25.05.2012

Über acht Stufen musst du gehen

KKP CELULOZA: In Küstrin trennt eine kleine Brücke die Spieler von den Zuschauern - KKP Celuloza spielt in der vierthöchsten Liga - Mückenplage im Sommer

Die Oberbekleidung der Herren am Eingang sieht von weitem aus wie ein ärmelloses Trikot. Blau-weiß längsgestreift, mit Nummer und dem Aufdruck „Celuloza“. Sie reißen Eintrittskarten ab und sagen ein paar Worte, vermutlich so etwas wie „viel Spaß“. Eine interessante Idee, den dritten Torwart oder diejenigen Ersatzspieler, die ohnehin 90 Minuten die Bank wärmen, so bei Laune zu halten. Bei genauerem Hinsehen wird dann aber schnell klar, dass es doch keine Trikots sind, sondern nur ziemlich interessante Ordnerleibchen, und die meisten ihrer Träger würden bereits die Ü 50 des Klubs verstärken können.Die Hauptdarsteller des Fußball-Nachmittags in Küstrin sind ein paar Meter weiter zu finden, dort machen sich die Spieler von KKP Celuloza Kostrzyn nad Odra (der Zusatz steht für „an der Oder“) warm. Gespielt wird dann auch nicht blau-weiß längsgestreift, sondern ganz in Blau. Zehn Minuten vor dem Anpfiff sind die in Blau und Rot gehaltenen Sitzschalen – auf der einen Seite gibt es vier Reihen, auf der anderen drei, die Kurven sind frei – weitgehend unter sich. Selbst ein Berliner Bezirksligist dürfte bei schönem Wetter mehr Zuschauer anlocken. Nach und nach finden sich dann doch noch einige Besucher ein. Etwas mehr als 200 sind es, die das Spitzenspiel in der vierten polnischen Liga gegen den niederschlesischen Klub Lechia Dzierzoniow sehen wollen.

Die (viertklassige) III. Liga Polens ist in acht Staffeln aufgeteilt, Küstrin (polnisch Kostrzyn) ist in der Grupa Dolnoslasko-Lubuska beheimatet. Gespielt wird gegen Kurzstrecken-Gegner wie Ilanka Rzepin (Reppen) oder Pogon Swiebodzin (Schwiebus, rund 80 Kilometer Entfernung), aber auch gegen Mannschaften, die über 300 Kilometer weit weg sind. So auch Dzierzoniow, das frühere Reichenbach im Eulengebirge, das etwas südwestlich von Breslau liegt.

Unterstützer hat Lechia nicht mitgebracht, dabei besuchen die Heimspiele zum Teil erstaunliche 1000 Fans. Der Gäste-Bereich, auf den in diesem Fall wirklich der von Fans in Deutschland oft spöttisch benutzte Begriff „Gästekäfig“ zutrifft, bleibt leer. Hier gibt es keine Sitzschalen, sondern nur Betonstufen. Zu drei Seiten ist er von einem hohen Zaun umgeben. Funktional, wenn man es positiv ausdrücken will.

Das ansonsten gemütliche und erst vor wenigen Jahren aufgehübschte Stadion MOSiR – das übrigens nur gut 75 Kilometer von der Berliner Stadtgrenze in Mahlsdorf entfernt ist – wird an beiden Seiten von Bahngleisen eingerahmt. Eine Einwurflänge hinter einer Geraden rumpeln Regionalbahnen (öfter) und Güterzüge (selten) so laut vorbei, dass die Trainer vor allem bei letzeren Mühe haben, ihre Anweisungen an die Adressaten zu bringen. Zwei Abschlaglängen hinter der Hauptseite, wo sich auch die kleine Tribüne befindet, fahren unter anderem die durchgehende Züge Richtung Berlin-Lichtenberg.
Hinter dem Tor ist noch ein Nebenplatz, direkt daneben fließt die Warthe, die bei Küstrin in die Oder mündet. Wer in den Sommermonaten einen Besuch beim Kostrzynski Klub Pilkarski plant, sollte sich gegen Mücken wappnen, die von der Warthe und einem Tümpel in Stadionnähe in sehr großer Zahl vorbeischauen. Was die einheimischen Besucher gelassen zur Kenntnis nehmen, während ein Betreuer der Gastmannschaft fluchend um sich schlägt.

A propos „wappnen“. Interessenten, die in Stadien häufig Hunger und Durst verspüren, sei empfohlen, sich vorab auszustatten. Es gibt nicht einmal die in Polen sehr beliebten Sonnenblumenkerne und schon gar keine Bratwürste oder Getränke zu kaufen. Ein Grill steht zwar bereit, hat aber seinen letzten Einsatz wohl schon längere Zeit hinter sich.

Interessant ist der Weg der Spieler auf den Platz, frei nach Karat und Peter Maffay, „über acht Stufen musst du gehn“. Von den Kabinen aus, die sich in einer Sporthalle befinden, einige Meter durch ein mitten auf dem Gelände gelegenes Mini-Waldstück, acht Stufen rauf, über eine kleine Brücke, acht Stufen runter. Angekommen. Das Brücken-Konstrukt führt über die Köpfe der Zuschauer und verhindert ein direktes Aufeinandertreffen von Spielern und Fans. Zumindest bei unserem Besuch sah es jedoch nicht so aus, als wäre es ohne den Zaun zu Handgreiflichkeiten gekommen.

