21.01.2013

Vom Meister zum Drittligisten in nur acht Jahren

Herthas früherer UEFA-Cup-Gegner Boavista Porto leidet noch immer unter den Folgen des Schiedsricher-Bestechungsskandals

Wie kann ein Klub derart abstürzen? 2001 war Boavista Porto noch gefeierter Landesmeister von Portugal. 2003 drangen die Schwarz-Weißen im UEFA-Pokal bis ins Halbfinale vor und 2004 fanden im stimmungsvollen Estadio do Bessa des Klubs EM-Spiele statt. Dann kam der Absturz, und seit 2009 dümpelt einer der stolzesten und ruhmreichsten Vereine Portugals nur noch in der 3. Liga vor sich hin. Es ist ein Potpourri von Gründen, das zum tragischen Niedergang der Mannschaft mit den charakteristischen Schachbrett-Trikots geführt hat. Doch zunächst in die Vergangenheit des Klubs. Die Spurensuche beginnt im Jahr 1903, als der Boavista Futebol Clube von Mitarbeitern der Graham's Textilfabrik in der nordportugiesischen Metropole gegründet wurde. Boavista steht für „Schöne Aussicht“, denn die konnte man in dem im Westen Portos gelegenen Stadtteil Bessa damals wie heute genießen. Von Beginn an stand Boavista lokal im Schatten des zehn Jahre älteren Stadtrivalen FC Porto und national in dem von Portugals „trés golias“ („drei Giganten“) – neben dem FC Porto auch die Lissaboner Klubs Benfica und Sporting. Fast ein Jahrhundert lang machten diese drei Vereine abgesehen von einem Jahr (1945/46, Belenenses Lissabon) sämtliche Landesmeisterschaften unter sich aus.

1935 erstmals im Oberhaus

Ab der zweiten Hälfte der 1920er Jahre war Boavista aber zumindest unter den führenden Mannschaften des Landes zu finden und setzte sich lokal gegen den SC Salgueiros, Portos traditionsreichem Arbeiterverein, durch. Ein Jahr nach Gründung der Nationalliga erreichten die Schwarz-Weißen 1935 erstmals das Oberhaus, in dem sie jedoch jahrzehntelang nicht über die Rolle einer Fahrstuhlmannschaft hinauskamen. Erst nach dem insgesamt sechsten Aufstieg gelang ab 1969/70 die Etablierung in der 1ª Divisiao, und das 1972 eröffnete Estadio do Bessa stärkte die Position des Klubs.
1975 sicherten sich die „Axadrezada“ („Gescheckten“, aufgrund der schwarz-weiß gefelderten Trikots) mit einem 2:1-Finalsieg über Benfica Lissabon erstmals den Landespokal. Anschließend waren die Nordportugiesen fast alljährlich auf europäischer Ebene dabei und avancierten zunehmend zur Nummer vier im nationalen Fußball. Nur an den „trés golias“ gab es weiterhin kein Vorbei: 1976 fehlten Boavista unter Trainer José Maria Pedroto lediglich zwei Punkte auf Meister Benfica, musste man sich mit dem erneuten Pokalsieg begnügen (2:1 im Endspiel gegen Vitoria Guimaraes). 1979 setzte sich der Klub dann abermals im Pokal durch (1:1 und 1:0 gegen Sporting Lissabon) und feierte im Supercup-Endspiel einen 2:1-Sieg über Stadtrivale und Landesmeister FC Porto. Galionsfigur der Schwarz-Weißen war in jenen Tagen Nationalspieler Joao Alves, der stets in schwarzen Handschuhen auflief. Weitere Leistungsträger waren Joao Vieira Pinto und der Nigerianer Ricky.

Erste internationale Meriten

In den 1980er Jahren erwarben sich die Schwarz-Weißen dann auch erste internationale Meriten. 1981 warf Boavista Atletico Madrid im UEFA-Cup aus dem Rennen, und 1986/87 feierte man einen Erstrundenerfolg über den AC Florenz, ehe in der zweiten Runde das Aus gegen die Glasgow Rangers kam.
Auf nationaler Ebene setzte unterdessen in den frühen 1990er Jahren die nächste Erfolgsserie ein. Dafür stand vor allem Joao Pinto, der im Alter von zwölf Jahren bei Boavista mit dem Fußball begonnen hatte und 1991 mit Portugals Nachwuchs Jugend-Weltmeister geworden war. Im selben Jahr führte der Angreifer seinen Stammverein im UEFA-Cup zu einem Überraschungserfolg gegen Inter Mailand. Nachdem er im Mai 1992 mit Boavista den vierten Pokalsieg gefeiert hatte (2:1 im Finale gegen den FC Porto), wechselte er allerdings zu Benfica Lissabon. Wie alle anderen Klubs in Portugal musste auch Boavista regelmäßig seine Leistungsträger an einen der „tres goliats“ abgeben, die Portugals Spitzenfußball sportlich und wirtschaftlich dominierten.

