06.01.2018

Winterkurort Berlin

In dieser Woche vor 80 Jahren

Wetterdaten gehören in der Fußball-Woche nicht zum Standard. Aber besondere Situationen erfordern Ausnahmen. So war in der ersten Ausgabe des Jahres 1938 zu lesen: „Bericht aus dem Winterkurort Berlin: Ski und Rodel gut, 10 Zentimeter Neuschnee. Fußballplätze: Schneedecke auf Eisuntergrund.“ Nach Angaben der „Berlinischen Monatsschrift“ des Luisenstädtischen Bildungsvereins gab es von Mitte Dezember 1937 bis Anfang Januar eine Periode von 19 Frosttagen in Serie. Der Winter hatte Berlin im Griff. Eigentlich wurde auch über den Jahresbeginn draußen Fußball gespielt, diesmal nicht. Besser gesagt, fast nicht. 

„Der Befund der Plätze am Freitag und Neujahrsvormittag führte zu einer allgemeinen Absage der für Sonntag, den 2. Januar, angesetzt gewesenen Meisterschaftsspiele sämtlicher Spielklassen und Abteilungen“, schrieb die FuWo. Daran änderte auch der frische Schnee nichts mehr, der ab 1. Januar runterkam und „eine die Spieler vor Verletzungen schützende dicke Decke über die Eisschicht“ legte. Die Absage stand bereits vorher fest. Von der Gauliga Berlin-Brandenburg (die höchste Klasse, unter anderem mit Tennis Borussia, Hertha BSC, CSC Friesen-Cottbus und SV Nowawes 03) bis in die Bezirks- und Kreisklassen ruhte der Ball. 


Doch Eis, Neuschnee und Temperaturen unter null Grad hielten nicht alle davon ab, Spiele auszutragen. So vereinbarten Hertha und Minerva 93 aus der Bezirksklasse schnell ein „Gesellschaftsspiel“, also ein Testspiel. Da führte Minerva überraschend bis in die Schlussphase 2:1, ehe der Favorit noch 3:2 gewann. Für heiße Diskussionen bei kühlen Witterungsbedingungen sorgte das 2:2 durch Hanne Sobek. „Die beiderseitigen Fanatiker“, also einige der 2000 Zuschauer auf dem Hertha-Platz am Gesundbrunnen, „warfen sich Liebenswürdigkeiten an den Kopf“, weil die einen ein Foul von Sobek gesehen haben wollten – und die anderen eben nicht. Einen Tag vorher waren ungeachtet des wenig fußballfreundlichen Wetters an selber Stelle 7000 Zuschauer beim Städtespiel zwischen Berlin und Danzig gewesen, das die Gastgeber 5:0 gewannen. Manch ein Akteur hatte Probleme mit dem schneebedecken Boden, etwa „das Danziger Schwergewicht“ Paul Matthies. 

Die FuWo brachte unter der Überschrift „Weitere Berichte von den Wintersportplätzen“ ausführliche Texte von zwei anderen Freundschaftsspielen. Der 1. FC Neukölln verlor 4:7 gegen Viktoria 89 und Union Oberschöneweide, kurz Union-Ob., besiegte die Sportgemeinschaft Lufthansa 3:1. Zu Union-Ob. kamen mehrere hundert Zuschauer, obwohl es im Rundfunk geheißen hatte, dass die Begegnung wegen des Wetters ausfällt: „In der Wuhlheide finden sich doch immer wieder die fanatischsten Anhänger“, staunte die FuWo. Diese hätten fast sofort wieder gehen müssen, weil auch viele Spieler von Lufthansa der Info im Radio glaubten und nicht erschienen. Nur fünf Mann des eigentlichen Teams waren vor Ort, „zum Glück waren genügend Ersatzkräfte zur Stelle“, so dass man antreten konnte. Immerhin 100 Zuschauer wollten zudem in Berlins Norden die Reserve von Wacker 04 gegen den Wilmersdorfer SC sehen (2:5).
Großes Thema war zu Jahresbeginn das Gauliga-Spiel zwischen der ersten Mannschaft von Wacker und dem BSV 92, das am 26. Dezember 1937 trotz des völlig vereisten Untergrunds angepfiffen und nach 20 Minuten vorzeitig beendet worden war. Einige Zuschauer hatten danach ihr Geld zurückerhalten, aber nicht alle. Wacker teilte nun via FuWo mit: „Es sind noch über die Hälfte der Karten im Besitz der Zuschauer. Um diesen Sportskameraden unnötige Differenzen zu ersparen, haben wir uns entschlossen, am 9. Januar die bereits gelösten Eintrittskarten gegen neue Karten umzutauschen.“ 

Da war noch völlig unklar, ob gespielt werden kann. Tatsächlich setzte erst Tauwetter ein, ehe neuerlicher Frost kam. Es drohte die Absage. Aber die Eisschicht auf dem Rasen wurde mit Sand bestreut und die Partie fand statt. 10.000 Zuschauer im Poststadion sahen ein „gutes Spiel auf Eisboden“ – Endstand 1:1.

Von Sebastian Schlichting

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