16.06.2012

Stockholms feurige dritte Kraft

Das Söderstadion von Hammarby IF gilt als eine der stimmungsvollsten Arenen Europas – 2012 wird dort der letzte Vorhang fallen

Fußball in Stockholm ist eine intensive Angelegenheit. Die Stadt ist streng aufgeteilt: Djurgårdens IF, AIK Solna und Hammarby IF. Die „Liebe“ nimmt auch außerhalb des Platzes ihren Fortgang, wie der deutsche Profi Jan Tauer, der zweieinhalb Jahre für Djurgårdens IF gespielt hat, einmal erfahren musste. Sein Versuch, den Stockholm-Besuch seiner Eltern mit einem ganz besonderen Essen zu krönen, scheiterte daran, dass das Restaurant einem Hammarby-Supporter gehörte. Ein kurzes „Du kommst hier nicht rein“ und der Abend war gelaufen. Mehr muss man zur Rivalität der Klubs in der schwedischen Hauptstadt wohl nicht sagen.

Fußball in Stockholm ist eine intensive Angelegenheit. Die Stadt ist streng aufgeteilt: Djurgårdens IF, AIK Solna und Hammarby IF. Die „Liebe“ nimmt auch außerhalb des Platzes ihren Fortgang, wie der deutsche Profi Jan Tauer, der zweieinhalb Jahre für Djurgårdens IF gespielt hat, einmal erfahren musste. Sein Versuch, den Stockholm-Besuch seiner Eltern mit einem ganz besonderen Essen zu krönen, scheiterte daran, dass das Restaurant einem Hammarby-Supporter gehörte. Ein kurzes „Du kommst hier nicht rein“ und der Abend war gelaufen. Mehr muss man zur Rivalität der Klubs in der schwedischen Hauptstadt wohl nicht sagen.

Hammarbys Bester

Fünf Minuten vom Söderstadion liegt der Skogskyrkogården, ein großer, wunderschöner Waldfriedhof. Hier ruht Hammarbys wohl Größter: Karl Lennart, genannt „Nacka“, Skoglund, einer der besten Fußballer, die dieses Land je hervorgebracht hat. Skoglund, WM-Teilnehmer 1950 und 1958 (Torschütze im Halbfinale gegen Deutschland), wechselte nach Italien und wurde mit Inter Mailand zweimal italienischer Meister. 1964 kehrte er zu Hammarby zurück. Als „Nacka“ Skoglund am 8. Juli 1975 im Alter von nur 45 Jahren starb, war er ein einsamer und gebrochener Mann. Karl Lennart Skoglund reiht sich nahtlos in die Reihe der großen Fußballspieler ein, die die Reibung mit dem richtigen Leben nicht ertragen konnten und schließlich daran zugrunde gingen.

Der Universelle

Sven „Svenne Berka“ Bergqvist wurde 1914 in Stockholm geboren. Er wuchs in Södermalm auf. Mit 16 hütete er bereits das Tor der Hammarby-Bandy-Herren. Nur ein Jahr später stand er sowohl beim Eishockey- als auch beim Fußball-Team im Kasten. Bergqvist bestritt 35 Länderspiele für Schweden. 1936 war er gar zweifacher Olympiateilnehmer. Im Winter mit dem Eishockeyteam, im Sommer mit den Fußballern. Nach einem Autounfall 1955 war er an den Rollstuhl gefesselt. Er begann mit dem Bogenschießen und sollte bei den Paralympics 1960 an den Start gehen. Da er aber alles aus eigener Tasche bezahlen sollte, verzichtete er auf eine Teilnahme. Bleibt nur noch anzumerken, dass Bergqvist auch ein Kandidat für das schwedische Handballteam war, was er aber ablehnte. Darüber hinaus hätte er auch der erste schwedische Auslandsprofi werden können. Racing Paris wollte ihn haben, Bergqvist lehnte ab. 1999 wurde er in die International Hockey Hall of Fame aufgenommen.

