19.03.2017

„Vielleicht passiert Deutschland ja ein Ausrutscher“

Als Reserve-Spieler eines Zweitligisten gelangt man eher selten zu Nationalmannschaftsehren, doch genau das ist Tugrul Erat (24) widerfahren. Der in Nettetal am Niederrhein geborene Mittelfeldspieler kickte bei der U 23 von Fortuna Düsseldorf, als ihn die Berufung der U 21 von Aserbaidschan erreichte. Im Nachwuchsteam des deutschen WM-Qualifikationsgruppengegners konnte sich Erat bald für höhere Aufgaben empfehlen, mittlerweile stehen in seiner Vita vier A-Länderspiele für das Land seiner Vorfahren. Obwohl sein Traum, beim Qualifikationsspiel in Kaiserslautern gegen Deutschland (Sonntag, 18 Uhr, Fritz-Walter-Stadion) auflaufen zu dürfen, aufgrund einiger erlittener Verletzungen geplatzt ist, hofft der aktuell bei Drittligist MSV Duisburg spielende Erat auf ein baldiges Comeback in der A-Elf von Aserbaidschan.

Fußball-Woche: Herr Erat, Sie sind in Deutschland geboren, ihre Eltern stammen aus der Türkei – wie sind Sie zur Nationalmannschaft von Aserbaidschan gekommen?


Tugrul Erat: „Meine Großeltern väterlicherseits stammen aus Aserbaidschan. Türken und Aserbaidschaner sind ohnehin eng verwandt. Wir sagen immer: Zwei Länder, ein Volk. Irgendwann erreichte mich eine Anfrage des damaligen U 21-Trainers von Aserbaidschan, Bernhard Lippert. So kam die Sache in Gang. Ich habe meine Sache ganz gut gemacht, auch einige Tore geschossen, darauf hat mich der damalige Trainer Berti Vogts für die A-Nationalmannschaft nominiert.“

Theoretisch hätten Sie auch für die Türkei oder Deutschland spielen können?

Erat: „Als die Anfrage kam, spielte ich für die zweite Mannschaft von Fortuna Düsseldorf, ich war Anfang zwanzig. Ich dachte mir, aus der Türkei oder aus Deutschland ist eine Einladung zur Nationalmannschaft eher nicht zu erwarten, die Entscheidung fiel mir daher nicht schwer.“

Berti Vogts und Sie kommen ungefähr aus der gleichen Gegend. Hatten Sie dadurch beim Trainer einen Stein im Brett?

Erat: „Wenn man Gas gibt, hat man immer einen guten Stand beim Trainer. Von Berti Vogts war ich im übrigen sehr angenehm überrascht. Er wirkt nach außen ja immer ein bisschen streng und diszipliniert, aber beim Training war er ein unheimlich lockerer und lustiger Typ. Ich fand es sehr schade, als er damals aufgehört hat.“

Kannten Sie das Land und seine Geschichte überhaupt?

Erat: „Ja klar, das war kein Neuland für mich. Mentalität und Sprache sind der türkischen auch sehr ähnlich, es ist nur ein anderer Dialekt.“

Welchen Stellenwert genießt der Fußball in Aserbaidschan?

Erat: „Die Fans sind fußballverrückt, wie in der Türkei, aber nur bei den wenigen Top-Klubs. Die Klubs sind dabei, sich nach oben zu orientieren, in der Europa League sind sie schon dabei.“

Wie wurden Sie von Ihren Mannschaftskollegen aufgenommen?

Erat: „Als wäre ich jahrelang dabei gewesen, ich habe mich von Anfang an sehr wohl gefühlt.“

Sie waren vermutlich nicht der einzige Fußball-Legionär?

Erat: „Es gibt Spieler aus Russland und der Ukraine, auch ein paar aus Deutschland, mit denen ich mich auf deutsch unterhalten konnte. Der überwiegende Teil der Spieler kam aber aus der aserbaidschanischen Liga.“

Wie haben Sie sich untereinander verständigt?

Erat: „Kommunikation war nie ein Problem. Es gab zwar Spieler, die konnten nur russisch, aber wir hatten immer einen Dolmetscher dabei.“

Seit Dezember 2014 ist der Kroate Robert Prosinecki Trainer von Aserbaidschan, der bei Vereinen wie Roter Stern Belgrad, Real Madrid und FC Barcelona Karriere gemacht hat.

Erat: „Hin und wieder hat er im Training mitgespielt, da hat man gleich gemerkt, dass er mal ein Weltstar war. Auch als Trainer gefällt er mit gut, er hat die Nationalmannschaft nicht umsonst ein gutes Stück voran gebracht. Wenn ich verletzungsfrei bleibe und beim MSV meine Spiele mache, hoffe ich, bald wieder dabei zu sein.“

Das Hinspiel gegen Deutschland findet in Kaiserslautern statt. Werden Sie zumindest im Stadion dabei sein können?

Erat: „Dafür ist Kaiserslautern doch ein Stück zu weit weg von Duisburg. Ich werde das Spiel aber auf jeden Fall im Fernsehen verfolgen. Vielleicht passiert Deutschland ja mal ein Ausrutscher, dann wäre ein Punkt drin. Im Fußball ist alles möglich.“

In Gruppe C steht Aserbaidschan nach vier Spielen auf Platz drei. Welche Platzierung wäre am Ende realistisch?

Erat: „Bislang haben sie maximal den vorletzten Platz erreicht. Aber wenn sie so weitermachen, wenn vielleicht noch eine Sensation gelingt, dann könnten sie diesmal besser abschneiden.“

Ab 2026 dürfen laut Fifa 48 Mannschaften bei der Endrunde mitmachen, damit würden auch die Chancen für Aserbaidschan steigen.

Erat: „Das ist ein langer Zeitraum, aber es gibt etliche Talente in Aserbaidschan. Wenn die erstmal groß sind, wer weiß, womöglich schaffen sie es sogar schon vorher, mal bei einer Endrunde dabei zu sein.“

Interview: Alex Heinen

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