18.05.2012

Sonnenblumenkerne im Akkord

GKP GORZÓW: Der Klub trägt den roten Adler auf der Brust - Der frühere Vereinsname Stilon ist noch überall präsent

Das flache Haus ist blau gestrichen. Das Wappen von GKP Gorzów Wielkopolski prangt neben der Tür, davor sitzen zwei Frauen auf einer kleinen Bank. In der Annahme, die Vereinsgaststätte gefunden zu haben, treten wir ein – und stören fast bei der Mannschaftsbesprechung.

Es ist keine Kneipe, es sind die Umkleidekabinen. Inzwischen ist auch ein Ordner darauf aufmerksam geworden, dass wir irgendwas verwechselt haben und teilt uns mit, dass wir dort nichts zu suchen haben. Verstehen tun wir ihn nicht, aber manche Dinge sind auch ohne Worte eindeutig. Doch sein Zorn legt sich recht schnell wieder, in der Halbzeit gibt es bereits ein Lächeln. Fußball in Gorzów Wielkopolski, dem früheren Landsberg an der Warthe, das ist eine recht unaufgeregte Angelegenheit. Mal abgesehen von der für Polen normalen massiven Polizeipräsenz vor dem Stadion Miejski. Auf den Rängen – beide Geraden sind mit blauen Schalensitzen ausgestattet, zudem gibt es eine sehr kleine überdachte Tribüne – werden Sonnenblumenkerne im Akkord geknackt, das Publikum besteht aus vielen älteren Männern. Es gibt Bratwurst und Steaks vom Holzkohlengrill. Also alles das, was für ein schönes Fußballspiel nötig ist. Na ja, fast alles. Die Freunde polnischer Brauereikunst müssen sich in Verzicht üben, auch hier gilt das in Stadien übliche Alkoholverbot.

Von Lichtenberg aus ist man mit dem Zug in weniger als zwei Stunden in der 125.000-Einwohner-Stadt, die sicher nicht zu Polens Schmuckstücken gehört, aber vor allem am Ufer der Warthe einige schöne Ecken zu bieten hat. Heute trifft GKP, der Gorzówski Klub Pilkarski, auf Flota Swinemünde. Beide stehen im Mittelfeld der zweiten Liga, die hier I. Liga heißt. 2000 Menschen wollen dabei sein, das ist gemessen an den anderen Saisonspielen unterer Durchschnitt. Gegen bekannte Teams wie Pogon Stettin oder Gornik Zabrze kommen mindestens doppelt so viele. Aber zum einen geht es sportlich um nichts mehr, zum anderen ist Dienstag um 17 Uhr nicht die arbeitnehmerfreundlichste Anstoßzeit. Kurzfristig ist zu befürchten, dass die Heim-Mannschaft das auch so sieht und vorsorglich gar nicht erst antritt. Denn die Teams kommen nicht wie sonst üblich gemeinsam, sondern zeitversetzt auf den Rasen. Erst Swinemünde mit dem Schiedsrichter-Gespann, danach Gorzów.

Aber dann kann es doch losgehen, und die, die immer da sind, haben auch diesmal ihre Stammplätze eingenommen. Hinter einer großen Zaunfahne mit der Aufschrift „Stilonowcy“ stehen rund 200 Fans (vom Alter her die Enkel-Generation der Herren gegenüber), die über 90 Minuten mit vollem Einsatz dabei sind und sowohl durch Lautstärke als auch durch Schalparaden und Wechselgesänge mit der anderen Seite positiv auffallen. Stilon ist der frühere Name des Klubs – der hier aber immer noch überall präsent ist – und steht für eine Chemiefaserfabrik, die Anfang der 50er Jahre aufgebaut wurde und Ende der 80er Jahre 7500 Menschen beschäftigte.

Die Fabrik gibt es, mit neuem Eigentümer, immer noch, der Vereinsname wurde Mitte der 90er Jahre gewechselt. Auf einigen Fan-Bannern, im Klub- und im Stadtwappen findet sich der brandenburgische Adler. Górzow gehörte, damals unter dem Namen Landsberg/Warthe, nach der neuen Kreisgliederung Preußens im Anschluss an den Wiener Kongress 1814/15 zur preußischen Provinz Brandenburg.

Bei der vorliegenden Tabellensituation kann es kurz vor Saisonende immer zwei Extreme geben: Ein lahmes, uninspiriertes Spiel, bei dem beide Mannschaften kaum etwas tun und die Uhr langsamer zu laufen scheint – oder ein rassiger Kick ohne taktische Zwänge mit massig Toren.

Gorzów und Swinemünde reihen sich dazwischen ein. Es ist nicht langweilig, aber auch nicht wirklich gut. In Deutschland würden die Teams vermutlich irgendwo im Mittelfeld der 3. Liga angesiedelt sein. Am Ende heißt es 1:1 und beide Fangruppen (aus Swinemünde sind etwa 100 Mann mitgekommen) verabschieden ihre Mannschaft mit „Dziekuje“(„Danke“)-Rufen. Nur einige einheimische Anhänger sind ungehalten, da sie gern anlässlich des letzten Heimspiels der Saison ein Trikot als Souvenir hätten. Doch auch nach längerer Diskussion behalten die Spieler ihre Hemden an.

