03.11.2017

„Union fängt Düsseldorf noch ab und wird Erster“

Interview mit Klaus Thomforde

Torwarttrainer des 1. FC Union: Klaus Thomforde (blaue Jacke) mit Aleksandar Ristic (1. von rechts). Foto: JouLux

Geht es um die treue Seele eines Vereins, dann gehört Klaus Thomforde (54) mit in die erste Reihe. Gut zwei Jahrzehnte hechtete der Torhüter für den FC St. Pauli, bestritt 359 Pflichtspiele (davon 100 in der Bundesliga) und war am Millerntor auch Torwart-Trainer. In dieser Funktion gab es den einstigen Haudegen in der Saison 2003/04 sogar beim 1. FC Union. Deshalb schaut der Hamburger, der neben den A-Junioren des TSV Sasel auch die Keeper der U 21-Auswahl des DFB betreut, ganz genau hin, wenn sich am Sonnabend, 13 Uhr, in der Alten Försterei der 1. FC Union und der FC St. Pauli um Zweitligapunkte gegenüberstehen.

Fußball-Woche: Herr Thomforde, was würden Sie denken, wenn Sie heute einen Satz hören würden wie: „Es ist einfach unheimlich geil, in der Bundesliga Bälle zu halten. Da geht mir voll einer ab!“?

Klaus Thomforde: „Das würde ich gut finden, so wie damals, als ich das am Anfang meiner Karriere gesagt habe, denn das ist Emotion pur.“

Dabei haben Sie es vor allem mit jungen Leuten zu tun, ob mit den A-Junioren beim TSV Sasel oder beim DFB mit der U 21-Auswahl. Und diese jungen Leute werden heute vielfach stromlinienförmiger erzogen.

Thomforde: „Emotion ist aber auch da im Spiel. Außerdem macht es Spaß, die Entwicklungsstufen zu erleben, wie sich junge Leute mausern. Ich finde es spannend und sage oftmals voraus, nicht in der Öffentlichkeit, sondern intern, wer das Zeug dazu hat, einer zu werden, oder wer nicht.“

Das klappt wahrscheinlich nicht immer. Haben Sie auch schon danebengelegen?

Thomforde:
„Logisch, aber man sieht natürlich und spürt es auch, ob einer Talent hat, wie er charakterlich ist und wie er sich entwickeln könnte.“

Darf man Sie, die deutsche U 21 betreffend, auch als Europameister ansprechen?


Thomforde:
„Als doppelten Europameister sogar und als Silbermedaillengewinner von Olympia 2016 in Rio de Janeiro. Dabei kann ich nicht sagen, wie ein Elfmeter geht und ich habe auch keinen Elfmeter gehalten. Aber ich helfe mit, den jungen Torhütern zu zeigen, wie es geht, dass ein Elfmeter gehalten werden könnte.“

Als Aktiver waren Sie bekannt als „Tier im Tor“ und die Pauli-Fans haben Sie abgöttisch geliebt. Was war oder was ist das wirklich ganz Besondere, das den FC St. Pauli schon immer ausgezeichnet hat?

Thomforde:
„In meiner Zeit war es der Zusammenhalt. Die Verbundenheit zwischen Vereinsmitgliedern, Fans, Spielern und ja, auch den Mitarbeitern in der Geschäftsstelle zu spüren, das hatte vor allem in den Heimspielen eine extrem positive Wirkung.“

Hat sich das tatsächlich über Jahre und Jahrzehnte so gehalten oder ist da auch ein Stück Legende dabei?

Thomforde:
„Das ist wirklich so und es war schon immer so, ob zu Zeiten der Regionalliga mit 2000, später mit 20.000 oder jetzt in dem um- und ausgebauten Stadion mit 30.000 Zuschauern. Zudem ist es nahezu immer ausverkauft. Da kommt jede Menge rüber.“

Sie sind mit St. Pauli zweimal aufgestiegen. Gibt es diese Träume wieder im Kiez?

Thomforde: „Es hat nach mir ja auch mal wieder geklappt. Punktuell ist da immer was zu machen. Nehmen wir nur die vorige Saison. Nach einer grottenschlechten Hinrunde haben wir eine Rückrunde hingelegt, die bundesligareif war. Derzeit leidet die Mannschaft ein wenig an einer Heimschwäche. Aber die ist leichter zu beheben als eine Auswärtsschwäche.“

Am Millerntor war Helmut Schulte, der jetzige Leiter der Lizenzspielerabteilung beim 1. FC Union, einer Ihrer Trainer. Haben Sie noch Kontakt zu ihm?

Thomforde: „Ja, wir telefonieren miteinander. Zuletzt ging es um Daniel Mesenhöler und die U 21 des DFB. Helmut hat es bei St. Pauli damals fantastisch gemacht. Er war ja auch Trainer auf Schalke, das sagt eigentlich alles. Dabei hat er nie seine Bodenhaftung verloren, er ist immer der alte Helmut geblieben. Wir sind so verblieben, dass ich, sollte ich in Berlin sein, unbedingt vorbeischauen soll.“

Zumal es in Köpenick mit Marcel Hartel einen aktuellen U 21-Auswahlspieler gibt.

Thomforde:
„Wir begrüßen uns auch immer mit ‚Eisern!‘, da weiß jeder gleich Bescheid.“

Sie waren ja auch mal Unioner, als Torwart-Trainer, wenn auch nur für eine Saison. Die endete 2004 mit dem Abstieg aus der 2. Liga. Was war da schiefgelaufen?

Thomforde:
„Es war trotzdem ein schönes Jahr und auch Union hängt mir am Herzen. Der größte Fehler damals war, Mirko Votava zu entlassen. Das lief irgendwie merkwürdig. Aber das ist lange her, Schwamm drüber.“

Wie verfolgen Sie seitdem den Weg der Eisernen?

Thomforde: „Indem ich mit vielen Leuten telefoniere, die nah dran sind am Verein und an der Mannschaft. So bin auch ich relativ nah dran.“

Dann wagen Sie doch mal einen Tipp für Sonnabend.

Thomforde: „Weil ich besonders die Keeper gut kenne, würde mir ein glattes 0:0, eines mit vielen Torchancen und überragenden Torhütern, durchaus zusagen.“

Trauen Sie den Unionern zu, den Sprung nach ganz oben zu schaffen?

Thomforde: „Union fängt Düsseldorf noch ab und wird Erster, St. Pauli wird Zweiter. So treffen wir uns kommende Saison in der Bundesliga wieder.“

Interview: Andreas Baingo

Kommentieren

Vermarktung: