31.03.2018

„Sehe keinen, der sich mit dem VfL identifiziert“

Interview mit Wolfgang Wolf

Aus dem täglichen Fußballbetrieb hat sich Wolfgang Wolf (60) bereits vor einigen Jahren verabschiedet, trotzdem verfolgt der ehemalige Profi (rund 400 Spiele für den 1. FC Kaiserslautern, Stuttgarter Kickers und VfR Mannheim), Trainer und Manager noch immer interessiert das Geschehen. Vor dem Gastspiel seines Ex-Klubs VfL Wolfsburg im Berliner Olympiastadion (Ostersonnabend, 20.30 Uhr) erreichte die FuWo Wolf in dessen Pfälzer Heimat, kurz nach einem Urlaub auf Gran Canaria.

Fußball-Woche: Herr Wolf, haben Sie sich gut erholt?

Wolfgang Wolf: „Wir sind dem tristen Wetter in Deutschland entflohen und haben mit Freunden ein bisschen Golf gespielt. Aber irgendwo ist man ja auch fußballverrückt, ich habe mir tatsächlich alle meine Krisen-Vereine angeschaut: Kaiserslautern, Wolfsburg und Nürnberg. Der Club ist zwar noch gut dabei, macht aber auch gerade eine Schwächephase durch.“

Der VfL Wolfsburg gehört schon jetzt zu den Negativüberraschungen. Wie kann das sein, zumal mit Volkswagen ein potenter Konzern im Hintergrund agiert?


Wolf: „Ich dachte auch, dass man dort aus den Fehlern der Vergangenheit lernt und nach der knappen Relegation alles auf den Prüfstand stellt. Ich finde die Entwicklung sehr bedenklich. Wenn Köln das nächste Spiel gewinnt und die Wolfsburger verlieren, dann ist sogar der Relegationsplatz in Gefahr.“

Halten Sie es für möglich, dass die sogenannte Dieselaffäre von VW sich negativ auf den Fußball auswirkt?

Wolf: „Das ist Quatsch, mit so einer Aussage kann ich gar nichts anfangen. Das belastet die Mannschaft in keiner Weise.“

Weder Andries Jonker noch Martin Schmidt oder Bruno Labbadia konnten den VfL auf Kurs bringen. Ist die Mannschaft untrainierbar?

Wolf: „Die Verantwortlichen scheinen zumindest nicht das richtige Händchen gehabt zu haben. Nicht jeder Trainer passt nach Wolfsburg. Jeder muss sich hinterfragen, was er eigentlich geleistet hat. Es gibt keine Führungsspieler, Gomez wäre einer gewesen, aber der wurde ohne Not verkauft. Ich sehe momentan keinen, der für den VfL Wolfsburg steht. Junge Spieler wie Robin Knoche sind noch nicht so weit, Maximilian Arnold läuft seinen eigenen Ansprüchen hinterher. Ich sehe keinen, der sich mit dem VfL identifiziert.“

Sie sagen, die Verantwortlichen müssten sich hinterfragen, das wäre in diesem Fall Sportdirektor Olaf Rebbe. Ist er zu jung für den Job?

Wolf: „Nicht nur er ist verantwortlich, auch die Trainer entscheiden mit und äußern Wünsche. Das ist nicht nur der Sportdirektor alleine. Aber sicherlich muss auch Rebbe sich hinterfragen, ob er seinen Job in den letzten zwei Jahren richtig gemacht hat.“

Welcher Trainertyp würde Ihrer Meinung nach zum VfL passen?

Wolf: „Die Trainer haben sich alle ihre Gedanken gemacht und versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Aber man muss sich darüber hinaus mit dem Verein, mit der Region, mit den Spielern arrangieren können. Man muss schauen, welche Spieler zur Verfügung stehen, sich auf die Mannschaft einlassen und nicht versuchen, irgendein System durchzudrücken. Bruno Labbadia hat es als dritter Trainer nochmal schwerer, weil er noch keinen Sieg eingefahren hat, da wird jetzt auch die Mannschaft nervös. Wobei ich dennoch überzeugt bin, dass sie in Berlin was holen, weil Hertha zu Hause nicht so befreit aufspielt, auswärts tun sich die Berliner momentan leichter.“

Kann es sein, dass die Öffentlichkeit alles zu negativ sieht? Immerhin ist Wolfsburg 2009 Deutscher Meister und 2015 Pokalsieger geworden. Davon träumen andere Vereine seit Jahrzehnten vergeblich – nicht zuletzt Hertha BSC.

Wolf: „Schon klar, aber die Wolfsburger haben vor der Saison ganz andere Ansprüche formuliert. Sie wollten eine Saison wie die letzte nicht mehr erleben, das ist nicht gelungen. Das muss man festhalten, egal, wie diese Saison ausgeht. Wolfsburg muss sich endlich als Einheit finden und als solche auf dem Platz präsentieren, aber ich habe da meine Bedenken.“

Während die meisten Klubs alljährlich ums Überleben kämpfen, ziehen die Bayern an der Spitze einsam ihre Kreise. Sehen Sie eine Chance, dass es nächstes Jahr einen anderen Meister gibt?

Wolf: „Ganz klares Nein! Weil sie aus der Zeit, als Dortmund Meister und Pokalsieger wurde, gelernt haben. Sie sind auf allen Positionen, auch von der Qualität her, doppelt besetzt. Und Bayern kann mit der Doppelbelastung am besten umgehen. Da kann höchstens noch Leipzig mithalten, dank des Geldes. Ich will nichts gegen Schalke sagen, die sind aktuell ja Zweiter, aber deren Fußball ist nicht schön. Sie spielen erfolgreich, aber nicht schön.“

Immerhin gibt es die Nationalmannschaft, an deren Erfolgen sich das ganze Land erfreuen kann. Wie schätzen Sie die Chancen auf eine Titelverteidigung ein?


Wolf: „Deutschland gehört zwar immer zu den Favoriten, aber ich glaube nicht, dass sie den Titel verteidigen. Wichtig wäre, dass Manuel Neuer zurückkommt. Wenn der mit seinen zwei Metern vor einem steht, flößt er alleine damit schon Respekt ein. Wobei, in der Abwehr hatten wir eh nie Probleme, spannend wird eher zu beobachten sein, wie wir unsere Stürmer in Position bringen. Immer nur schön um den Sechzehner herumspielen, das wird nicht reichen. Und einen Mittelstürmer haben wir momentan ja nicht.“

Herr Wolf, sehen wir Sie irgendwann nochmal auf dem Trainerstuhl?

Wolf: „Auf dem Trainerstuhl mit Sicherheit nicht mehr, das Thema ist durch. Für mich war der Knackpunkt der Tod meines Bruders (Arno Wolf starb im Oktober 2013 mit 54 Jahren an Leukämie; die Red.). Da habe ich für mich entschieden, dass mit Hektik und Stress Schluss sein muss. Vielleicht nochmal als Sportdirektor, als Teamleiter oder etwas ähnliches, also eine Aufgabe, bei der man nicht täglich im Kreuzfeuer steht. Die Trainer haben es momentan wirklich nicht leicht, ich beneide da keinen. Es war eine schöne Zeit, aber irgendwann ist die auch mal vorbei.“

Interview: Alex Heinen

Kommentieren

Vermarktung: