Mein Fußball-Woche

18.10.2014

Tore aus dem Naturschutzgebiet

Absturz in die 2. Kreisklasse, dann der doppelte Aufstieg: Jetzt lebt „Am Luch“ in Niederlehme der Traum von der Landesklasse

Es ist ihnen schon wieder passiert. Wie so manches Mal zuletzt. In der vorigen Saison haben sie deswegen sogar den nahen Aufstieg in die Landesklasse verdaddelt. Als Tabellendritter lagen sie zum Ende des Spieljahres fünf Punkte hinter dem Ersten, dem Aufsteiger. Aber: Von ihren Partien bei den beiden letzten Teams brachten sie keinen Zähler mit, nicht einen. Es genügt das kleine Einmaleins, um die vergebene Chance zu begreifen.

Nun also starten die Männer der SG Niederlehme einen neuerlichen Anlauf, sich aus der im Sommer neu gebildeten Kreisoberliga Dahme-Fläming nach oben zu siegen. Und da passiert ihnen im dritten Auswärtsspiel das neuerliche Malheur. Als unbesiegter Tabellenzweiter ging es vor zwei Wochen zum sieglosen Vor-letzten Blankenfelde-Mahlow. Schon lange vor dem Schlusspfiff waren sie nicht mehr Zweiter und der Gegner nicht mehr Vorletzter. Zurückgekehrt sind sie mit einer Niederlage, die schon einer Tracht Prügel gleicht. 0:6 haben sie vergeigt und zu alldem noch vor der Pause eine Rote Karte kassiert. „Die Niederlage war schon schlimm genug“, sagt Trainer Stephan Rosenberg (38), „aber besonders geärgert hat mich der Platzverweis, weil es auch noch eine Tätlichkeit war, es war totaler Frust. Das kann ich so gar nicht ab.“

Was ist ihm geblieben? Er hätte seine Verlierer auf Trab bringen können wie in der Vorbereitung. Das Luch, das angrenzende Naturschutzgebiet, das kurioserweise schon auf dem Spielfeld beginnt und auch dem Sportgelände seinen Namen gibt (manches Tor fällt somit aus einer geschützten Zone heraus), wäre die Alternative gewesen. Drei, besser vier Runden, jede 1,7 km lang, hätte er sie japsen lassen können. Wie immer wäre der Erste nach 21 Minuten im Ziel gewesen und der Letzte nach einer halben Stunde. Mancher hätte dann gedanklich vor das Wort Luch noch ein großes F gesetzt. Nur ist das nicht das Ding von Rosenberg: „Die Jungs machen das ja nicht mit Absicht. Den Großteil des Trainings absolvieren wir sowieso immer mit Ball, denn es ist mir wichtig, den Spagat zwischen Leistung und Spaß zu schaffen.“

Derzeit aber hat der Trainer zu tun, seine Jungs bei Laune zu halten, denn auch die Wiedergutmachung der 0:6-Schlappe ging in die Hose. 1:2 hieß es im darauffolgenden Heimspiel gegen den SV Teupitz/Groß Köris. Trotz früher Führung drehte der Gast die Partie – auch weil zwei Treffer der Niederlehmer keine Anerkennung fanden und sie einen zumindest aus ihrer Sicht äußerst zweifelhaften Elfmeter kassierten. Dritter wären sie bei einem Sieg gewesen, Neunter sind sie nun in ihrer Kreisoberliga und haben bereits acht Punkte Rückstand auf Tabellenführer SG Großziethen. Trotzdem denkt niemand daran, die Saison vorzeitig abzuschreiben. Wenn sie nur ein paar Jahre zurückdenken, dann sind zwei Niederlagen am Stück, selten genug passieren sie der Ersten, geradezu ein Luxusproblem. Viel schlimmere Zeiten haben sie überstanden und sind gestärkt aus dem Schlamassel gekommen. 2007 lagen sie, zumindest im Männerbereich, total am Boden. Bis in die 2. Kreisklasse hatte sie der Absturz gezwungen.

