10.06.2012

Willkommen beim ältesten Klub der Welt

Der 1857 als Zeitvertreib für den Winter gegründete Sheffield FC gilt als Symbol für den ehrlichen Amateurfußball.

Die Gästeliste zum Geburtstagsspiel des Sheffield FC konnte sich sehen lassen: Pelé saß auf der Tribüne, die Mannschaft von Inter Mailand stand auf dem Rasen, fast 19.000 Zuschauer waren im November 2007 gekommen. Phänomenal für einen Klub aus der achten Liga. Die Anwesenheit von Pelé und Inter Mailand ist dort im Normalfall so wahrscheinlich wie ein Auftritt der Rolling Stones bei einem Sommerfest der Kleingartenkolonie Sonnenschein. Aber zum einen wird man nur einmal 150 Jahre alt, und zum anderen ist der Sheffield FC alles andere als ein gewöhnlicher Achtligist.

Eckball, Einwurf, Freistoß, feste Torlatte – Selbstverständlichkeiten im Fußball. Heute und seit langer Zeit. Aber nicht immer. Zum Beispiel noch nicht, als der Weinhändler William Prest und der Anwalt Nathaniel Creswick im Jahre 1857 nach einem Zeitvertreib für den Winter suchten. Für die Jahreszeit, in der sie ihrer eigentlichen Leidenschaft Cricket nicht nachgehen konnten. Mit einigen Mitstreitern gründeten sie am 24. Oktober 1857 in einem Park den Sheffield FC, den ersten Fußballklub der Welt. So steht es im Wappen, so wird jeder Anrufer am Telefon begrüßt und so wird der Verein vom englischen Verband FA (gegründet 1863, und damit sechs Jahre jünger als Sheffield FC) und dem Weltverband FIFA (gegründet 1904) geführt.
Prest, Creswick und die anderen Pioniere waren natürlich nicht die ersten, die gegen einen Ball traten. Aber sie waren die ersten, die dies in einem Verein taten. 1857, als James Buchanan 15. Präsident der USA wurde, Giuseppe Verdis Oper Aroldo die Uraufführung erlebte und die ersten Weißwürste im Münchner Gasthaus „Zum ewigen Licht“ serviert worden sein sollen.

Die in Sheffield niedergeschriebenen Regeln („Sheffield Rules“) sind die ältesten erhaltenen, nachdem Studenten der Universität Cambridge einige Jahre zuvor bereits ein Regelwerk aufgestellt hatten. Eckball, Einwurf, Freistoß, feste Torlatte – Sheffield brachte „Ordnung in das Chaos“, wie der Verein stolz verkündet. Über 30 Jahre bevor sich in Berlin der BFC Germania 88 gründete, der älteste noch existierende Verein Deutschlands.

Erstes Spiel gegen Hallam FC

Sheffield FC stand zu Beginn vor einem nicht unerheblichen Problem. Fußball ist nun mal ein Spiel zweier Mannschaften gegeneinander, es gab aber erst einen Verein. Es spielten daher zum Beispiel die Unverheirateten im Klub gegen die Ehemänner. 1860 fand sich dann endlich im inzwischen gegründeten und auch in der Stadt beheimateten Hallam FC ein Gegner, Sheffield gewann 2:0.
Es entstanden immer mehr Vereine und als 1885 in England der Profi-Fußball eingeführt wurde, bahnte sich das Ende der großen Zeit des Sheffield FC an, der ein Amateurverein bleiben wollte. Während die Lokalrivalen schon früh zu Meisterehren kamen – Sheffield United 1898, Wednesday 1903 und 1904 – wurde es um die Erben von Prest und Creswick ruhig. Ausnahme: der Gewinn des Amateur-Cups 1904. Das einzige danach bis 2001 auf der Webseite verzeichnete Ereignis ist die 100-Jahr-Feier 1957 in Anwesenheit des Duke of Edinburgh und des späteren FIFA-Präsidenten Sir Stanley Rous.

Dass Sheffield auf bescheidenem Niveau in der Yorkshire League spielte, war das geringere Problem. Schließlich war der Amateur-Status gewollt. Allerdings war der erste Fußball-Klub der Welt völlig in Vergessenheit geraten. Nur eine Mannschaft im Spielbetrieb, kaum Zuschauer, kein eigenes Stadion, geduldet auf einer Leichtathletik-Anlage mit Fußball-Feld.