Zurück am Hauptbahnhof rechnen wir fest damit, den Zug um 20.01 Uhr nach Kostrzyn (Küstrin) zu nehmen und dort Richtung Lichtenberg umzusteigen. So stand es morgens noch im Internet, doch die Bahn muss diese Verbindung kurzfristig aus dem Spiel genommen haben. Warum? Ja, warum auch immer. Jedenfalls schüttelt die Dame am Schalter energisch den Kopf, als wir anmahnen, dass dieser Zug doch langsam mal kommen müsste. Er fällt aus. Angesichts des an einem Abend unter der Woche nicht allzu pulsierenden Lebens in der Stadt entscheiden wir uns, die 45 Kilometer bis zur Grenze mit dem Taxi vorzufahren und dann dort den ohnehin vorgesehenen Zug zu nehmen. Nachdem wir den Phantasiepreis des Fahrers auf ein normales Maß gedrückt haben (von umgerechnet 40 Euro auf gut die Hälfte), geht der Plan auch voll auf.

Sebastian Schlichting

Champion nur im Wasserball

Die Geschichte des Klubs ist eng mit der 1951 eröffneten Chemiefaserfabrik Stilon verbunden. Viele der Spieler, die den Klub 1947 als KS Jedwabnik Gorzów Wielkopolski gründeten, arbeiteten später dort. Es gab finanzielle Unterstützung von Seiten der Fabrik und ab 1961 trug der Klub offiziell den Namen Stilon. Zuvor hatte er noch einige Jahre unter KS Wlokniarz und KS Unia firmiert. Die größten sportlichen Erfolge feierte Stilon im Wasserball (ununterbrochen polnischer Meister von 1980 bis 1991) und Volleyball.

Die Fußballer spielten entweder in der zweiten oder dritten Liga. Zum Aufstieg in die höchste Spielklasse hat es nie gereicht, am nächsten dran war man in den Saisons 1980/81 und 1981/82, als die Mannschaft jeweils Platz drei belegte. Einen Coup landete Stilon im Pokal: 1992 schied man erst im Halbfinale aus. Zu dieser Zeit, nach dem politischen Wandel in Osteuropa, gab es jedoch bereits große Probleme. Viele der stärksten Spieler zog es in Richtung größerer Klubs, bei denen es mehr Geld zu verdienen gab. Bekanntestes Beispiel ist Zenon Burzawa, der zu Sokol Pniewy wechselte und in der Saison 1993/94 Torschützenkönig der 1. Liga war.

Bei Stilon ließ sich die wirtschaftliche Abwärtsspirale nicht mehr aufhalten. Der Klub geriet in immer größere finanzielle Turbulenzen, wechselte 1996 den Namen, hieß fortan GKP Gorzów Wielkopolski, stieg trotzdem bis in die III. Liga ab (was in Polen die 4. Liga ist) und zog sich vorübergehend ganz vom Spielbetrieb zurück. Der Aufschwung ab dem Jahr 2003 ist eng mit dem Namen Sylwester Komisarek verbunden, der früher für Stilon aktiv war und inzwischen erfolgreicher Geschäftsmann ist.

Nach einer Neuordnung im polnischen Fußball rückte GKP – für die Fans ist es aber immer noch wie früher Stilon – 2008/09 in die zweithöchste Liga auf. Die abgelaufene Saison beendete man auf Rang neun. Möglicherweise wäre mehr drin gewesen, aber der beste Stürmer, Mouhammadou Traore aus dem Senegal, verließ GKP in der Saison und ging zum Erstligisten Zaglebie Lubin. Auch in der kommenden Spielzeit wird es wieder zum brisanten Duell zwischen Gorzów und Pogon Stettin kommen. Die Städte liegen nur gut 100 Kilometer auseinander und die GKP-Fans haben wenig erfreut zur Kenntnis genommen, dass in der jüngeren Vergangenheit mehrere gute Spieler zu Pogon gewechselt sind.

Fußball in Gorzów hat im Übrigen eine mehr als hundert Jahre alte Tradition. Vor dem Zweiten Weltkrieg gehörten die Stadt Landsberg an der Warthe (nach der die Landsberger Allee in Berlin benannt ist) und der Warthebezirk (später Kreis Landsberg-Küstrin) zum Verband Brandenburgischer Ballspielvereine (VBB). Im VBB war Landsberg zunächst mit vier Klubs vertreten: SC Preußen, FC 1912 (nach Fusion Eintracht/1912), Landsberger SV 23 und SC Viktoria. Preußen und Eintracht/1912 spielten einige Jahre gemeinsam in der Bezirksklasse Frankfurt/Oder. Die Derbys lockten regelmäßig mehr als 2000 Zuschauer an.

Jerzy Chwalek/Sebastian Schlichting

Nach Gorzów im Zug über Küstrin

Gorzów Wielkopolski ist etwa 180 Kilometer von Berlin entfernt. Am bequemsten ist die Anreise mit der Bahn, von Lichtenberg gibt es mehrmals am Tag eine Verbindung in unter zwei Stunden, mit Umsteigen in Kostrzyn (Küstrin). Bedient wird die Strecke von der Niederbarnimer Eisenbahn. Tipp: Das Ticket an den Fahrkarten-Automaten im Zug ist preiswerter (Hin- und Rückfahrt kosten mit BahnCard knapp 16 Euro) als an den Schaltern der Deutschen Bahn. Das Städtische Stadion (Stadion Miejski, ul. Olimpijska) fasst 8000 Zuschauer, es liegt rund drei Kilometer vom Hauptbahnhof entfernt und wird aus der Innenstadt von mehreren Buslinien (u.a. 126) angefahren. Die Eintrittskarten kosten umgerechnet rund vier Euro. Für vorher oder nachher: Gut und günstig essen kann man zum Beispiel im Ristorante Toscana direkt am Ufer der Warthe kurz hinter der Warthebrücke (Most Staro Miejski).

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