Mein Fußball-Woche

17.07.2013

„Wir sind heiß auf Blau-Weiß“

In der Saison 1986/87 verpasste Bundesliga-Neuling Blau-Weiß 90 die große Chance, auf Jahre die Nummer eins in Berlin zu bleiben

Der FC Bayern München spielt im Berliner Olympiastadion. Wobei in erster Linie Blau-Weiß 90 spielt, der Tabellenletzte. Egon Flad, Wolfgang Schüler, Michael Schmidt, sie alle haben beste Chancen, um den Rückstand aus der zweiten Minute auszugleichen. In der 85. Minute trifft Horst Feilzer per Freistoß doch noch zum 1:1, über 40.000 Fans sind begeistert. „So zugesetzt hat uns noch keine Mannschaft“, sagt der gelbgesperrte Lothar Matthäus später im „Aktuellen Sportstudio“.

Manager Uli Hoeneß findet, dass „unsere Mannschaft mit dem Ergebnis zufrieden sein muss“. Der FC Bayern freut sich über ein Unentschieden beim Aufsteiger Blau-Weiß 90. Verkehrte Fußball-Welt. Für einen Tag, am 18. Oktober 1986. Einige Monate später sind die Kräfteverhältnisse längst wieder zurechtgerückt: Die Bayern sind Meister, der Neuling steigt als Letzter ab.

Am 17. Juni 1987 fällt für die Mariendorfer der letzte Bundesliga-Vorhang. 2:2 gegen den FC Homburg, nur noch ein paar Tausend Zuschauer zahlen Eintritt. Das 34. Bundesligaspiel wird für alle Zeit das Letzte der Sportlichen Vereinigung Blau-Weiß 1890 sein. 18:50 Punkte (heute wären es karge 21 Zähler), 36:76 Tore lauten die Zahlen zur einzigen Bundesliga-Runde in der Geschichte des Klubs, der 1992 ganz verschwindet und als SV Blau Weiss in der Kreisliga C neu startet.

Hoffnung bis zum 33. Spieltag

In der ewigen Bundesliga-Tabelle sind nur der VfB Leipzig und Tasmania 1900 erfolgloser. Was auf den ersten Blick wie eine Katastrophen-Saison wirkt, war auf den zweiten eine ziemlich knappe Kiste: Blau-Weiß 90 bewegte sich bis zum 33. Spieltag in Reichweite des Klassenerhalts. Erst das 1:2 beim Hamburger SV und die parallelen Siege des FC Homburg und von Fortuna Düsseldorf brachten das sofortige Rückfahr-Ticket in die 2. Liga. „Sehr, sehr schade, dass wir es nicht geschafft haben“, findet das Peter Stark auch noch 26 Jahre später. „Wenn wir es gepackt hätten, wären noch einige Bundesliga-Jahre gefolgt“, glaubt der damalige Kapitän. So aber war die einmalige Chance vertan, langfristig die Nummer eins in der Stadt zu werden.

Ein Jahr vorher. „Drin! Drin! Drin!“, jubelte die „BZ“ auf der Titelseite, als der Aufstieg perfekt war. Die Zeitungen druckten Serien über die neuen Helden. Diese sangen im ZDF mit Bernhard Brink vor einem Millionen-Publikum „wir sind heiß auf Blau-Weiß“. Zuvor hatte sich Hertha BSC erstmals in der Klubgeschichte in die 3. Liga verabschiedet und Tennis Borussia gleich mitgenommen. Plötzlich war der kleine Klub Blau-Weiß 90, der erst seit 1984 im Profi-Bereich mitmischte, eine große Nummer. Die damals in Sachen Fußball darbenden Berliner hatten Lust auf die Bundesliga. Der Saison-Zuschauerschnitt lag bei für die damaligen Verhältnisse beachtlichen 22.000 – obwohl die Mannschaft dauerhaft im Erdgeschoss der Tabelle logierte.

Blau-Weiß gewann lediglich dreimal, unter anderem spektakulär 3:2 gegen Borussia Mönchengladbach, spielte aber attraktiv, weil offensiv. Angeleitet von Trainer Bernd Hoss, der mitunter aufgeregt gestikulierend an der Eckfahne auftauchte. Und Blau-Weiß spielte ohne Angst. Ein Beispiel: 1:2 stand es zur Pause gegen Werder Bremen. „Aber wir wollten um jeden Preis gewinnen. Uns war egal, dass da Rudi Völler und Frank Neubarth auf der anderen Seite waren“, erinnert sich Stark. Zur Freude des Gegners, der konterte und noch zwei Tore schoss. „Wir waren zu unerfahren und zu unclever“, sagte Stürmer Jörg Gaedke kürzlich rückblickend in der „Berliner Zeitung“.

