Mein Fußball-Woche

06.02.2015

Von „König Richard“ schwärmen noch die Urenkel

In den 50er Jahren spielte der Heimatverein von Richard Hofmann in der DDR-Oberliga – Von den Erstligazeiten kann der Meeraner SV nur noch träumen

Es gab Zeiten, da kannte außerhalb von Meerane jeder die „steile Wand“, eine Straße, die inmitten einer Häuserzeile plötzlich hinter einer Biegung wie ein Hochgebirge auftaucht und jedem Radfahrer zum Verhängnis wurde. Führte die „Friedensfahrt“, das einstmals größte Amateur-Etappenrennen der Welt, durch den Ort in der Nähe von Zwickau, dann drängelten sich hier die Zuschauer, weil bei der Kraxelei selbst die größten Haudegen nicht nur aus dem Sattel mussten, sondern hin und wieder ihr Rad die letzten Meter keuchend schoben.

Nur einen Steinwurf von der Kuppe entfernt liegt der Sportplatz „Roter Hügel“, Ort mancher Fußballschlacht und die sportliche Heimat eines ganz Großen. Richard Hofmann, wenn man so will der Vorvorgänger von Gerd Müller hier und Joachim Streich da, ist Meeranes sportlich berühmtester Sohn. Rekordnationalspieler war er einst und Rekordtorschütze. Auch deshalb hieß der Stürmer mit dem strammen Schuss bald „König Richard“.

Seine sportlichen Erben machen es ihm an Klasse zwar nicht nach, aber der „Rote Hügel“ erweckt in den 50er Jahren bei den Gegnern noch immer ein wenig Furcht. Die Meeraner, sie laufen unter dem Namen Einheit und etwas später unter Fortschritt auf, mischen in der DDR-Oberliga mit und behaupten sich fünf Jahre in der höchsten Spielklasse. In der „ewigen Tabelle“ nehmen sie Platz 25 ein – noch vor Energie Cottbus, obwohl die Lausitzer zwei Jahre länger im Oberhaus weilen.

20.000 Fans im Abstiegskampf

„König Richard“ kann da nur noch die Daumen drücken. Einmal, im Abstiegskampf 1954, hilft das sogar. Zum vorentscheidenden Spiel gegen Titelfavorit Chemie Leipzig kommt der Haudegen und sieht mit 20.000 anderen Fans einen 3:1-Sieg. Davon erzählen die Einheimischen noch heute und selbst die sportlichen Urenkel schwärmen von ihm. Roland Hecht, Schatzmeister des Vereins, kennt das: „Die jungen Leute wissen schon noch was anzufangen mit König Richard.“

Auch von den Schlachten hat Hecht gehört, weil die an Stammtischen noch oft die Runde machen. „Gerade bei wichtigen Spielen müssen irgendwelche Plattenwagen aufgestellt worden sein, auf die die Zuschauer geklettert sind, um etwas zu sehen. Das Stadion muss aus allen Nähten geplatzt sein“, sagt er. Am Ende hält Fortschritt 1954 mit Platz 10 die Klasse und Richard Hofmann feiert mit. Doch das Wunder wiederholt sich nicht. Ein Jahr später schmiert Meerane als hoffnungsloser Tabellenletzter mit lediglich fünf Saisonsiegen und einem Rückstand auf einen Nichtabstiegsplatz von zehn Punkten doch ab.

Diesem Abstieg folgt kein Wiedersehen. Es geht in die Niederungen der Spielklassen. Längst grasen die anderen Erstligavereine aus der Nähe – Karl-Marx-Stadt, Zwickau und Aue liegen im Umkreis von 30 Kilometern – die Talente ab. Und die noch besseren wie Werner und Bernd Krauß werden mit dem FC Carl Zeiss Jena 1968 und 1970 sogar Meister. Auch Waldemar Mühlbächer bringt es weit. Er spielt in Berlin beim SC Dynamo (Vorläufer des BFC Dynamo) und kommt auf 17 Auswahlspiele für die DDR. Nur für Meerane gibt es kein Entrinnen aus der Spirale nach unten. Bis 1960 spielt der Klub zweitklassig, rutscht dann aber noch weiter ab.

Immer kleinere Brötchen müssen sie backen bei dem Ex-Erstligisten, der bald nach der politischen Wende Meeraner SV heißt. Weil sich der Vorstand aber mit Immobilien verspekuliert, droht um die Jahrtausendwende die Insolvenz. „Alle anderen Sparten, die im Verein waren, haben die Kurve gekriegt“, sagt Hecht, „wir Fußballer hatten daran am meisten zu knabbern.“ In Wahrheit ist es aber so, dass sich alle anderen aus dem Staub gemacht haben, die Fußballer dagegen die Suppe allein ausgelöffelt haben. Zwar kann die Insolvenz im allerletzten Moment abgewendet werden, doch der Verein liegt am Boden. In der Folgezeit geht es mal hoch mal runter. Bis 2005 kickt die erste Männermannschaft in der Bezirksklasse, der dritthöchsten Liga in Sachsen. Als Tabellenvorletzter steigt der MSV jedoch in die Kreisliga Chemnitzer Land ab und kommt erst nach fünf Jahren in die Bezirksklasse Chemnitz zurück.

Spitzenreiter zur Winterpause

Nun träumen sie an der „steilen Wand“ wieder ein wenig von Höhenflügen, haben sich aber vorerst in der Westsachsenliga eingerichtet und spielen im Zwickauer Land derzeit eine gute Rolle. Als Tabellenerster genießen sie die Winterpause, dem Aufstieg aber wollen sie noch nicht trauen. „Wir haben das Gefühl, dass so recht gar keiner aufsteigen will“, findet der Schatzmeister. Dennoch gefällt ihm die aktuelle Situation ganz gut: „Wir sind stolz auf das, was wir in den vergangenen Jahren auf die Beine gestellt haben, wir haben durchaus Fortschritte zu verzeichnen.“

Auch im Nachwuchs geht es bergauf. Da gerät Hecht geradezu ins Schwärmen. „In den vergangenen Jahren haben wir mörderisch Boden gutgemacht“, sagt er, gerade auch was die ältesten Jahrgänge, die A- und B-Jugend, angeht. „Es ist so, dass wir fast in jedem Jahr Aufstiege gefeiert haben.“ Nur was die Männermannschaft betrifft, hält sich Hecht zurück. „So verrückt, dass wir sagen, in zwei oder drei Jahren spielen wir in der oder der Liga, sind wir nicht.“ Trotzdem: „König Richard“ würde sich freuen, zumal das Stadion, das sie einst nach dem „Roten Hügel“ bezogen, längst Richard-Hofmann-Stadion heißt. Insofern schwärmen nicht nur die Urenkel von „König Richard“, der würde über seine Nachfolger nach einigen turbulenten Jahren wohl auch viel Gutes zu erzählen haben.

Richard Hofmann: 24 Tore in 25 Länderspielen

Um ihn ranken sich Legenden über Legenden. Vor allem über seinen strammen Schuss erzählt man sich Wunderdinge. So auch, dass er bei einem Elfmeter einst sogar den Torwart, der den Ball zu fassen bekam, mit ins Netz gepfeffert habe. Untermauert wird die Geschichte durch den seinerzeit berühmten Engländer Jimmy Hogan, einen Trainer, der bei Austria Wien, Vasas Budapest, der SpVgg Fürth, dem FC Bayern München und eben auch bei Meerane 07 gearbeitet hat. Über Hofmanns „Huf“ sagte Hogan: „Wenn der schießt, möchte ich nicht Torwart sein.“

„König Richard“, am 8. Februar 1906 in Meerane geboren, legt eine Bilderbuchkarriere hin. 1928 nimmt er am olympischen Fußballturnier in Amsterdam teil, als Deutschland gegen den späteren Olympiasieger und Weltmeister Uruguay 1:4 ausscheidet und Hofmann nach einem Dreierpack beim 4:1 gegen die Schweiz erneut trifft. Spät wird er mit dem Dresdner SC – an der Seite des späteren Bundestrainers Helmut Schön – zweimal deutscher Meister. Und in 25 Länderspielen (die ersten sechs für Meerane, die übrigen für Dresden) erzielt er 24 Tore, davon 1930 alle drei für den DFB beim 3:3 gegen England in Berlin.

