsten Spiele erfolgreich gestalten müssen, um Anschluss zu halten. Das gilt nicht nur für das Spiel gegen Hertha.“

Was für ein Spiel erwarten Sie gegen Hertha, auch angesichts der Tatsache, dass beide Vereine vorher noch in der Europa ­League ranmüssen?

Bittencourt:
„Klar, das wird nicht leicht. Dennoch: Wir spielen zu Hause und wollen gewinnen, unabhängig davon, ob beide Teams donnerstags in der Europa League ranmüssen.“

Interview: Alex Heinen

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