10.07.2013

Vom Hoffnungsträger zum Punktelieferanten

Tasmania 1900 stellt in seiner einzigen Bundesligasaison zahlreiche Negativrekorde auf – einige auch für alle Ewigkeit

In der 50-jährigen Geschichte der Bundesliga gibt es einige Klubs, die nur ein ein- oder zweijähriges Gastspiel gaben und längst in Vergessenheit geraten sind. Nicht so der Neuköllner Verein SC Tasmania 1900, der in der Saison 1965/66 der höchsten deutschen Spielklasse angehörte und selbst Fußballfans bekannt ist, die damals noch gar nicht geboren waren.

Kein Wunder, denn die Tasmanen belegen in der ewigen Bundesliga-Tabelle mit nur zehn Punkten (nach der Drei-Punkte-Berechnung) den letzten Platz. Die Neuköllner sind im Besitz so ziemlich aller Negativrekorde. Der Mannschaft gelangen nur zwei Siege in 34 Spielen – zum Saisonauftakt und am vorletzten Spieltag, zugleich die längste Serie ohne Sieg. Die Tasmanen erzielten nur 15 Treffer, kassierten aber 108 Gegentore und erlitten mit 0:9 die höchste Heimniederlage.

Die Liste ließe sich fortsetzen, doch zwei Rekorde haben inzwischen andere Klubs den Neuköllnern abgenommen. So gelang dem 1. FC Nürnberg in der Saison 1983/84 kein einziger Punktgewinn auf fremden Plätzen und in der abgelaufenen Spielzeit blieb die SpVgg Greuther Fürth ohne Sieg auf eigenem Gelände. Hertha BSC hatte allerdings bereits in der Bundesliga-Spielzeit 1990/91 mit nur einem Heimsieg (1:0 gegen Eintracht Frankfurt) die Tasmanen übertroffen. Dass allerdings irgendwann einmal ein Verein in der Bundesliga weniger als zehn Punkte holt, ist so wenig wahrscheinlich wie eine Rückkehr von Tasmania in diese Spielklasse in den nächsten 50 Jahren.

Die Neuköllner hatten die Aufnahme in die Bundesliga dem langjährigen Konkurrenten Hertha BSC zu verdanken, der wegen mehrerer Verstöße gegen das Vertragsligastatut in der Saison 1964/65 keine Lizenz für die neue Spielzeit erhielt und in die Regionalliga zurückversetzt wurde. Stattdessen wurde Tasmania 1900 nach langem Hin und Her zwei Wochen vor dem ersten Spieltag in die Bundesliga aufgenommen. Schon nach den ersten Partien war den meisten, vor allem den Spielern, klar, dass die Bundesliga mit dem zur Verfügung stehenden Kader nicht zu halten sein würde. In der Regionalliga hatte es gerade mal zum dritten Platz hinter Tennis Borussia und dem Spandauer SV gereicht. Der Spielermarkt gab so kurz vor dem Saisonstart nichts mehr her und so konnte der Vorstand der Neuköllner als einzige echte Verstärkung Nationalspieler Horst Szymaniak präsentieren, der vom italienischen Klub AC Varese nach Berlin kam.

Drei Torsteher im Kader

Im 25-köpfigen Kader standen mit Klaus Basikow, Hans-Joachim Posinski und Heinz Rohloff drei Torsteher, die im Laufe der Saison alle zum Einsatz kamen. Als Nummer eins war eigentlich Klaus Basikow vorgesehen, der in der Regionalliga alle Spiele für die Neuköllner bestritten hatte und beim Auftaktsieg gegen den Karlsruher SC (2:0) das Tor hütete. Es sollte die einzige Begegnung des damals 28-jährigen Keepers bleiben, in der er kein Tor zuließ.

