Mein Fußball-Woche

16.06.2012

"Und in der Pause heiße Suppe, bitte!"

MKS DAB DEBNO: Der polnische Viertligist Dab Debno bietet seinen Zuschauern einen außergewöhnlichen Service - Im Vorderfeld der pommerschen Staffel.

Der Stadionsprecher hat die Aufstellungen beider Mannschaften vorgelesen und das Mikrofon beiseite gelegt. Für mich, den Besucher aus Berlin, wechselt er nun die Sprache. Auf Deutsch kommt sein freundlicher Hinweis: „Und in der Pause heiße Suppe, bitte!“ Er zeigt auf die an diesem feuchtkalten Novembertag verwaisten Picknick-Tische, und noch weiß ich nicht so recht, wie sein Satz gemeint sein könnte.

Der Miejski Klub Sportowy Dab Debno spielt an diesem Sonnabend gegen Rega Trzebiatów – Fußball in der polnischen Provinz. Debno, das in seiner deutschen Zeit 1562 Stadtrechte erhielt und bis 1945 als Ort in der Neumark den Namen Neudamm trug, ist eine knapp 14.000 Einwohner zählende Kleinstadt unweit der deutschen Grenze. Nur 17 Kilometer sind es von hier in südwestlicher Richtung bis nach Küstrin an der Oder.

Dazwischen liegt eine polnische Verwaltungsgrenze, die auch im Fußball ihre Auswirkungen hat. Während Küstrin wie der Großteil der ehemals ostbrandenburgischen Neumark zur heutigen Woiwodschaft Lebus gehört, zählt das im Landkreis Mysliborz (Soldin) gelegene Debno zur Woiwodschaft Westpommern. Aus diesem Grund spielt MKS (übersetzt Städtischer Sportklub) Dab (Eiche) Debno auch in der Baltischen Staffel von Polens III. Liga, der vierthöchsten Spielklasse des Landes. Die Gegner kommen wie Rega Trzebiatów (deutsch: Treptow an der Rega) aus Westpommern oder aus der weiter östlich gelegenen Nachbar-Woiwodschaft Pommern. Die Auswärtsfahrten von Eiche Debno gehen bis in das 373 Kilometer entfernte Danzig.

Heute aber, am 14. Spieltag der Hinrunde, genießt der Tabellensechste Debno Heimrecht. Eine Stunde vor Spielbeginn ist noch nicht viel los im 4000 Zuschauer fassenden, idyllisch am Ortsausgang und Waldrand gelegenen Stadion „Henryk Witkowski“. Als Erste kommen ein paar Rentner, die vor dem Spiel gern noch einen Plausch halten. Beim Anpfiff sind es rund 300 Besucher, die sich vom ungemütlichen Wetter nicht haben abhalten lassen. Der grüne Käfig für die Gäste-Fans, der selbst in Polens vierthöchster Liga zu den Lizenzbedingungen gehört, bleibt an diesem Nachmittag leer.

Vielleicht haben die Anhänger des abstiegsbedrohten Klubs geahnt, dass die Punkte in Debno bleiben werden. Nach 33 Minuten führen die Gastgeber durch Pawel Osowski und Pawel Majewski 2:0. Das ist auch der Halbzeitstand. Zur Pause lüftet sich dann das Geheimnis um die heiße Suppe. Die Fans stehen Schlange. Ich reihe mich ein, zücke mein Portemonnaie, kann es aber gleich wieder einstecken. Denn für jeden Besucher gibt es – bei einem Eintrittspreis von sieben Zloty (umgerechnet zirka 1,80 Euro) – eine heiße, gut schmeckende Kartoffelsuppe gratis. Ein in Polen und wohl nicht nur dort einzigartiger Service, der an diesem kühlen Novembertag von den Zuschauern besonders gern genutzt wird.

Im kleinen Debno werden die Fans nicht durch überteuertes Catering abgezockt, sondern bewirtet. Von einem Klub, der mit einem Saisonetat in Höhe von 300.000 Zloty (umgerechnet knapp 77.000 Euro) auskommen muss. Es ist die Geste, die zählt… In der zweiten Halbzeit scheint sich das Blatt zu wenden, gleichen die Treptower innerhalb von elf Minuten aus. Doch die Freude des Tabellen-14. währt nicht lange. Nur vier Minuten später (73.) heißt es durch Jaroslaw Norsesowicz 3:2 für Debno. Dab lässt sich den Sieg in dem abwechslungsreichen, vom Niveau her vielleicht mit der Brandenburg-Liga vergleichbaren Spiel nicht mehr nehmen und rückt durch den Dreier (trotz des negativen Torverhältnisses von 15:17) auf Rang vier vor. Rega rutscht dagegen auf Platz 15 ab. Mit leeren Händen geht es auf die 200 Kilometer lange Heimreise in das zwischen Swinemünde und Kolberg gelegene Trzebiatów.

