Mein Fußball-Woche

12.03.2017

„Von der Hauptstadt sollte man schon einiges verlangen“

Hierzulande ist Karl-Heinz Schnellinger (77) fast in Vergessenheit geraten, was wohl daran liegt, dass der einstige Abwehrrecke aus Düren im Rheinland noch vor Gründung der Bundesliga nach Italien ging. Seine Klasse hatte Schnellinger da bereits beim 1. FC Köln, am Sonnabend Gastgeber von Hertha BSC (15.30 Uhr), und in der Nationalmannschaft unter Beweis gestellt. Als „il Biondo“ (der Blonde) zum Ausklang seiner Profi-Laufbahn für die Saison 1974/75 beim damaligen Bundesliga-Aufsteiger Tennis Borussia anheuerte, konnte der vierfache WM-Teilnehmer (1958, 1962, 1966, 1970) auf eine stolze Karriere zurückblicken, darunter eine Deutsche Meisterschaft mit Köln sowie zahlreiche nationale und internationale Titel mit dem AC Mailand (Pokalsieger, Meister, Europacupsieger der Pokalsieger und Landesmeister sowie Weltpokalsieger). 2016 erhielt Schnellinger den Ehrenpreis der Initiative Deutsche Fußball Botschafter. Seit mehr als 50 Jahren lebt er in der Nähe von Mailand, hat drei Töchter und vier Enkelkinder und genießt sein Leben als rüstiger Rentner, wie er der FuWo am Telefon mitteilte.

Fußball-Woche: Herr Schnellinger, wie fühlt man sich als Rheinländer in Italien?


Karl-Heinz Schnellinger: „Ich bin jetzt lange genug hier, habe mich an alles gewöhnt – an alles Gute und an alles Schlechte.“

Bevor Sie gen Italien zogen, waren Sie einer der ganz Großen beim 1. FC Köln. Was verbindet Sie heute mit Ihrem Ex-Klub?

Schnellinger: „Ich sehe nur ab und zu die Spiele im Fernsehen, dabei bewundere ich vor allem die Zuschauer. Vor so einem dollen Publikum würde ich gerne noch einmal spielen. Ob man verliert oder gewinnt, die sind immer da – ein Riesenkompliment an das Kölner Publikum!“

War das schon immer so?

Schnellinger: „Ja, sicher! Als ich dort 1962 Deutscher Meister geworden bin, war vieles anders, aber wir hatten immer ein gutes Verhältnis zum Publikum. Natürlich wird heute vieles anders aufgezogen, das kannte man damals noch nicht. Wir konnten uns aber nicht beklagen, im Rheinland und in ganz Deutschland waren wir schließlich einer der führenden Vereine.“

Warum sind Sie dann überhaupt nach Italien gegangen?

Schnellinger: „Damals verdienten wir armen Spieler nur 420 Mark im Monat. Die einzige Möglichkeit, daran etwas zu ändern, war, nach Italien zu gehen. Wenn ich bis zur Einführung der Bundesliga in Deutschland gespielt hätte, wäre ich bestimmt nicht gegangen. Aber das konnte ich ja nicht ahnen.“

Seitdem musste der FC mehrmals in die 2. Liga, haben Sie in der Zeit auch mitgelitten?

Schnellinger: „Leiden wäre übertrieben, es gibt schlimmere Sachen im Leben. Ich sehe es natürlich lieber, wenn es Köln besser geht. Ich denke, da muss auch noch einiges passieren, um wieder vorne mitspielen zu können.“
In der Bundesliga sind Sie schließlich doch noch gelandet. Wenn auch erst im reifen Alter von 36 Jahren. Ihr Wechsel 1974 zu Tennis Borussia galt als Sensation.

Schnellinger: „Das war im Grunde genommen ein Zufall. Ich hatte den Jack White kennengelernt, der sollte Präsident von Tennis Borussia werden. Der hat mich überredet, noch ein oder zwei Jahre mitzumachen. Das ist aber schiefgelaufen, denn: Man hat Jack White nicht zum Präsidenten von TeBe gewählt. Anschließend hat er mich angerufen und gesagt, er hört auf. Darauf ich: ,Und was soll ich jetzt machen? Ich bin nur deinetwegen hier!' Seine Antwort: ,Du kannst auch aufhören.' Also habe ich mein Auto gepackt und bin nach Hause gefahren. Heute bin ich froh darüber, dass mir die Entscheidung, meine Karrie­re zu beenden, auf diese Weise abgenommen wurde.“ 
(Schnellinger kam auf 19 Bundesliga-Einsätze für TeBe; die Red.).

Seitdem haben Sie nie mehr Fußball gespielt, nicht mal als Amateur?

Schnellinger: „Nee, ich hatte die Nase voll.“

Haben Sie noch eine Beziehung zu Tennis Borussia?

Schnellinger: „Der Verein war damals nicht auf dem Niveau wie andere Bundesligavereine. Wir sind ja damals auch abgestiegen. Ich habe das auch nicht weiter verfolgt, die sind ja in der Versenkung verschwunden. Und in acht Monaten kann man auch keine Freundschaften schließen, die lange währen.“

Hertha versucht derweil, sich dauerhaft als Bundesligist zu etablieren. Wie beurteilen Sie deren Entwicklung?

Schnellinger: „Es wäre natürlich wichtig und schön, wenn Hertha oder ein anderer Verein aus Berlin dauerhaft oben mitmischen könnte. Von der Hauptstadt sollte man schon einiges verlangen können, das wäre auch ein gutes Aushängeschild für Berlin.“

Mittlerweile klopft der 1. FC Union aus dem ehemaligen Ostteil ans Tor zur Bundesliga ...

Schnellinger: „Da fragen Sie mich zuviel, zu Union kann ich keine Antwort geben.“

Haben Sie noch einen Rat an Ihre Landsleute nördlich der Alpen?

Schnellinger: „Wir – mit ,wir' meine ich ganz Europa – sollten versuchen, uns gut zu benehmen und fleißig zu sein. Wir sollten uns alle am Riemen reißen. Ich hoffe, dass unsere Politiker sinnvoll arbeiten, damit es allen gut geht, nicht nur einigen Wenigen.“

 Interview: Alex Heinen

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