Betriebsunfall repariert

Das ließen sie nicht lange auf sich sitzen, denn da erwachten die Kämpferherzen. Nach nur zwei Spielzeiten, zwei Aufstiegen, 45 Siegen und 249:52 Toren waren sie zurückgeklettert in die damalige Kreisliga. Die Gegner waren endlich nicht mehr die zweiten Mannschaften der anderen Vereine (sogar die eigene Reserve gehörte dazu), sondern wieder Frankonia Wernsdorf, der Nachbar und Erzrivale, auch Phönix Wildau und Union Bestensee. Schnell also war der Betriebsunfall repariert, weil einige alte Kämpen all ihr Herzblut einbrachten und an einem Strang zogen. Wer weiß, wie es ohne die Familien Klauke (Karina ist Geschäftsführerin, Rainer ist Sportwart, beide Töchter spielen im Frauen-Team, die beiden Schwiegersöhne in der Ersten) und Klatt (Vater Burghard ist Jugendwart und Trainer der Frauen, beide Söhne sind als Spieler aktiv) weitergegangen wäre.

Gewinn des Kreispokals 2011

Als alle gemeinsam die Karre aus dem Dreck gezogen hatten und für 2012 schon das 100. Jahr der Vereinsgründung dämmerte, kam ihnen der Zufall zu Hilfe. „Aus einem eher laxen Gespräch ergab es sich, dass ich hier Anfang 2011 Trainer wurde“, sagt Stephan Rosenberg. Gemeinsam starteten sie so richtig durch. Sportlich rollten sie nach einer nur mauen Hinrunde mit ganzen 13 Punkten das Feld von hinten auf und wurden noch grandioser Sechster. Der Höhepunkt aber folgte mit dem Triumph im Finale des Kreispokals. 2:0 wurde die SG Schulzendorf besiegt. „Das war trotz anderer angenehmer Dinge mein bisher schönster Moment hier“, meint Rosenberg. Fast wäre dem Kreisligisten noch ein größerer Coup gelungen, denn nachdem sie in der Qualifikationsrunde des Landespokals gegen den FC Viktoria Jüterbog 4:1 triumphiert hatten, gaben sie dem RSV Eintracht eine harte Nuss zu knacken. Der jetzige Brandenburg-Ligist musste sich bei seinem 2:0 ganz gewaltig strecken. An eine Episode erinnert sich Rosenberg noch wie heute: „Danach kam Dragan Radic zu mir, der damalige Eintracht-Trainer, und meinte nur, dass die bessere Mannschaft leider nicht gewonnen habe.“

Auch bei ihrer 100-Jahr-Feier machten die Niederlehmer (seit zehn Jahren ist dieser 3000-Seelen-Flecken ein Ortsteil von Königs Wusterhausen) eine ausgesprochen gute Figur. „Mancher lädt sich zu solch einem Anlass eine große Mannschaft ein“, sagt Rosenberg, „vielleicht den 1. FC Union oder eine Oldie-Auswahl. Wir sind einen anderen Weg gegangen, wir haben gegen eine Kreisauswahl gespielt, gegen die Jungs, die wir schon kennen. Das kam sehr gut an.“ Zumal sie selbst an ihrem großen Tag ein Auge auf die Vereinskasse werfen mussten. Für den Trainer ist das überhaupt kein Problem: „Wir bleiben bescheiden und bauen keine Luftschlösser. Mit anderen Worten: Wir sind klein, aber fein.“

Ziel bleibt der Aufstieg

Das soll auch so bleiben, selbst wenn die jüngsten zwei Niederlagen am Stück richtig weh tun und der irgendwann erhoffte Aufstieg schon wieder ein kleines Stückchen in die Ferne gerückt ist. Im Spiel am Wochenende beim SV 1950 Felgentreu soll die Wende gelingen. Gemeinsam mit den Anhängern – 28 Getreue haben sich für die 70-km-Tour im Mannschaftsbus einen Platz reserviert – soll der nächste Dreier gelingen. Doch Rosenberg bleibt ganz entspannt: „Wir wollen aufsteigen, das schon. Aber wir müssen nicht. Unser Vorstand fordert nichts, er fördert uns höchstens. Trotzdem: Eine Klasse weiter oben zu spielen, in der Landesklasse, das wäre irgendwann mal doch ganz schön.“

Mit Herzblut dabei: Mathias Pagenkopf ist Spieler, Trainer und Mädchen für alles

Es scheint fast so, dass ohne ihn kaum etwas ginge. Zu Heimspielen jedenfalls beginnt sein Tag in aller Herrgottsfrühe und endet mit dem letzten Bierchen im Vereinsheim – egal ob nach Siegen oder Niederlagen. Denn Mathias Pagenkopf (29) ist stets präsent und mit ganz viel Herzblut bei der Sache.