Richard Tims bringt die Wende

Die Wende brachte eine Entscheidung von Richard Tims im Jahr 1999, die seine Familie mit den Worten „Du bist verrückt“ kommentierte. Der in der Stadt geborene Tims verkaufte seine Anteile an einer gutgehenden Druckerei, um sich fortan hauptberuflich als Vorsitzender um den Sheffield FC zu kümmern. Den ältesten Fußball-Klub in Richtung seines 150. Jubiläums zu führen, diese Chance, sagt Tims heute, „kommt nur einmal im Leben. Da musste ich zuschlagen.“

Der inzwischen 48-Jährige schlug zu. Als Geschäftsmann wusste er, was zu tun war. Der Klub musste endlich das in die Waagschale werfen, was er hatte: seine Geschichte. Die Welt – zumindest all jene auf der Welt, die sich für Fußball interessieren, und das sind bekanntlich nicht wenige – sollte erfahren, dass es im nördlichen Teil Englands einen kleinen Verein gibt, dem sie viel zu verdanken habe.

Ein Zuhause in Dronfield

2001 zog der Verein erstmals in ein eigenes Stadion. In Dronfield, knapp südlich von Sheffield und bereits in der Grafschaft Derbyshire gelegen, Fassungsvermögen 2000 Zuschauer, davon 250 überdachte Sitzplätze, ein Pub. Kein Schmuckstück, aber endlich etwas Eigenes. Ein Zeichen für den Aufbruch. Inzwischen spielt der Klub eine Liga höher, im Vorderfeld der achtklassigen Northern Premier League First Division South. Aber das ist nachrangig.

Es geht nicht um das Aufmischen des Profi-Fußballs. Es geht um etwas Größeres. Der Verein möchte eine Alternative sein. Ein Anker für all jene, die mit Lachs und Champagner, mit Heizstrahlern und Polstersitzen beim Fußball nichts anfangen können. Wer, wenn nicht der älteste aller Klubs könnte die Rückbesinnung auf die Wurzeln des Spiels, den ehrlichen Amateur-Fußball, am besten symbolisieren? Sheffield will Zweitverein eines jeden Fans sein und eine Art symbolisches Zuhause für die vielen Millionen Amateur-Kicker rund um den Globus – so die Idealvorstellung.

Auf einer Stufe mit Real Madrid

Unermüdlich arbeitet Tims daran, Leute zu überzeugen. Der Erfolg ist beachtlich. Da wäre nicht nur die erlesene Gästeliste beim Spiel zum 150. Geburtstag, das an der Bramall Lane, dem Stadion von Sheffield United, stattfand und mit einem für die Amateure respektablen 5:2 für Inter Mailand endete. FIFA-Präsident Sepp Blatter ist Präsident der Sheffield Foundation, 2004 erhielt der Klub für die Verdienste um den Fußball vom Weltverband den Order of Merit, als einziger Verein neben Real Madrid.

Diese „Authentifizierung durch die FIFA“ (Tims) öffnet Türen. Und der Klub will und muss weitere öffnen. Auch in der achten Liga geht ohne Geld wenig. Die im Mai 2011 bei Sothe-by's versteigerten Original-Regeln aus dem Jahre 1857 brachten zwar umgerechnet rund eine Million Euro, aber davon ging ein Großteil als Rückzahlung für aufgenommene Hypotheken beim Umzug ins neue Stadion 2001 an die Bank. Die Pläne für ein „Home of Football“ mit Museum und Spielstätte sind fertig. Der Klub würde gern an seine Wurzeln im Zentrum von Sheffield zurückkehren. Am Olive Grove (Olivenhain), von 1887 bis 1899 Sheffield Wednesdays erste ständige Spielstätte, ist ein neues, 10.000 Zuschauer fassendes Stadion angedacht. Es fehlen aber die Mittel zur Umsetzung – vor allem seit dem Scheitern der englischen Bewerbung für die Ausrichtung der WM 2018.

Seit Ende 2010 arbeitet Sheffield FC mit der Hamburger Unternehmensberatung Triumph Media Group zusammen. Frederik Lütt, der Director Media Rights, hatte Tims kennengelernt und war sofort begeistert vom Klub und seiner Historie. Das Unternehmen hilft beim Ausbau des Bereichs Fanartikel und bei der Sponsorensuche. Vor allem letzteres ist kein einfaches Unterfangen. Potenzielle Geldgeber seien zwar oft angetan von der Marke Sheffield FC mit seiner unvergleichlichen Geschichte, sagt Lütt. Doch etwas interessant finden und einen Achtligisten finanziell unterstützen, sind dann doch zwei grundverschiedene Dinge. Mit dem Hinweis, Sheffield habe vor 229 zahlenden Zuschauern Kidsgrove Athletic 3:0 geschlagen, lässt sich da wenig bewirken. „Es geht um eine Plattform für Corporate Social Responsibility“, sagt Lütt. Übersetzbar mit unternehmerische Sozialverantwortung.