Kurzes Zwischenspiel in Europa

International sind die „Bajen“ bislang kaum in Erscheinung getreten. Im UEFA-Cup 1985/86 gelangten sie bis ins Achtelfinale und trafen dort auf den 1. FC Köln. Das Hinspiel in Stockholm verlor der FC nach 1:0-Halbzeitführung noch mit 1:2 (Tore: Geilenkirchen und zweimal Holmberg). In Köln führten dann die Schweden (Andersson) und die Kölner drehten das Spiel (Littbarski, Klaus Allofs, Bein). Damit war das UEFA-Cup-Abenteuer für Hammarby IF beendet.

Nach dem bislang einzigen Gewinn der schwedischen (Männer-) Meisterschaft 2001 scheiterten die „Bajen“ im darauffolgenden Sommer in der 2. Qualifikationsrunde zur Champions League an Partizan Belgrad (1:1, 0:4). 2007 konnte sich Hammarby über den UI-Cup-Sieg (1:1 und 0:0 gegen den FC Utrecht) für den UEFA-Cup qualifizieren. Dort war allerdings schon in der Vorrunde (2:1, 0:4 gegen Sporting Braga) Schluss.

Platz elf im Stadion-Ranking

Wer in den letzten Jahren im Svensk Elitfotboll Guide, dem schwedischen Fußball-Sonderheft, geblättert hat, wird sich verwundert die Augen gerieben haben. Auf der Seite neben dem Kader von Hammarby IF stieß man auf eine Liste der stimmungsvollsten europäischen Fußballstadien. Auf Platz elf, hinter dem Karaiskakis von Piräus und dem Feyenoord-Stadion von Rotterdam, fand man dort das Söderstadion. Die Untersuchung stammte von einem englischen TV-Sender. Die Begründung, warum das Söderstadion zu den stimmungsvollsten europäischen Arenen gehören soll, ist so einfach wie einleuchtend. Auch wenn es mit 16.197 Plätzen zu den kleinen Stadien zählt, so ist es offenbar die Intensität der Fans, die überzeugt. Liest sich erst einmal gut, aber zunächst bleibt doch ein Restzweifel, den nur ein persönlicher Besuch beseitigen kann.

Spartanisch, aber leidenschaftlich

Das Söderstadion zählt gewiss zu den eigenartigsten Stadien. Zwei Seiten sind eingebaut zwischen Geschäftshäusern (da bekommen Überstunden einen völlig neuen Sinn), hinter dem einen Tor steht lediglich eine Stahlrohrtribüne und erweckt den Eindruck eines Provisoriums. Dazu gibt es noch die Haupttribüne, die dem Eisstadion gegenüber liegt. Und das soll ein Hexenkessel sein?

Die Ausstattung ist eher spartanisch. Holzbänke von anno dunnemals und kein Komfort. Aber genau das macht den Charme dieses kleinen Stadions aus. Als sich an diesem Tag das Stadion füllt, verschwindet der erste Eindruck. Schon weit vor dem Anpfiff schallen wuchtig die Gesänge der HIF-Fans durch das Söderstadion und vermitteln einen Eindruck dessen, was kommen wird. Für die „Bajen“ geht es darum, gegen einen direkten Mitkonkurrenten die Relegation zwischen 2. und 3. Liga zu vermeiden. Rund 9000 kommen an diesem Montagabend – und sie veranstalten einen Höllenspektakel. Geduldig sehen sie über gravierende Fehler des eigenen Teams hinweg und brüllen es am Ende zu einem 5:2-Sieg. Das Gästeteam hat wenig zu lachen. Aus allen Ecken des Stadions schlägt ihm Ablehnung entgegen. Hammarby ist Emotion pur. Das gesamte Publikum geht mit.

Platzsperre für Derbies

Derart intensives Fan-Engagement bewegt sich immer auf einem schmalen Grat. Die Stimmung kann leicht kippen. So geschehen am 28. August 2006. Als Hammarby IF in der Allsvenskan auf den Stockholmer Rivalen Djurgårdens IF traf, flogen im Söderstadion die Fetzen. Kurz nach der Halbzeit, die „Bajen“ lagen 0:3 zurück, eskalierte die Situation: Pyros, Platzsturm, Spielabbruch. Fortan wurden die Stockholmer Derbies samt und sonders im Råsundastadion ausgetragen.