FuWo: Wie lange, Herr Pagenkopf, schlägt Ihr Herz bereits für die SG Niederlehme?

Mathias Pagenkopf: „Mit Unterbrechungen 20 Jahre. Als Neunjähriger habe ich hier in der D-Jugend angefangen, war dann in Zernsdorf, in der Nachbarschaft, nun bin ich seit etlichen Jahren wieder zurück.“

Ist es auch bei Ihnen ein Gefühl, als ob man wieder zu Hause angekommen ist?

Pagenkopf: „Es ist tatsächlich so, dass wir hier eine große Familie sind. Etliche sind mal weg gewesen, haben gemerkt, dass es woanders doch nicht so schön ist, und sind wieder da.“

Dabei sind Sie zurückgekommen, als es dem Verein dreckig ging wie nie. Das war 2008. Warum gerade da?

Pagenkopf: „Weil es eben mein Zuhause ist. Es ging ja wieder aufwärts, wir sind gleich ein zweites Mal aufgestiegen. Das war ein schöner Moment, mein bisher schönster hier. Und wir haben eine ganze Menge angepackt. Wir haben unser Vereinsheim ausgebaut, haben das Meiste allein gestemmt. Darauf sind wir stolz.“

Es gibt auch eine Heim-Kabine mit einem stattlichen Vereinsemblem darin. Die Kabine wird aber auch vom Frauen-Team genutzt. War das sehr speziell, beide Interessen unter einen Hut zu bringen?

Pagenkopf: „Das Emblem wollten alle haben, das gehört einfach dazu. Nun ja, die Mädels wollten einen größeren Spiegel, wir eine größere Taktik-Tafel.“

Und?

Pagenkopf (schmunzelt): „An der Taktik-Tafel haben wir nicht gespart …“ Inzwischen bringen Sie sich auf nahezu allen Ebenen ein.

Wo genau?

Pagenkopf: „Vor gut einem Jahr habe ich mir einen Kreuzbandriss zugezogen. Da hat das alles angefangen. Trotzdem spiele ich weiter in der ersten Mannschaft. Dazu trainiere ich die C-Jugend, kümmere mich um vieles auf unserer Sportanlage, um die Bälle, ich mähe den Rasen, wenn auch nicht allein. Selbst der Trainer muss mal den Rasen mähen. Aber eigentlich bin ich das Mädchen für alles.“

Woher nehmen Sie all die Zeit? In Ihrem Beruf haben Sie den Meisterbrief erworben und ohnehin einen ausgefüllten Tag.

Pagenkopf: „Das schon, denn ich arbeite im Servicebereich einer Firma in Berlin-Reinickendorf, die in der Logistikbranche tätig ist. Doch meine Freizeit gehört dem Verein. Das alles ist ein Ausgleich für meinen Job, bei dem ich die meisten Stunden am Rechner zubringe.“

Auch als Spieler sind Sie mit vielen Positionen vertraut, auf einem noch gar nicht so alten Mannschaftsfoto sind Sie der Torhüter.

Pagenkopf: „Es gibt keine Position, auf der ich nicht schon gespielt habe. Als Torwart war es sogar am schönsten. Erstens weil ich eine gute Abwehr hatte, und zweitens weil ich nicht so viel laufen musste.“

SG Niederlehme 1912

Adresse: Sportplatz am Luch, Triftstraße 11, 15713 Königs Wusterhausen, OT Niederlehme.
E-Mail: mail@sg-niederlehme.de
Homepage: www. sg-niederlehme.de
Gegründet: 19. April 1912 als SG Jugendlust Niederlehme.
Von 1920 bis 1933 hieß der Verein SG Niederlehme, danach bis 1945 SpVgg Niederlehme, zu DDR-Zeiten erneut SG Niederlehme und seit 1990 SG Niederlehme 1912 e.V.
Mitglieder und Sportarten im Verein: 395 (rund 150 Fußballer, die anderen in den Sparten Tischtennis, Laufen, Allgemeine Sportgruppe).
Mannschaften: 10 (2 Männer-, eine Senioren-, eine Frauen- und 6 Jugendmannschaften in Spielgemeinschaften). Spielklasse der 1. Mannschaft: Kreisoberliga Dahme/Fläming (Brandenburg).
Größte Erfolge: Kreismeistertitel 1999 und 2009, Kreispokalsieg 2011. Qualifikation für die Kreisoberliga 2014.

Von Robert Klein

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