Nachdem alle 22 Aktiven, sämtliche Ersatzspieler, Trainer, Co-Trainer, Betreuer und das Schiedsrichtergespann den Marsch zum Rasen ohne größere Probleme hinter sich gebracht haben, es sind lediglich zwei, drei kleinere Stolperer an der Treppe zu verzeichnen, kann es losgehen. Gemessen an der Liga sieht die Darbietung gar nicht so übel aus. Fünffache Übersteiger oder geniale Kombinationen sind hier nicht zu erwarten, aber das Tempo ist recht hoch. Und Chancen gibt es reichlich.

Doch die Offensivkräfte beider Teams zeigen zuverlässig, warum sie auf diesem Niveau und nicht in einer höheren Spielklasse aktiv sind. In der zweiten Halbzeit wird dann weniger gespielt und mehr gebolzt. Nun darf Küstrins Teammanager Jozef Zielinski mit seiner schwarzen Tasche zwecks Behandlung ran, zur Freude der Zuschauer, die ihn mit „Jozef“-Rufen empfangen. Es bleibt beim 0:0, nach Abpfiff sinkt auch bei der Gruppe Männer mittleren Alters wieder der Blutdruck, die lautstark am Spielgeschehen Anteil genommen hatte. Besonders ein Mittelfeldspieler des Gegners, der zumindest in Sachen Theatralik profihafte Züge an den Tag legte, hat sie in Aufruhr versetzt. Die gebrüllten Kommentare klangen zumindest nicht wie eine Einladung zum gemeinsamen Bier nach dem Duschen. Die Reaktion des Spielers, der erstaunt nach oben blickte und sich anschließend kopfschüttelnd abwandte, deutete ebenfalls nicht darauf hin.

Sebastian Schlichting

Trainer spielte in Thüringen

Vor wenigen Minuten ist die Partie gegen Dzierzoniow abgepfiffen worden. Jetzt steht Roland Heppner, der Trainer von Celuloza Kostrzyn, vor der Kabine und entschuldigt sich erst einmal: „Ich habe länger nicht Deutsch gesprochen. Außerdem bin ich noch etwas nervös wegen des Spiels.“ Doch dann fängt er an zu erzählen. Dass sein Team zu viele Chancen vergeben habe, dass die meisten seiner Spieler noch sehr jung seien und „noch ein, zwei Jahre brauchen“, und dass er selbst früher in Deutschland gespielt habe.

„Ich hatte gute Angebote“, begründet er lächelnd. Die Vereinsnamen dürften nur wenige kennen, aber Heppner gehen sie leicht über die Lippen: TSV 08 Holzthaleben und FSV Ulstertal Geisa, damals in der Thüringen-Liga. Heppner ist inzwischen 34, er wurde in der Nähe von Küstrin geboren, hat bei Polonia Slubice und Celuloza gespielt. Seit 2008 war er zunächst Spielertrainer.

Der Klub wurde 1957 als KS Unia gegründet und zwei Jahre später in Celuloza (eine Zellulosefabrik, die lange als Sponsor fungierte) umbenannt. Eine große Nummer war man im polnischen Fußball nie, größter Erfolg war Platz acht in der Zweiten Liga 1982/83. Aber es gibt aktuelle Nationalspieler, die bei Celuloza angefangen haben. Abwehrspieler Dariusz Dudka ist inzwischen bei AJ Auxerre aktiv, er war bei der WM 2006 und der EM 2008 dabei. Grzegorz Wojtkowiak spielt bei Lech Posen und Torwart Lukasz Fabianski (in Küstrin geboren, erster Verein war Polonia Slubice) steht beim FC Arsenal unter Vertrag, kommt dort aber kaum zum Einsatz.

Jerzy Chwalek/Sebastian Schlichting

Direktverbindung von Lichtenberg

Direktverbindung von Lichtenberg Kostrzyn nad Odra (gut 17.000 Einwohner) und Küstrin-Kietz (zirka 900) waren bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs eine Stadt. Seit 1945 gehört der weitaus größere, östlich der Oder gelegene Teil Küstrins mit dem Stadtkern zu Polen. Die Anreise zu Celuloza mit dem Auto ist sehr einfach: In Berlin auf die B 1, die Stadt in Mahlsdorf verlassen, immer geradeaus fahren, und nach 75 Kilometern die Oder-Brücke passieren, dann hinter der Grenze links abbiegen (Richtung Zentrum) und am ersten Kreisverkehr wieder links. Nach etwa 200 Metern liegt das Stadion MOSiR auf der linken Seite. Nur einen Katzensprung entfernt befindet sich schräg gegenüber der Bahnhof. Der Zug fährt von Lichtenberg aus stündlich und braucht entweder 68 oder 78 Minuten. Bedient wird die Strecke von der Niederbarnimer Eisenbahn, an den Automaten im Zug kosten die Tickets für Hin- und Rückfahrt ohne BahnCard 21 Euro und sind damit billiger als bei der Deutschen Bahn. Ab zwei Personen lohnt sich das Brandenburg-Berlin-Ticket, das bis Kostrzyn gilt. Die Eintrittskarten bei Celuloza kosten fünf Zloty (umgerechnet zirka 1,25 Euro), ermäßigt drei Zloty. Für den kleinen Hunger gibt es in Stadionnähe mehrere Imbisse.

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