Wegen einer Rückenverletzung musste er schon beim nächsten Spiel in Mönchengladbach seinen Platz an Heinz Rohloff abtreten. Klaus Basikow bestritt insgesamt 14 Spiele in der Bundesliga. Sein letzter Einsatz am 26. März 1966 wird ihm immer in Erinnerung bleiben, denn das 0:9 gegen den Meidericher SV (heute MSV Duisburg) war zugleich die höchste Niederlage der Tasmanen in der Bundesliga. Keine 2000 Zuschauer verfolgten die Begegnung im Olympiastadion, nachdem beim Auftakt gegen den KSC noch 81.524 Besucher dabei waren.

0:0 gegen Mönchengladbach

Heinz Rohloff, vor Saisonbeginn vom Bonner FV verpflichtet, gab in Mönchengladbach sein Bundesligadebüt und erhielt trotz der 0:5-Schlappe gute Kritiken. Seine Leistungen waren allerdings sehr unterschiedlich, so dass der kräftig gebaute Torsteher schon nach drei Spielen seinen Platz wieder räumen musste, um dann beim nächsten Einsatz gegen Hannover 96 (1:5) einen rabenschwarzen Tag zu erleben.

Dennoch kam Rohloff auf insgesamt 18 Spiele und durfte im letzten Heimspiel sogar über den zweiten Saisonsieg der Tasmanen (2:1 gegen Borussia Neunkirchen) jubeln. Wie Basikow ließ auch Rohloff in einer Partie keinen Treffer zu. Das war beim 0:0 gegen Borussia Mönchengladbach. Nur 827 Zuschauer (Minusrekord in der Bundesliga) verfolgten die Begegnung auf schneebedecktem Boden, der kein normales Spiel zuließ. Sechs Spieltage vor Schluss trotzten die Neuköllner Meister Werder Bremen beim 1:1 im Olympiastadion ganz überraschend noch einmal einen Punkt ab.

Für Hans-Joachim („Jockel“) Posinski kam die Bundesliga eigentlich zu spät, denn der vielfache Berliner Auswahltorsteher war bereits 33 Jahre alt, als der DFB die Neuköllner in die Bundesliga hievte. Schon in der Regionalliga war Posinski nur noch Ersatz, aber der Vorstand gab dem bereits ausrangierten Keeper einen neuen Vertrag. Und der Oldie kam auch tatsächlich noch einmal zum Einsatz. Nach der schwachen Vorstellung von Rohloff beim 1:5 gegen Hannover 96 hütete Posinski das Tor gegen den 1. FC Kaiserslautern. Das Spiel endete 0:0 – der einzige Auswärtspunkt in der gesamten Spielzeit. Dem Achtungserfolg am Betzenberg folgte eine 0:2-Heimniederlage gegen den VfB Stuttgart, bei der Posinski mit einem schweren Patzer den Führungstreffer der Schwaben ermöglichte.
Dennoch hätte der Routinier sicherlich noch mehr Spiele als nur diese beiden bestritten, wenn ihn nicht eine Oberschenkelverletzung zurückgeworfen hätte. Relativ gesehen kann Posinski mit einem Punkt in zwei Spielen auf die beste Ausbeute der drei Tas-Torsteher verweisen.

Zenit längst überschritten

Natürlich hatten die Torsteher nicht allein Schuld am schlechten Abschneiden, aber ein Kommentar von Trainer Franz Linken nach einer der vielen Niederlagen sagt alles aus über die Torhüter-Problematik: „Niemand kann voraussagen, wann einer unserer Torsteher gerade einen guten Tag haben wird.“

Dabei hätten die Tasmanen einen starken Rückhalt gut gebrauchen können – so wie es einst „Jockel“ Posinski Anfang der 60er Jahre in den Gruppenspielen um die Deutsche Meisterschaft war oder Klaus Basikow 1964 in der Aufstiegsrunde zur Bundesliga, als man nur denkbar knapp scheiterte. Als der DFB sich ein Jahr später aus sportpolitischen Gründen entschloss, anstelle von Hertha BSC einen anderen Berliner Verein in die Bundesliga aufzunehmen, hatten die Tasmanen den Zenit ihres Könnens bereits überschritten.

Von Rainer Fritzsche

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