Mein Fußball-Woche

20.03.2013

Vom König zum Bettelmann

Royal Antwerpen ist Belgiens ältester Fußballklub und vierfacher Meister - Der Finalteilnahme im Europacup 1993 folgte der schleichende Absturz

Rein äußerlich ist die einstige Größe und Bedeutung des Klubs durchaus noch ersichtlich. Im Vereinswappen des Royal Antwerp Football-Club prangt nämlich neben der Krone, die man in Belgien als „Royal“-Klub tragen darf, eine symbolträchtige „1“. Die wiederum symbolisiert, dass der Klub der älteste Fußballverein Belgiens ist. 1880 gegründet, war er nicht nur einer der ersten Fußballklubs Kontinentaleuropas, sondern zudem eine der Triebfedern des Fußball in Belgien. Die Gegenwart kann den heiligen Stolz der Rot-Weißen allerdings nur bedingt widerspiegeln. Das gewaltige Stade Bosuil verfallen, sportlich seit 2004 in der Zweitklassigkeit feststeckend und wirtschaftlich seit langem am Hungertuch nagend – der „Great Old“, wie man den Klub in Belgien nennt, steht vor einer unsicheren Zukunft.

Ob der RFC Antwerp von seinen Wurzeln ein belgischer Klub ist, gilt als umstritten. Als er im Juli 1880 als Antwerp Cricket and Football Club ins Leben gerufen wurde, waren die Gründer nämlich ausnahmslos Briten. Ausdruck dessen war (und ist) die englische Schreibweise der Stadt Antwerpen (Antwerp). Erst mit dem 1894 erfolgten Anschluss der belgischen Fußballmannschaft Cercle d'Agrément und der Umbenennung in Antwerp FC öffnete sich der vornehmlich dem Rugby frönende Pionierklub sowohl für Einheimische als auch für Fußball. 1920 wurde ihm nach 25 Jahren Mitgliedschaft im belgischen Fußballverband dann der Titel „Royal“ verliehen.

Konkurrenz durch Beerschot

Bis zum sportlichen Durchbruch musste man in Antwerpen allerdings lange warten. Nachdem 1899 mit dem Beerschot AC ein Stadtrivale gegründet worden war, geriet der Great Old lokal etwas ins Hintertreffen. Während Beerschot 1922 seine erste Landesmeisterschaft einfuhr und zum dominierenden Team der Dekade wurde, konnte man im 1923 eröffneten Stade Bosuil erst 1929 endlich den ersten Titel einstreichen.

Obwohl 1931 und 1944 zwei weitere Landesmeisterschaften errungen wurden, kam der RFC Antwerp nur sporadisch über die Rolle eines Mitläufers hinaus und geriet zudem in die nationalistisch angehauchten Probleme des belgischen Fußballs. Als sich Anfang der 1930er Jahre ein Teil des Klubs als Antwerp Boys abspaltete und dem einen Anschluss Flanderns an die Niederlande fordernden „Vlaamse Voetbalbond“ (VV) beitrat, stand der Klub vor der Zerreißprobe. Während des Zweiten Weltkriegs, in dem Belgien von Deutschland besetzt war, wurde der VV jedoch verboten, und nach Kriegsende konnte die Einheit des belgischen Fußballs endgültig wiederhergestellt werden.

Europacup-Duell mit Real Madrid

Mit der Verpflichtung des englischen Trainers Harry Game sowie dank der klubeigenen Talente Jos Van Ginderen, Stan De Backker, Leon Wouters und Viktor Mees läutete der Klub nach dem Krieg die „goldenen Fünfziger“ ein. 1955 errang Antwerp mit einem 4:0-Finalsieg über THOR Waterschei erstmals den Landespokal und sicherte sich zwei Jahre später die vierte Landesmeisterschaft, womit zugleich die Dominanz des Brüsseler Klubs Anderlecht durchbrochen wurde. Im Europapokal der Landesmeister stand den Belgiern anschließend mit Titelverteidiger Real Madrid die dominierende Mannschaft der Epoche gegenüber. 55.000 Zuschauer im überfüllten Stade Bosuil sahen am 31. Oktober 1957 eine aufopferungsvoll und leidenschaftlich kämpfende Heimelf, die unglücklich mit 1:2 unterlag. Im Rückspiel in Madrid gingen die Belgier dann gleich mit 0:6 unter.

Waren die Fünfziger „golden“, so wurden die Sechziger zum „tristen“ Jahrzehnt. Finanzielle Probleme, ausbleibende Talente, das Karriereende von Galionsfigur Victor Mees sowie der Abgang von Trainer Game führten 1968 sogar erstmals zum Abstieg in die Zweitklassigkeit. Ein Schock für den stolzen Traditionsverein, der zwar nie zu den dominierenden Mannschaften des Landes gezählt hatte, aber dennoch zum Inventar der Nationalliga gehörte.

Nummer zwei hinter Anderlecht

Obwohl schon im ersten Anlauf die Rückkehr in die Nationalliga gelang, fiel Antwerp die Renaissance schwer. 1971 entging man am Grünen Tisch dem erneuten Abstieg, weil Standard Lüttich bei seinem Sieg in Antwerpen nicht spielberechtigte Akteure eingesetzt hatte und der Verband die Partie für die Great Old wertete. Erst als der frühere Beerschot- und Standard-Lüttich-Spieler Guy Thys 1973 das Training übernahm, feierte man im Stade Bosuil neue Erfolge. Angeführt von dem österreichischen Duo Karl Kodat/Alfred Riedl erreichte Antwerpen 1974 das Halbfinale im Landespokal und wurde Vizemeister hinter dem RSC Anderlecht, dem man ein Jahr später im belgischen Pokalfinale unglücklich mit 0:1unterlag.