Die neue Arena

Die Saison 2012 wird eine ganz besondere sein: Es ist die letzte, die HIF im Söderstadion absolvieren wird. Danach ziehen die „Bajen“ in die neue Arena um, die nur wenige Meter neben dem Söderstadion gebaut wird. „Das Söderstadion ist ein sehr spezieller Ort“ sagt Love Gustafsson, „es ist alt und unmodern, aber es wird vermisst werden, schließlich hat Hammarby rund 46 Jahre hier gespielt“. Mit den Bajen-Fans werden derzeit Gespräche geführt, wie man den Geist des Söderstadions in die neue Arena transportieren kann. Leicht wird dies nicht. Das neue Stadion ist eine jener seelenlosen Multifunktionsarenen, die man heutzutage in allen Ecken dieser Welt baut. Betreiber ist Stockholm Globe Arenas, die auch den Ericsson Globe und das Eisstadion betreiben. Die Stadt Stockholm wird sich dagegen um die Zukunft des Söderstadions „kümmern“. Das heißt Abrissbirne, um anschließend das Gelände in renditeträchtige Immobilien umzurubeln.

Wenn Hammarby IF in der Spielzeit 2013 in das neue Stadion zieht, werden die Dinge nicht mehr die gleichen sein. Zukünftig können zwar die Stockholmer Derbies in der neuen Arena ausgetragen werden, aber ob der Geist des Söderstadions und die neue Multifunktionsarena konform gehen, das muss erst noch bewiesen werden.

Auch wenn Hammarby IF derzeit nur in der zweitklassigen Superettan spielt, ist der Fan-Zulauf ungebrochen, wie Love Gustafsson aus der Hammarby-Presseabteilung berichtet. „Bajenfans“, so Gustafsson, „ist die größte Supporterorganisation in Schweden“. Die Fangruppe bringt es derzeit auf über 5000 zahlende Mitglieder. Leider gab es in der Vergangenheit auch hier Problemfans, die dem Verein das Leben schwer machten. Allerdings sind diese negativen Tendenzen, wie Gustafsson erzählt, rückläufig. Das Verhalten der Fans hat sich deutlich zum Positiven gewandelt.

Die größten Erfolge

Mästerskapet (schwedische Meisterschaft vor der Allsvenskan) 1922, Schwedischer Meister (Allsvenskan) 2001, Schwedischer Vize-Meister 1982, 2003.

Pokalfinalist Svenska Cupen 1977 (0:1 gegen Östers IF), 1983 (0:1 n.V. gegen IFK Göteborg), 2010 (0:1 gegen Helsingborgs IF).

UEFA-Intertoto Cup 2007.

Berühmte Spieler

Karl Lennart Skoglund (WM-Teilnehmer 1950 und 1958, Torschütze im legendären Halbfinale gegen Deutschland, italienischer Meister mit Inter Mailand).

Ronnie Hellström (WM-Teilnehmer 1970, 1974 und 1978, später Kulttorhüter des 1. FC Kaiserslautern)

Sven Bergqvist (schwedischer Nationalspieler in den Disziplinen Fußball und Eishockey, repräsentierte 1936 Schweden sowohl bei der Winter- als auch bei der Sommer-Olympiade, wurde 1999 sogar in die „International Hockey Hall of Fame“ aufgenommen)

Lars Eriksson (WM-Teilnehmer 1990, 1994, Euro 1992, spielte noch bei Charleroi und dem FC Porto)

Thomas Dennerby (Trainer der schwedischen Frauennationalmannschaft)

Thomas Sjöberg (WM-Teilnehmer 1978, spielte u.a. beim Karlsruher SC)

Kenneth „Kenta“ Ohlsson (schwedischer Nationalspieler und mit 333 Einsätzen in der Allsvenskan Hammarbys Rekordspieler)

Billy Ohlsson (jüngerer Bruder von Kenneth Ohlsson, spielte u.a. bei Arminia Bielefeld)

W. Weber

Kommentieren

Vermarktung: