Mein Fußball-Woche

14.07.2012

„Willkommen in der vierten Liga!“

Nach einem Jahr im überregionalen polnischen Fußball kehrt bei Czarni Browar Vietz der Alltag wieder ein

Vor fünf Minuten ist die Saison für Czarni Browar Witnica zu Ende gegangen. Jetzt steht Dariusz Nauman im kleinen VIP-Bereich des Stadions Miejski und sagt auf deutsch: „Willkommen in der vierten Liga.“ Dabei lächelt der Präsident. Ganz so, als freue er sich über den Ligenwechsel.

Als sei sein Team soeben aufgestiegen. Dabei ist die vierte Liga in Polen nur die fünfthöchste Spielklasse, und da muss Witnica – der deutsche Name ist Vietz – ab Sommer wieder mitkicken. Nach nur einer Spielzeit in der III. Liga Dolnoslasko-Lubuska (Niederschlesien-Lebus), einer von acht Staffeln der vierthöchsten Klasse. Für diese hatte sich der Miejski Klub Sportowy erstmals nach zehn Jahren qualifiziert.

Aber vielleicht schwingt in Naumans Satz auch einfach etwas Erleichterung mit. Erleichterung darüber, dass der missglückte Ausflug in die III. Liga nun endlich vorbei ist. Er endet mit zwei Siegen, die beide über neun Monate zurückliegen, sechs Unentschieden und 20 Niederlagen. Auswärts brachte es die Mannschaft auf einen kümmerlichen Punkt bei 3:39 Toren. Auf den ersten Nichtabstiegsplatz fehlen 19 Zähler. Nun ist es überstanden, zum Abschluss springt im bedeutungslosen Spiel gegen Meister Chrobry Glogow (Glogau) ein 1:1 heraus. Unwichtig für die Tabelle, aber doch ein Abschluss mit Anstand.

Die zurückliegenden Monate haben dem Klub aus dem kleinen Ort gut 20 Kilometer hinter der deutschen Grenze sportlich wenig Erfreuliches, aber zumindest eine Erkenntnis gebracht: Auch in der vierthöchsten polnischen Spielklasse lässt sich ohne finanzielle Rückendeckung wenig ausrichten. Mit 150.000 Zloty (umgerechnet etwas weniger als 40.000 Euro) hat die Stadt laut Nauman den Verein unterstützt. Um ordentlich mithalten zu können, sei jedoch das Doppelte nötig. Da fangen die Probleme an. Viele kleine Sponsoren gebe es zwar, sagt der Präsident und deutet auf Plakate einer Pizzeria oder einer Zaunfabrik. Und die örtliche Brauerei „Boss Browar“, 1848 zu preußischer Zeit gegründet und inzwischen die einzige in der Woiwodschaft Lebus, ist nicht nur im Vereinsnamen zu finden, sondern auch finanziell beteiligt. „Aber nicht mehr in dem Umfang wie früher“, sagt Nauman.

Witnica liegt tabellarisch ganz im Süden, geographisch gesehen aber in der Liga sehr weit nördlich. Zu Celuloza Kostrzyn (Küstrin) oder Ilanka Rzepin (Reppen) ist es nicht weit, viele Auswärtsfahrten führen jedoch nach Niederschlesien in die Gegend um Breslau und darüber hinaus. 350 Kilometer, einfache Strecke, waren es zum Beispiel bis zu MKS Olawa (Ohlau). Das strapaziert das Klubkonto.

Zum Saisonausklang bleibt die Kasse des hübsch im Wald gelegenen Stadions an der ul. strzelecka zu. „Freier Eintritt“ bedeutet der Ordner mit einer einladenden Geste. 250 Interessierte sind noch einmal gekommen, für den abgeschlagenen Tabellenletzten der Liga eine ordentliche Zahl. Darunter auch rund 50 Gäste-Fans, von denen einige wenige im Stadion sind, der Großteil aber von draußen zuschaut. Das nach den Ausschreitungen beim polnischen Pokalfinale im Mai ausgesprochene Stadionverbot für Auswärts-Fans gilt nur für die obersten drei Ligen, es sieht daher nach einer Protestaktion gegen diese Maßnahme aus.

Chrobrys Fans singen friedlich Lieder, werden dabei aber trotzdem argwöhnisch beobachtet von der nach der Halbzeit behelmten und mit Schlagstöcken ausgerüsteten Polizei. Auch die ruhig auf der mit fünf Reihen Schalensitzen ausgestatteten Tribüne zuschauenden Zuschauer aus Witnica – vorwiegend ältere Herren, die ihr Fahrrad direkt an den Zaun zum Spielfeld gelehnt haben – scheinen dem Frieden nicht zu trauen. Als sich ein kleiner Junge den Fans aus Glogau nähert, springt seine Mutter auf, rennt 50 Meter, greift ihn resolut an der Schulter und holt ihn schnell zurück.

Chrobrys Fans singen friedlich Lieder, werden dabei aber trotzdem argwöhnisch beobachtet von der nach der Halbzeit behelmten und mit Schlagstöcken ausgerüsteten Polizei. Auch die ruhig auf der mit fünf Reihen Schalensitzen ausgestatteten Tribüne zuschauenden Zuschauer aus Witnica – vorwiegend ältere Herren, die ihr Fahrrad direkt an den Zaun zum Spielfeld gelehnt haben – scheinen dem Frieden nicht zu trauen. Als sich ein kleiner Junge den Fans aus Glogau nähert, springt seine Mutter auf, rennt 50 Meter, greift ihn resolut an der Schulter und holt ihn schnell zurück.