Traumhafter Saisonstart

So auch 1997, als Boavista mit einem 3:2-Finalsieg über Benfica Lissabon zum fünften Mal den nationalen Pokal errang und anschließend mit Nuno Gomes, Erwin Sanchez (beide Benfica) sowie Jimmy Floyd Hasselbaink (Leeds United) gleich drei Leistungsträger verlor. Der bolivianische Nationalspieler Erwin Sanchez kam allerdings wenig später ins Estadio do Bessa zurück und bildete gemeinsam mit Kapitän Ion Timofte, Verteidiger Helder und dem ghanaischen Stürmer Ayew eine spielstarke Mannschaft, die 1998/99 unter Trainer Jaime Pacheco in den ersten zwölf Saisonspielen ohne Niederlage blieb. Höhepunkt war ein 2:0-Erfolg bei Stadtrivale FC Porto. Doch weil Boavista ausgerechnet gegen die weniger spielstarke Konkurrenz Punkte verlor, reichte es am Ende nur zur Vizemeisterschaft hinter dem FC Porto. Damit immerhin erstmals in der Champions League dabei, schieden die „Axadrezada“ in der Gruppenphase sang und klanglos aus.

Heimstärke als Titelbasis

2000/01 kam der Durchbruch. Trainer Jaime Pacheco hatte ein Erfolgsteam geformt, das vor allem auf einer stabilen Abwehr beruhte. Dort wirkten mit Nationaltorhüter Ricardo und Zentralverteidiger Litos zwei herausragende Kräfte, während der Brasilianer Duda den Sturm anführte. Erstmals seit 1946 ging die Landesmeisterschaft in jenem Jahr an einen anderen Klub als an Benfica, Sporting oder den FC Porto. Ganz Portugal feierte den Boavista FC, der als Beleg angeführt wurde, dass die ermüdende Dominanz der „trés goliat“ endlich zu Ende ging. Boavistas Erfolgsbasis war die Heimstärke: lediglich ein Spiel im Estadio do Bessa ging verloren. Als Vater des Erfolges galt neben Trainer Pachecho Präsident Dr. Joao Loureiro, der seinen Vater Valentim auf dem Präsidentensessel des Klubs abgelöst hatte. Loureiro war eine ungewöhnliche Persönlichkeit und zuvor als Rocksänger der Band „BAN“ gefeiert worden.

Im Halbfinale des UEFA-Pokals

In der Champions League setzten sich die Nordportugiesen 2001/02 immerhin gegen Borussia Dortmund durch und belegten in der zweiten Gruppenphase hinter Manchester United und Bayern München den dritten Platz. National hingegen kehrte rasch wieder der Alltag ein und Boavista musste sich mit Platz zwei zufrieden geben. 2002/03 reichte es in der Liga gar nur zu Rang acht, während man im UEFA-Cup immerhin bis ins Halbfinale vordrang (und dabei im Achtelfinale unter umstrittenen Umständen Hertha BSC ausschaltete), wo die Schwarz-Weißen an Celtic Glasgow scheiterten. Endspielgegner wäre der Stadtrivale FC Porto gewesen.
Als 2003 nach Abwehrchef Litos auch Erfolgstrainer Jaime Pacheco das Estadio do Bessa verließ und zum RCD Mallorca wechselte, begann der steile Absturz des Vereins. Der Umbau des Estadio do Bessa hatte die Klubkasse überstrapaziert, und mit wenig namhaften Spielern fiel die Mannschaft vollends ins Mittelmaß zurück. Obwohl Erfolgscoach Pacheco später zurückkehrte und die bewährte Nachwuchsarbeit des Vereins frische Talente präsentierte, konnte Boavista nicht mehr an alte Erfolge anknüpfen.

Zwangsabstieg in die 2. Liga

Als sich 2008 zudem herausstellte, dass der Klub im Spieljahr 2003/04 im Rahmen des Apito-Dourado-Skandals mehrfach Schiedsrichter bestochen hatte, wurde Boavista mit einer Geldstrafe in Höhe von 180.000 Euro sowie dem Zwangsabstieg in die 2. Liga bestraft. Dort setzte sich die Talfahrt ungebremst fort, und 2009 fand sich Boavista sogar in der Drittklassigkeit wieder. Absurderweise hatte der als Tabellen-15. sportlich abgestiegene Klub zuvor zwar noch den Klassenerhalt am Grünen Tisch erhalten, weil Mitkonkurenz FC Vizela wegen nachgewiesener Bestechung ausgeschlossen worden war, doch der Verband verweigerte Boavista aus finanziellen Gründen die Zweitligalizenz für das Folgejahr.
Auf eine Renaissance wartet man seitdem im Estadio die Bessa vergeblich. Immerhin kam 2012 mit Nationalspieler Petit ein Mitglied der Meistermannschaft von 2001 zurück und will nun helfen, den Klub wieder aus der 3. Liga und zu alter Größe zu führen.

Boavista FC Porto: Zahlen und Namen

Gründungsdatum: 1903.

Vereinsfarben: Schwarz-Weiß.

Stadion: Estadio do Bessa (28.263 Plätze, davon 16.878 Sitzplätze).

Internet: www.boavistafc.pt

Saisons in der Nationalliga 1ª Divisiao: 1935/36, 1940/41, 1945–1949, 1950–1955, 1959/60, 1969–2008.

Portugiesischer Meister: 2001.

Portugiesischer Pokalsieger: 1975, 1976, 1979, 1992, 1997.

UEFA-Cup-Halbfinalist: 2003.

Prominente Spieler: Joao Vieira Pinto (bei Boavista von 1988 bis 1990, 1991/92 und von 2004 bis 2006. Erwin Sanchez (von 1992 bis 1997 und von 1999 bis 2003). Nuno Gomes (1994–1997). Litos (1995–2001). Ricardo (Torhüter, 1995–2003). Jimmy Floyd Hasselbaink (1996/97). Petit (2000–2002). Raul Meireles (2001–2004).

Von Hardy Grüne

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