Zur Saison 1975/76 wurde im Stade Bosuil tüchtig investiert. Ziel: Landesmeisterschaft. Der Saisonstart glückte. In den ersten fünf Spielen gab Antwerp keinen einzigen Zähler ab, und im UEFA-Cup wurde mit einer taktischen und kämpferischen Glanzleistung der englische Spitzenklub Aston Villa ausgeschaltet. Doch dann fielen nacheinander sieben Stammspieler aus – darunter Torjäger Riedl – flog man im UEFA-Cup überraschend gegen Slask Breslau raus, rutschte in der Liga ins Mittelfeld ab. So wurde aus einer vermeintlichen Traumsaison noch eine Alptraumsaison.

Goethals kommt für Thys

Für den anschließend zur Nationalmannschaft wechselnden Guy Thys übernahm Raymond Goethals das Training, doch als Antwerp 1980 seinen 100. Geburtstag feierte, war die Euphorie längst wieder verflogen, beendete man die Jubiläumssaison lediglich auf Platz 13. Es wurde nicht besser. Über Mittelmaß kam der Klub trotz spektakulärer Transfers wie dem des ungarischen Nationalspielers Laszlo Fazekas sowie Nationalspielern wie Alexandre Czerniatynski und Leo Van Der Elst nicht mehr hinaus. 1984 geriet man zudem in den Fokus der Steuerbehörden, konnte selbst die Verpflichtung von Arie Haan die Rot-Weißen nicht aus der Lethargie reißen.

Während Georg Kessler „The Great Old“ 1987 immerhin zur Vizemeisterschaft hinter dem ewigen Rivalen RSC Anderlecht führte, scheiterten ambitionierte Pläne, das marode Stade Bosuil zu modernisieren, an der klammen Kasse. Dennoch schienen bessere Zeiten angebrochen zu sein. Zwischen 1990 und 1994 qualifizierte sich Royal Antwerpen alljährlich für den internationalen Wettbewerb und errang 1992 mit einem Sieg im Elfmeterschießen gegen den KV Mechelen sogar zum zweiten Mal den nationalen Pokal.

Die darauffolgende Europapokalsaison 1992/93 wurde zur international erfolgreichsten des Vereins. Inzwischen hatte Walter Meeuws den Trainerposten übernommen, warf die Mannschaft um Rudi Smidts, Torjäger Francis Severeyns und dem Ex-Kölner Hans-Peter Lehnhoff auf dem Weg ins Pokalsiegerfinale nacheinander Glenavon Belfast, Admira Wacker Wien, Steaua Bukarest und Spartak Moskau aus dem Rennen. Am 12. Mai 1993 kam es im Londoner Wembleystadion zum Finale gegen Italiens Pokalsieger AC Parma. Doch Glücksgöttin Fortuna ließ den Traditionsklub erneut im Stich. Bereits nach zehn Minuten ging Parma in Führung, und trotz des Ausgleichs durch Severeyns drei Minuten später verließen die Italiener schließlich als 3:1-Sieger das Spielfeld.

Gescheiterte Großfusion

Anschließend ging es schleichend bergab mit dem Traditionsverein. Während im baufälligen Stade Bosuil zumindest eine neue Haupttribüne errichten werden konnte, scheiterte die anvisierte Großfusion der Antwerpener Vereine Antwerp, Beerschot, Ekeren, Berchem und Tubantia Borgerhout am Widerstand auf verschiedenen Ebenen. Als Ekeren und Beerschot daraufhin alleine die Kräfte bündelten, fiel Antwerp lokal erneut ins zweite Glied zurück. 1994/95 entging der Traditionsklub nur knapp dem Abstieg und verabschiedete sich mit einem 0:5-Heimdebakel gegen Newcastle vermutlich für immer aus dem Europapokal. Nebenbei scheiterten ambitionierte Stadionumpläne für die Euromeisterschaft 2000 am Rückzug der Stadt Antwerpen.

Neuntes Jahr in Liga zwei

1998 war der zweite Abstieg trotz der Rückkehr von Erfolgscoach Georg Kessler nicht mehr zu vermeiden. Obwohl es im selben Jahr zu einer Kooperation mit Manchester United kam, brauchte Antwerp diesmal zwei Jahre für die Rückkehr ins Oberhaus. Manchesters Engagement war im Übrigen durchaus eigennützig, denn Belgiens Einwanderungsgesetze ermöglichen das „Parken“ von Nicht-EU-Spielern im Nachbarland, was in Großbritannien nicht möglich gewesen wäre. Trotz des schlagzeilenkräftigen Deals ist Antwerp seitdem nicht mehr richtig auf die Beine gekommen, und seit 2004 wird im inzwischen halbsanierten Stade Bosuil erneut nur noch Zweitligafußball angeboten. Längst dominiert Stadtrivale Germinal Beerschot den Fußball in Antwerpen, während der älteste Klub Belgiens jeden Cent zweimal umdrehen muss und sich seine Fanschar auf eine überschaubare Größe reduziert hat. Triste Zeiten für „The Great Old“.

Royal Antwerp FC

Gründungsjahr: 1880.

Vereinsfarben: Rot-Weiß.

Stadion: Stade Bosuil (13.600 Plätze).

Internet: www.rafc.be

Belgischer Meister: 1929, 1931, 1944, 1957.

Belgischer Pokalsieger: 1955, 1992.

Finalist Europacup der Pokalsieger: 1993. Jahre in der 1. Liga: 1895–1968, 1969–1998, 2000–2004.

Zweite Liga: 1968/69, 1998– 2000, seit 2004.

Von Hardy Grüne

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