Einige Zeit ist er damit deutscher Rekordtorschütze und in vier Spielen sogar Kapitän der Nationalelf. Mit anderen Worten: Richard Hofmann ist zu seiner Zeit ein Superstar. David Jack, damals englischer Nationalstürmer, sagt über seinen deutschen Kollegen: „Er ist der beste Mittelstürmer der Welt.“ Und das, obwohl Hofmann bei einem Autounfall sein rechtes Ohr einbüßt und lange Zeit unter Gleichgewichtsstörungen leidet.

Wie Helmut Schön versucht sich auch Hofmann später als Trainer – wenngleich längst nicht so erfolgreich wie „der Mann mit der Mütze“. In der ersten DDR-Oberligasaison betreut er für ein paar Monate Eintracht Stendal. Später arbeitet er bei Vorwärts Gotha, ist Landestrainer in Sachsen und an der Sportschule in Werdau. Auch ist er Mitglied des Trainerrates der DDR, er ist beim SV Turbine beschäftigt und betreut beim Fußballverband die B-Auswahl und einige Nachwuchsteams. Um das machen zu dürfen, helfen ihm seine Meriten wenig. Deshalb büffelt er noch 51-jährig an der Deutschen Hochschule für Körperkultur und Sport (DHfK) in Leipzig und macht dort sein Trainer-Examen.

Sein Sohn Bernd tritt später in des Vaters Fußstapfen, schafft es bei Dynamo Dresden als Mittelfeldspieler (115 Einsätze, 17 Tore) immerhin zur Erstligareife. Die Klasse von „König Richard Superstar“, der am 5. Mai 1983 in Freital stirbt, erreicht der Filius indes nicht.

Meeraner SV in Zahlen

1907: Gründung des 1. FC Meerane
1908: Umbenennung in FC Sachsen
1918: Fusion des FC Sachsen, FC Wacker und Turnerschaft zur Sportvereinigung 07 Meerane
1925, 1927, 1928 und 1930: SV Meerane 07 wird Gaumeister von Westsachsen
1927/28: Richard Hofmann bestreitet für Meerane 07 seine ersten sechs Länderspiele, in denen er fünf Tore erzielt
1948: Einheit Meerane erreicht nach Siegen über die SG Babelsberg (3:1) und die Sportfreunde Burg (2:1 n.V.) das Halbfinale der 1. Ostzonenmeisterschaft, scheitert dort mit 2:5 an der SG Freiimfelde Halle
1949: Mit einem 3:2 über die SG Babelsberg steht Einheit bei der 2. Ostzonenmeisterschaft erneut im Halbfinale, verliert dort 3:4 n.V. gegen Fortuna Erfurt
1949/50: Einheit wird in der Oberliga-Premieren-Saison bei 14 Mannschaften Tabellenneunter und Rudolf Heyne mit 13 Treffern Sechster der Torjägerliste
1950/51: Der Verein wird in Fortschritt umbenannt und beendet die Saison bei nunmehr 18 Erstliga-Teams auf Tabellenplatz 10, Werner Beier ist mit 21 Treffern fünfbester Torjäger
1951/52: Selbst 23 Tore von Wolfgang Starke (Platz 6 der Torjäger) reichen nicht – als Tabellensechzehnter (von 19 Mannschaften) steigt Fortschritt ab
1952/53: Sofortiger Wiederaufstieg
1953/54: Platz 10 (von 15 Mannschaften) reicht zum Klassenerhalt. Peter Fischer ist mit 15 Treffern (Platz 3 der Oberliga-Torjäger) bester Meeraner Torschütze
1954/55: Als Tabellenletzter (von 14 Mannschaften) steigt Fortschritt Meerane ab und kehrt nie wieder in die Erstklassigkeit zurück
1957: Einweihung des Stadions der Freundschaft, das heute Richard-Hofmann-Stadion heißt
1991: Umbenennung in Meeraner SV
2014/15: Herbstmeister der Kreisoberliga Westsachsen

Von Robert Klein

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