18.06.2017

„Wenn Energie schwächelt, müsste man zur Stelle sein“

Interview mit Thomas Herbst (FC Viktoria 89)

Der neue Trainer beim Regionalligisten Viktoria ist ein alter Bekannter. Thomas Herbst (54) folgt auf Ersan Parlatan. Damit wiederholt sich Geschichte aus dem Sommer 2011. Da hatte Parlatan den sich vor der Fusion mit dem LFC Berlin noch BFC Viktoria 1889 nennenden Klub gerade in die Oberliga geführt und wurde durch Herbst abgelöst. Der einstige U 18-Europa- und U 20-Weltmeister (jeweils 1981) sowie frühere Bundesligastürmer (84 Spiele für Bayern München, Eintracht Braunschweig und Borussia Mönchengladbach) sollte den Deutschen Meister von 1908 und 1911, wie zuvor schon mit Türkiyemspor (2008) und Tennis Borussia (2009) geglückt, in die vierte Liga, in die Regionalliga führen. Dies gelang 2013. Im November 2014 folgte (Viktoria stand auf Abstiegsrang 15) die Trennung. Nach jeweils kurzen Episoden mit den glücklosen Guido Block und Robert Jaspert kehrte Parlatan auf den Trainerstuhl zurück und schaffte es in der gerade beendeten Spielzeit mit Abschlussrang vier, die ambitionierten Südberliner in Richtung Ligaspitze zu führen. Parlatans nun beginnende Ausbildung zum Fußball-Lehrer bringt Herbst auf Viktorias Trainerstuhl zurück.

Fußball-Woche: Herr Herbst, es ist jetzt 20 Monate her, dass Sie als Trainer gearbeitet haben. Eine ziemlich lange Zeit.


Thomas Herbst: „Ich war davor ja fast dreieinhalb Jahre bei Viktoria im Amt. Da kommt eine schöpferische Pause dann auch mal ganz gelegen. Ein Akku will hin und wieder aufgeladen sein.“

Was haben Sie sonst so in dieser Zeit gemacht?

Herbst: „Da sind die üblichen Trainerfortbildungen. Diverse Termine, die wahrgenommen werden. Dann sieht man sich natürlich viele Spiele in Regional- und Oberliga an. Herthas Nachwuchsteam hab ich oft gesehen. Das bringt auch eine Menge Spaß.“

Gab es keine Angebote?

Herbst: „Natürlich gab es die. Aber man muss dann auch immer schauen, ob es passt, ob sich die vom Verein gewünschten Ziele realistisch betrachtet überhaupt verwirklichen lassen. Hier in Berlin ist es von den Rahmenbedingungen, sprich Trainingsmöglichkeiten her ja bereits schwierig, auch nur halbwegs vernünftig zu arbeiten. Da staunen aus anderen Bundesländern zustoßende Spieler oft nicht schlecht, was Sie in der Hauptstadt da an Übungsplätzen erwartet.“

Und überregional?

Herbst: „Das hätte schon ein Knaller sein müssen (lacht). Ich sag mal, wenn der Ewald Lienen angerufen hätte, um mich nach St. Pauli zu lotsen. Dann wäre ich wahrscheinlich ins Grübeln gekommen. So muss ich aber sagen: Ich bin während meiner langen Karriere als Profi unendlich viel durch die Lande gereist. Das muss ich nicht wirklich mehr haben. Mein Lebensmittelpunkt liegt in Berlin. Und ich denke, so wird es auch bleiben.“

Nun also wieder Viktoria.

Herbst: „Als der Anruf kam, war ich zunächst schon ein wenig überrascht. Doch in den dann geführten Gesprächen habe ich schnell gemerkt, dass es in der erneuten Zusammenarbeit gut passen kann. Immerhin kenne ich das Umfeld ja recht gut. Wir sind dann ziemlich schnell auf einen gemeinsamen Nenner gekommen.“

Der Verein verfolgt ehrgeizige Ziele.

Herbst: „Er hat sich während meiner Abwesenheit auf allen Ebenen enorm entwickelt und will dies auch weiterhin tun. Sportlich heißt das: Nach dem zuletzt erreichten vierten Tabellenplatz soll es noch weiter nach oben gehen. Was doch wohl eine reizvolle Aufgabe ist…“

Wie sollen die ambitionierten Ziele denn erreicht werden?

Herbst: „Im abgelaufenen Spieljahr hat sich die Mannschaft dank erfrischendem, offensiv ausgerichtetem Spielstil viele Chancen erspielt und viele Treffer erzielt. Sie hat aber auch zu viele, dann zu Punktverlusten führende Gegentore kassiert. Was ja auch Ersan Parlatan bemängelte. Die These, dass eine gute Offensive zwar viele Spiele, aber nur eine starke Defensive die Meisterschaft gewinnt, wurde durch Meister Jena wieder mal eindrucksvoll belegt. Das bedeutet: Es wird für uns im Ansatz darum gehen, eine etwas ausgewogenere, die richtige Balance in unserer Spielgestaltung zu finden.“

Stand heute haben mit Haubitz, Hollwitz, Mihm, Trianni und Lensinger fünf gestandene Akteure den Klub verlassen, ist nur Leipzigs Angreifer Brügmann verpflichtet worden. 

Herbst: „Deshalb muss man sich aber nun keine Sorgen machen. Unser Sportdirektor Rocco Teichmann hat im Vorfeld viele gute Gespräche mit möglichen Kandidaten geführt. Er wollte natürlich erst einmal die Besetzung des Trainerpostens klarbekommen. Wir stimmen uns gerade ab, wie und mit wem wir uns verstärken wollen. Insgesamt sollen noch fünf bis sechs Akteure verpflichtet werden. Wobei ich hoffe, dass wir bis zum Trainingsbeginn am Dienstag schon mindestens vier Neue begrüßen können.“

Ihre Einschätzung zur neuen Saison.

Herbst: „Ich denke, mit Jenas Aufstieg ist Energie Cottbus jetzt in die absolute Favoritenrolle gerückt. Alles andere als eine Cottbuser Meisterschaft müsste als Überraschung, fast als Sensation bezeichnet werden. Aber es hat im Sport ja schon häufiger Sensationen gegeben. Wenn Energie also schwächelt, müsste man nur zur Stelle sein.“

Um dann in die 3. Liga aufzusteigen…

Herbst: „Langfristig fehlt mir dieser Aufstieg noch.“

Interview: Harri Ramin

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