26.06.2017

„Wir haben uns gefühlt wie zwischen Baum und Borke“

Interview mit Ayhan Bilek (1. FC Schöneberg)

Trainerplausch: In der 3. Runde des Berliner Pilsner-Pokals traf Ayhan Bilek (links) mit dem 1. FC Schöneberg im Oktober 2016 auf den von Thomas Häßler trainierten Club Italia (4:1). Foto: JouLux

Es mutet wie ein kleines Wunder an: Der 1. FC Schöneberg spielt in der nächsten Saison in der Berlin-Liga und damit so hoch wie noch nie seit der Fusion zwischen dem VfL Schöneberg und der SpVgg Schöneberg 1913 im Jahr 1991. Über die gesamte Saison stand Schöneberg nicht auf einem Aufstiegsplatz, aber mit einem 5:2-Sieg am letzten Spieltag gegen Hellas-Nordwest rückte der Klub auf den letzten Drücker noch auf den dritten Platz der Landesliga, 1. Abteilung, vor, der zum Aufstieg berechtigt. Und das hat der Verein vor allem einem zu verdanken: Ayhan Bilek. Der heute 52-Jährige übernahm die Mannschaft im späten Frühjahr 2011 in der Kreisliga B und schaffte seitdem in sechs Jahren vier Aufstiege. Die FuWo sprach mit Bilek, der Mitte der 80er Jahre sogar einige Einsätze für Hertha BSC in der 2. Bundesliga (jeweils zwei 1984/85 und 1985/86) verzeichnete und seine Brötchen bei einem großen Sportartikel-Hersteller verdient, über das Märchen vom Vorarlberger Damm.

FuWo: Herr Bilek, nach der Hinrunde war Schöneberg Neunter, jetzt folgt der Aufstieg in die Berlin-Liga. Wie haben Sie das hinbekommen?


Ayhan Bilek: „Irgendwie musste man ja den Eindruck haben, dass in dieser verrückten Saison keiner will. Wir waren zwischendurch nur noch Zwölfter, da habe ich der Mannschaft gesagt: Hey, das ist unsere zweite Saison nach dem Aufstieg, das ist gefährlich, da kann man auch absteigen. Andererseits war der Abstand nach oben nicht so groß. 
Und als die da oben immer wieder geschwächelt haben, haben wir uns gesagt: Dann nehmen wir das eben mit. Wir haben die Mannschaften über uns immer wieder geschlagen, wir hatten aber auch das Glück des Tüchtigen und ich hatte ein glückliches Händchen bei manchen Einwechslungen, es gab einige Joker-Tore. Entscheidend war dann das 2:1 im Derby gegen Inter. Und natürlich, dass Biesdorf und Türkiyemspor auf der Zielgeraden gepatzt haben.“

Habt Ihr denn richtig feiern können? Es kam ja das Gerücht auf, dass Eintracht Mahlsdorf als Zweiter der Berlin-Liga in die Oberliga aufsteigt und Mahlsdorfs Zweite als Landesliga-Meister in die Berlin-Liga hochrückt.

Bilek: „Wir haben uns gefreut, aber es war eine gedämpfte Freude. Die Unsicherheit war eben da. Das ist eine Katastrophe, dass die Verbände nicht ganz klare Ansagen machen. Wir haben uns gefühlt wie zwischen Baum und Borke, nicht Fisch, nicht Fleisch.“

Wann haben Sie realisiert, dass es doch klappt?

Bilek: „Nach einem Telefonat mit der FuWo am Sonntag nach dem Hellas-Spiel. Ulli Meyer hat mir gesagt, dass wir es geschafft haben und das habe ich so an die Mannschaft weitergegeben. Aber so richtig wollte das keiner wahrhaben, die Spieler hatten andere Informationen aus dem Internet. Sogar vier Tage später, als wir uns vor der Sommerpause ein letztes Mal getroffen haben, war ein kleiner Rest an Unsicherheit immer noch da. Wir haben bis jetzt auch noch keine offizielle Nachricht vom Verband erhalten, dass wir nun in der Berlin-Liga sind.“

Platz drei in der Landesliga ist so oder so der größte Erfolg für den Verein. Was bedeutet Ihnen das?

Bilek: „Eine Menge. Ich hatte bei meinem Amtsantritt gesagt, dass ich den 1. FC zur Nummer eins in Schöneberg machen will. Das ist mir gelungen, wir stehen vor Inter und etwa dem Friedenauer TSC. Ich habe auch vor dem letzten Spiel noch gesagt, dass wir auf jeden Fall feiern, weil es eine tolle Saison war.“

Der 1. FC Schöneberg war schon in der Vorsaison nah dran, wurde am Ende Vierter. Warum hat es vor einem Jahr nicht geklappt?

Bilek: „Da war die Geschichte mit dem SSC Südwest, der fünf meiner Jungs viel Geld geboten und sie verrückt gemacht hat. Wir waren lange Tabellenführer und Zweiter, haben am Ende aber abgebaut, weil das im Raum stand. Die Sache mit Südwest hat sich dann erledigt, plötzlich war bei dem Verein kein Geld mehr da. Vier Spieler sind zurückgekommen, nur Torwart Stefan Maus nicht, er ging zum Berliner SC. Auf die vier anderen prasselte dann Häme ein, die haben lange gebraucht, um zurück zu alter Form zu finden. Und mit Maus im Kasten wären wir in dieser Saison durchmarschiert. Bei uns gab es einige haarsträubende Torwartfehler. Zur neuen Saison kommen zwei neue Keeper, ein ganz junger 1,98-Meter-Riese aus Westdeutschland und ein erfahrener aus Berlin. Den Namen kann ich aber noch nicht verraten.“

Ist der Verein für die Berlin-Liga bereit?

Bilek: „Die Rahmenbedingungen waren schon für die Landesliga kaum da, von den Strukturen sind wir eigentlich noch nicht so weit. Und große Verpflichtungen können wir nicht tätigen, wir backen finanziell ganz kleine Brötchen. Wir können zehn Ordner stellen, die Schiedsrichter können wir auch bezahlen und die Spieler bekommen einen kleinen Obulus. Mehr ist nicht drin.“

Reicht die Qualität des Kaders?

Bilek: „Ich sage mal Jein. Mehrere Spieler sind im Einzelhandel tätig und können nicht regelmäßig trainieren. Aber die Jungs identifizieren sich mit dem Verein. Marc Götzenbrucker hat sich 1. FC Schöneberg sogar auf den Arm tätowieren lassen. Wenn wir als Team agieren, ist der Klassen­erhalt drin.“ 

Interview: Bernd Karkossa

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