Mein Fußball-Woche

05.03.2017

„Union traue ich Platz 3, vielleicht sogar Platz 2 zu“

Sowohl den 1. FC Union als auch den FC St. Pauli, die sich am Freitag, 18.30 Uhr, begegnen, kennt Florian Bruns (37) aus dem Effeff, auch wenn er für die Köpenicker (43 Spiele, 4 Tore) viel weniger im Einsatz war als für die Elf vom Millerntor (171/24), für die er neben dem SC Freiburg sogar in der Bundesliga spielte. Außerdem kickte der ehemalige Nachwuchs­auswahlspieler des DFB für Alemannia Aachen in der Europa League. Seine aktive Laufbahn beendete Bruns 2015 bei Werder Bremen II, betreute die Werder-Amateure danach als Co-Trainer und ist an der Weser nunmehr Assistent von Bundesliga-Coach Alexander Nouri.

FuWo: Bevor Sie nach Bremen kamen, Herr Bruns, waren Sie sieben Jahre beim FC St. Pauli. Wie hat diese Zeit Sie geprägt?


Florian Bruns: „Diese sieben Jahre St. Pauli haben mich unglaublich geprägt. Ich habe dort alles erlebt, was man nur erleben kann, nur keine Titel. Sonst war wirklich alles dabei, eine tolle Stimmung, ein über Jahre gehender Stadionumbau und eine unglaubliche Fan-Kultur. Das hat mich als Typ geprägt und dort bin ich sozusagen erwachsen geworden.“

Wie muss man sich die Stimmung bei diesem Kiez-Klub vorstellen?

Bruns: „Dazu muss ich sagen, dass ich mit der Stimmung und den Fans bei allen Klubs, bei denen ich war, Glück gehabt habe. Aber St. Pauli war neben Union doch was Besonderes. Diese Momente kriegt man so richtig aber erst mit, wenn man auf dem Platz steht und die Fans einen nach vorn peitschen.“

Gibt es da einen ganz bestimmten Moment, von dem Sie sagen: Ja, an diesen magischen Augenblick denke ich bestimmt auch noch in 20 Jahren?

Bruns: „Es sind einerseits die Fans, die, auch da muss ich erneut die Brücke zu Union schlagen, selbst bei schlechtesten Spielen nie gepfiffen, sondern dich immer weiter unterstützt haben. Und es sind ein paar Spiele, so unser 1:0 in der Bundesliga im Derby beim HSV oder ein Spiel in der 2. Liga gegen Hansa Rostock. Als wir mal 0:2 zurücklagen und die Partie doch noch zum 3:2 drehten, haben wir kurz mal den Kiez abgerissen und die Nacht zum Tage gemacht.“

Wieder eine Gemeinsamkeit mit Union, denn auch für die Eisernen ist der 2:1-Derby-Sieg im Olympiastadion gegen Hertha in Stein gemeißelt. Schauen Sie auch deshalb am Freitag noch interessierter zu als sonst, wenn Pauli auf Union trifft?

Bruns: „Natürlich. Überhaupt habe ich die Vereine, bei denen ich mal gewesen bin, im Blick, zumal ich zu Unions Manager Helmut Schulte eine Beziehung habe. Nach St. Pauli ist die Nähe aber noch frischer, da kenne ich auch noch einige Spieler.“

Dass sie als Verein anders sind, behaupten neben Pauli auch die Unioner. Ist das auch in Ihrer Erinnerung so?

Bruns: „Ja, wie alle Vereine mit ausgeprägter Fan-Kultur ist das für einen Spieler durchaus besonders. Auch wenn wir damals bei Union eine schwierige Zeit hatten, bin ich dankbar für die Unterstützung und für das bedingungslose Hinter-der-Mannschaft-Stehen.“

Sind dann Vereine wie Union, Pauli und ebenso Werder Bremen auch angesichts der Entwicklung zum Beispiel in Leipzig eine sozusagen schützenswerte Spezies?

Bruns: „Bestimmt, ja, auch wenn es die Diskussion um diese beiden Gegensätze – hier schnell mit viel Geld was aus dem Boden stampfen, dort die Tradition pflegen – immer geben wird. Das wird immer so bleiben und das werden die Fußball-Romantiker immer zu ihrem Thema machen. Vor allem bei solchen Spielen wie jetzt diesem am Millerntor.“

So wie aktuell – St. Pauli kämpft gegen den Abstieg und Union um den Aufstieg – haben sich beide Teams aber noch nie gegenübergestanden. Wie beurteilen Sie diese nahezu einmalige Situation?

Bruns: „Ich wäre gern im Stadion, aber auch wir spielen am Freitag in Leverkusen. Doch ich gönne beiden, dass sie ihre Ziele erreichen. St. Pauli hat gerade zu Hause nach dem 5:0 gegen Karlsruhe Rückenwind und sollte schnell unten rauskommen. Und Union traue ich, egal wie das Spiel ausgeht, Platz 3 und sogar Platz 2 zu. Die Mannschaft hat Qualität und ist gefestigt. Sie kann auch Ausfälle gut verkraften. Auch ich bin gespannt, wie der Vierkampf um den Aufstieg ausgeht.“

Schielen Sie womöglich schon wegen eines eventuellen Relegationsspieles mit einem Auge nach Köpenick?

Bruns: „Nein, darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht. Erst mit Ihrer Frage, ehrlich, komme ich auf das Thema. Bis dahin sind es ja noch elf Spieltage und ich denke, dass wir damit nichts zu tun bekommen, weil wir schon vorher den Klassenerhalt gesichert haben.“

Dann rückt wohl ein Bundesliga-Auswärtsspiel von Werder in der Alten Försterei immer näher …

Bruns: „Das wäre eine großartige Geschichte.“

Interview: Andreas Baingo

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