Geldgeber Hans Maringer

Das zweite große Problem war das Geld. Seit den Zeiten des dubiosen Geschäftsmanns Konrad Kropatschek stand die „Finanzakrobatik in Berlin“ („Der Spiegel“) unter besonderer Beobachtung beim DFB, die Lizenz gab es nur mit strengen Auflagen. „Uns fehlte der Unterbau, wir waren von einem Mann abhängig“, sagt Siegfried Hahn. Der fränkische Sanitär-Großhändler Hans Maringer war Haupt-Geldgeber. Hahn war Sportwart, inzwischen ist er Ehren- und seit kurzem auch wieder Vereinspräsident beim SV Blau-Weiss. Im West-Berlin der 80er Jahre war es schwer, Sponsoren zu finden. „Wenn einer bereit war, uns 50.000 Mark zu leihen, wollte er zwei Wochen später 80.000 zurück haben“, sagt Hahn.

Glücksgriff Karlheinz Riedle

Finanziell derart eingeschnürt hatten die Verantwortlichen die Mannschaft kaum verstärken können. Zudem war der beste Stürmer Leo Bunk zum VfB Stuttgart gewechselt. Für ihn kam vom FC Augsburg der 21 Jahre alte Karlheinz Riedle, der in Berlin seine außergewöhnliche Karriere startete. Riedle war ein Glücksgriff, erzielte zehn Saisontore. Doch alleine konnte er es nicht richten. Er wechselte nach der Saison zu Werder Bremen. „Uns fehlten ein bis zwei Stürmer“, sagt Stark. 36 Tore in 34 Spielen untermauern seine Worte.

Stark war in der Bundesliga-Saison 32 Jahre alt. Er war erst zwei Jahre zuvor Profi geworden, hatte sich dafür vorübergehend aus dem Obsthandel seines Vaters zurückgezogen. „Die Bundesliga-Zeit war für mich die absolute Krönung“, sagt er. Trotz des Abstiegs, trotz seines Verletzungspechs, das ihn viele Spiele kostete. Er wandte sich auch mal mit den Worten „Pfeif doch ooch mal für die Kleenen“ an den Schiedsrichter. Stark war der Kapitän einer – das betonen viele Spieler in der Rückschau – verschworenen Gemeinschaft, die sich im höheren Fußballer-Alter noch den Traum von der Bundesliga erfüllt hatte oder, wie etwa Riedle, am Anfang der Karriere Erfahrungen sammelte.

Darunter war einiges Lehrgeld, zu zahlen in der Währung „Gegentore“. 1:4 am ersten Spieltag gegen den 1. FC Kaiserslautern, in der Hinrunde folgten unter anderem ein 0:7 bei Borussia Dortmund und ein 2:7 beim 1. FC Nürnberg. „Ich dachte nur, 'um Gottes Willen, hoffentlich ist das irgendwann vorbei'“, erinnert sich Stark an das Desaster beim BVB, das er verletzt von draußen verfolgte.

Aber Blau-Weiß ist nicht wegen dieser Spiele abgestiegen. Sondern wegen vermeidbarer Niederlagen nach guten Leistungen. Stark zählt die liegengelassenen Punkte, zumindest einige davon, aus dem Kopf auf, als wäre die Saison vorgestern zu Ende gegangen. Der Knackpunkt waren zwei Heimspiele Anfang Mai 1987: „Gegen Düsseldorf führen wir 1:0, treffen den Pfosten und verlieren 1:2. Drei Tage später gegen Stuttgart steht es lange 0:0, wir reklamieren Elfer, kriegen im Gegenzug das 0:1 und verlieren 0:2.“
Weiter Platz 18, anstatt erstmals seit Monaten auf den Relegationsrang zu klettern. Knapp sechs Wochen später, am 33. Spieltag, stieg Blau-Weiß 90 ab. Die Bayern hatten eine Woche vorher die Meisterschaft geholt.

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