Nach dem Abpfiff bedanken sich die Gäste per Handschlag erst bei ihren Anhängern innerhalb des Stadions und machen sich dann auf den Weg zum Rest jenseits der Anlage. Czarnis Präsident Nauman bekommt dies schon nicht mehr mit. Er hat den kleinen Balkon vor dem VIP-Bereich verlassen und erzählt, dass er verwandtschaftliche Beziehungen nach Berlin hat und sein Klub gute Kontakte zum BFC Preussen unterhält. An Pfingsten kam eine Mannschaft aus Lankwitz zu einem großen Jugendturnier in Vietz. Über die grade zu Ende gegangene Saison verliert er nicht mehr viele Worte. „Jetzt wird erst einmal etwas getrunken“, beschließt Nauman. An der kleinen, aber feinen Auswahl örtlicher Bierspezialitäten – unter anderem mit Honig- und Kirschgeschmack – geht er vorbei und schenkt sich ein ebenso klares wie hochprozentiges Getränk ein. Willkommen in der neuen, altbekannten Liga!

Sebastian Schlichting

Brauerei im Vereinsnamen

Czarni Witnica wurde 1945 gegründet. Die Geschichte des Klubs ist eng mit der traditionsreichen örtlichen Brauerei „Boss Browar“ verbunden. Die 1848 in Preußen entstandene Privatbrauerei (bis 1945 Sternbräu Brauerei und Malzfabrik E. Handke) wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von der polnischen Regierung verstaatlicht, später – nach der Privatisierung 1992 – eine Aktiengesellschaft, die seit 2000 unter dem Namen „Boss Browar Witnica“ firmiert und nach Skandinavien, Deutschland, Italien sowie in die USA exportiert. Empfehlenswerte Biere unter den 30 (!) Sorten: das 8,5prozentige Porter sowie das nach der Region benannte „Lubuskie“.

Seit 1993 ist die Brauerei Sponsor des örtlichen Fußballklubs, der den Firmennamen „Browar“ in den Vereinsnamen mit aufnahm. Den größten Erfolg errang Czarni Witnica in der Saison 1997/98, als die Mannschaft – vor der Spielklassenreform in Polen – Platz zwölf in der achtgleisigen dritthöchsten Liga belegte. 2007 bekam das Stadion eine 650 Lux starke Flutlichtanlage. Der Aufstieg 2010 in die viertklassige III. Liga Lebus/Niederschlesien erwies sich allerdings sportlich und finanziell als eine Nummer zu groß. Als Hauptgeldgeber fungiert weiter die Stadt.

Gute Beziehungen unterhält der Verein nach Deutschland, u.a. zur SG Müncheberg aus Witnicas Partnerstadt. Im Jugendbereich bestehen gute Kontakte zum BFC Preussen.

Vor 1945, als Vietz/Ostbahn noch zur Neumark in Deutschland gehörte, spielte der Vietzer FC 1911 im Verband Brandenburgischer Ballspielvereine (VBB). In der Fußball-Woche vom 17. April 1929 heißt es in einem Bericht aus der 1. Klasse des Warthebezirks: „Klar und deutlich brachte jedenfalls das Spiel den Beweis, daß Vietz zur Zeit eine Mannschaft beisammen hat, gegen die sogar die Favoriten auf der Hut sein müssen.“ Die Gegner kamen damals aus Landsberg an der Warthe, Küstrin, Neudamm, Soldin und Schwerin an der Warthe.

Jerzy Chwalek/hob

Mit dem Zug auf der Ostbahn-Strecke

Die 7000-Einwohner-Stadt Vietz (polnisch: Witnica) besitzt dank der früheren, 1392 Kilometer langen Reichsstraße 1 von Aachen über Königsberg nach Eydtkuhnen in Ostpreußen sowie dank der ehemaligen preußischen Ostbahn (Berlin-Danzig-Königsberg) eine hervorragende Verkehrsanbindung.

Der Ort ist von Lichtenberg mit der Niederbarnimer Eisenbahn mit Umsteigen in Kostrzyn (Küstrin) in knapp 120 Minuten zu erreichen. Bis Küstrin zählt das Berlin-Brandenburg-Ticket (28 Euro, bis zu fünf Personen können mitfahren). Der kurze, letzte Teil bis Vietz kostet am Schalter 4,50 Zloty, also gut einen Euro. Vom Bahnhof ist es ein etwa 20-minütiger Fußweg durch die Ortsmitte nach Norden bis zum Stadion. Die Rückfahrt nach Küstrin kann entweder genauso in Angriff genommen werden, oder – falls die Fahrpläne nicht zur Anstoßzeit passen – erst einmal mit Witnicas einzigem Taxi („Bodzio“ Nr. 1, Tel. 500 355 354) für zehn Euro. Der kleine Laden, etwa 300 Meter vom Stadion entfernt, hilft gern bei der telefonischen Taxi-Bestellung weiter. In Küstrin liegt direkt am Bahnhof eine Pizzeria (Pizza ab umgerechnet 3,50, Pasta ab 2,50 Euro, frisch gezapftes Bier 0,5 Liter 1,50 Euro).

SeS/hob

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