Für Dab Debno war es bereits das letzte Heimspiel des Jahres, da nach Abschluss der Hinrunde zunächst zwei weitere Auswärtsspiele anstehen. Der Aufstieg ist für den Verein kein ernsthaftes Thema, die II. Liga vorerst wohl nicht finanzierbar. Der Spaß am Fußball geht dadurch nicht verloren. Und die familiäre Atmosphäre bleibt.

Horst Bläsig

Ein Leben unter den Namhaften

Der Miejski Klub Sportowy (MKS) Dab Debno wurde am 21. Juni 1945 gegründet. Der Verein spielt aktuell in der III. Liga Polens, der nach der Ekstraklasa, der eingleisigen I. Liga und der zweigleisigen II. Liga vierthöchsten Spielklasse des Landes. Die III. Liga besteht aus acht regionalen Gruppen, die den mit unseren Bundesländern vergleichbaren Woiwodschaften entsprechen. Wobei zwei Woiwodschaften jeweils eine Staffel bilden: Westpommern und Pommern, Lebus und Niederschlesien, Oppeln und Schlesien, Großpolen und Kujawien-Pommern, Ermland-Masuren und Podlachien, Lodsch und Masowien, Heiligkreuz und Kleinpolen, Lublin und Karpartenvorland.

Debno spielt in der 16 Klubs umfassenden, auch III. Liga „Baltycka“ (Baltisch) genannten pommerschen Staffel, obwohl die Stadt geschichtlich zu deutscher Zeit als Neudamm zur brandenburgischen Neumark und nicht zu Pommern gehörte. Das frühere Gebiet der Neumark entspricht in etwa der heutigen Woiwodschaft Lubuskie (Lebus), deren Name sich auf das historische, beiderseits der Oder gelegene Land Lebus bezieht. Das Örtchen Lebus liegt im deutschen Landkreis Märkisch-Oderland, war bis Mitte des 13. Jahrhunderts vorübergehend polnischer Fürsten- und Bischofssitz.

Debno trägt den Beinamen „Debno Lubuskie“, was den historischen Bezug unterstreicht. In einer geschichtlichen Sekunde wurde die Region jenseits der Oder 1945 vom Osten Brandenburgs zum Westen Polens. Erster Bürgermeister Debnos war der als Vertreter der polnischen Minderheit in Deutschland von 1922 bis 1928 in den preußischen Landtag gewählte und später von den Nazis verfolgte Jan Baczewski. Sportlich ist die Partnerstadt von Strausberg vor allem durch den in diesem Jahr zum 37. Mal ausgetragenen Debno Marathon bekannt. Die Fußballer haben nur wenige große Erfolge aufzuweisen.

Höhepunkt der bisherigen Klubgeschichte von Dab Debno war der Aufstieg 1975 in die damalige (zweigleisige) zweithöchste Liga Polens. Eine Saison lang spielte Dab zusammen mit prominenten Gegnern wie Arka und Baltyk Gdingen, Lechia Danzig, Jagiellonia Bialystok, Zawisza Bromberg und Polonia Warschau um Punkte. Nur neun konnte Dab allerdings bei der damals gültigen Zwei-Punkte-Regel ergattern. Am Ende fehlten 19 Zähler zum Klassenerhalt.

Jerzy Chwalek/Horst Bläsig

Historisches

Zu deutscher Zeit war der VfB Neudamm der führende Verein im heutigen Debno. Am 9. Oktober 1929 schrieb die FuWo über die Partie VfB Neudamm – SV Soldin (4:4): „So interessant war es, daß einige Soldiner Schlachtenbummler standen und standen, bis ihnen der Zug vor der Nase wegfuhr und sie erst spät abends mit der Mannschaft, die ein Auto-Malheur hatte, zusammen ankamen.“ Der VfB spielte zu jener Zeit in der 1. Bezirksklasse Warthe u.a. mit dem Küstriner SV, dem 1. FC 1912 und dem LSV 1923 aus Landsberg, Germania Schwerin und dem Vietzer FC.

17 Kilometer von Küstrin entfernt

Debno (deutsch: Neudamm) liegt 17 Kilometer nordöstlich von Küstrin und ist von Berlin aus gut zu erreichen.
Mit dem Auto: Auf der Bundesstraße 1 an Müncheberg, Seelow und Küstrin-Kietz vorbei über die Oder nach Küstrin. Von dort weiter auf der polnischen Staatsstraße 31 Richtung Stettin. In Sarbinowo (Zorndorf) folgt der Abzweig zur Staatsstraße 23 Richtung Myslibórz (Soldin). Nach neun Kilometern ist Debno erreicht. Das Stadion liegt am östlichen Ende der Stadt (Gorzowska). Mit der Bahn: Direktverbindung von Lichtenberg nach Küstrin, dann weiter mit Bus oder Taxi.

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