Denn Sheffield, mittlerweile mit über 20 Teams im Spielbetrieb, schreibt gut klingende Schlagworte wie Integrität, Respekt und Gemeinschaft nicht nur auf, der Klub füllt sie mit Leben. Beispielsweise durch das Projekt „Boots for Africa“, bei dem unterstützt von Firmen mit Weltruf Fußballschuhe für Entwicklungsländer gesammelt werden. Und im Verein gibt es drei Mannschaften, in denen behinderte Spieler am Ball sind.

So wie beim Sheffield FC spielen laut FIFA weltweit rund 40 Millionen Menschen Fußball in über 300.000 Vereinen. Die ersten waren William Prest, Nathaniel Creswick und einige Freunde. Als sie am 24. Oktober 1857 den Verein gründeten, suchten sie nur einen Zeitvertreib für den Winter…

Die größten Erfolge

1904: Gewinn des Amateur-Cups, im Finale 3:1 gegen AFC Ealing.

1977: Finalist im FA Vase (landesweite Pokalrunde für Amateurvereine), 1:2 im Wiederholungsspiel gegen Billericay Town.

Seit 2006 Mitglied der achten Liga (aktueller Name: Northern Premier League First Division South).

Die „greifbaren“ Erfolge sind überschaubar, der Klub ist seit jeher im Amateurbereich zu Hause. Sheffield FC war dafür an einigen historischen Ereignissen beteiligt.

1860: Am Boxing Day (26.12.) treffen Sheffield und Hallam FC im ersten Fußballspiel zweier Klubmannschaften aufeinander. Sheffield gewinnt an der Sandygate Road, wo Hallam bis heute spielt, 2:0.

1863: Mitglieder des Sheffield FC spielen eine wichtige Rolle bei der Gründung des englischen Verbandes FA.

1866: Sheffield und London City bestreiten das erste Spiel zweier Teams aus verschiedenen Städten. Dabei amüsieren sich die Zuschauer in London prächtig, weil die Gäste den Ball nicht nur mit dem Fuß, sondern auch mit dem Kopf spielen.

1872: Beim ersten offiziellen Länderspiel der Fußball-Geschichte ist Sheffields Sir Charles Clegg dabei. England und Schottland trennen sich 0:0.

Berühmte Miglieder

An dieser Stelle werden normalerweise berühmte frühere oder aktuelle Spieler und Trainer des Vereins aufgeführt. Heute geht es – aus gegebenem Anlass – um berühmte Mitglieder. Denn die Liste des Sheffield FC hat es in sich. Hier eine Auswahl:

Sepp Blatter: Der FIFA-Präsident ist Vorsitzender der Sheffield Foundation, die soziale Projekte fördert, z.B. „Boots for Africa“ (www.bootsforafrica.org).

Sven-Göran Eriksson: ehemaliger Nationaltrainer Englands, Mexikos und der Elfenbeinküste. Der Schwede trainierte u.a. auch IFK Göteborg, Benfica Lissabon und Manchester City.

Florentino Perez: Der Präsident von Real Madrid ist seit 2010 Ehrenmitglied. Sportlich trennen Real und Sheffield Welten, aber eines haben sie gemeinsam: den von der FIFA verliehenen Order of Merit.

Howard Webb: Englischer Schiedsrichter, der u.a. das Champions League-Finale 2010 zwischen Bayern München und Inter Mailand sowie das WM-Finale 2010 leitete. Er stammt aus Rotherham, etwa zehn Kilometer von Sheffield entfernt.

Gordon Banks: Der Weltmeister von 1966 wurde in Sheffield geboren. Er galt in der zweiten Hälfte der 60er Jahre als bester Torhüter der Welt.

Def Leppard: Hard-Rock-Band aus Sheffield, die mit ihren Alben „Hysteria“ und „Adrenalize“ Platz eins der Album-Charts in Großbritannien und den USA erreichte. Sänger Joe Elliott ist passionierter Sheffield United-Fan.

Michael Vaughan: ehemaliger Kapitän der englischen Cricket-Nationalmannschaft. Mit ihm gewann England 2005 erstmals nach fast 20 Jahren „the Ashes“, einen traditionellen Länderkampf gegen Australien. Er bekam danach die Ehrendoktorwürde der Sheffield Hallam University verliehen.

Sebastian Schlichting

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