19.07.2014

Schmuddelkind auf Europas Landkarte

Die Geschichte des Eisenhüttenstädter FC Stahl bietet handfeste Skandale und unvergessene Sternstunden

Kaum war das letzte Meisterschaftsspiel im vorigen Sommer vorbei, kullerten die Tränen. Einesteils vor Trauer, andernteils vor Scham. Der Eisenhüttenstädter FC Stahl war in die Siebtklassigkeit abgeschmiert. Der einstige Erstligist fand sich in der Landesliga Brandenburg wieder, wo er schon einmal, in der Saison 2007/08, gespielt hatte. Kaum jedoch war das letzte Meisterschaftsspiel in der gerade abgelaufenen Saison vorbei, klirrten die Gläser. Einesteils vor Freude, andernteils vor Stolz. Der EFC Stahl war nach 28 Spielen zurück in der Verbandsliga. Tony Raddatz hatte zum Saisonfinale im Auswärtsspiel beim VfB Krieschow das goldene Tor geköpft und mit dem 1:0 den Aufstieg zementiert.

Wer mag, kann die Geschichte der vergangenen zwölf Monate auf die komplette Historie des EFC Stahl projizieren. Sie bietet handfeste Skandale, auch wenn ein Abstieg in die Landesliga als solcher nicht unbedingt gilt, und feurige Sternstunden – zur Not hält dafür auch der Aufstieg in die höchste Spielklasse Brandenburgs her.

Zwangsabstieg in die Bezirksliga

Oder besser: Einst galt die damalige BSG Stahl Eisenhüttenstadt als Schmuddelkind des DDR-Sports. Dieses Böse-Junge-Image stammt von 1970. Der Verein war nach seiner ersten Saison in der Oberliga abgestiegen und wollte den sofortigen Wiederaufstieg mit einer „schwarzen Kasse“ beschleunigen. Das fanden die obersten Sportfunktionäre in Berlin gar nicht lustig und verdammten Stahl als Wiederholungstäter (schon 1967 gab es wegen „unerlaubter Spielerziehung“ Sperren von bis zu einem Jahr) zwangsweise in die damals drittklassige Bezirksliga, eine im sozialistischen Sportsystem einmalige Strafe. Als es mit dem Deutschland mit Hammer und Zirkel jedoch zu Ende war, stand die Sportgemeinschaft ganz im Osten des Ostens plötzlich und unerwartet auf Europas Landkarte.

2. Bundesliga nur knapp verpasst

Den 2. Juni 1991 werden sie in der jüngsten Stadt Deutschlands (der Bau begann 1950) nicht vergessen. Es ist das letzte zentrale Pokalfinale im nunmehrigen NOFV. Der EFC Stahl hat erstmals das Endspiel erreicht und setzt auf eine Mannschaft, die zum großen Wurf taugt. Mit Bodo Rudwaleit (33 Länderspiele, zehn Meistertitel mit dem BFC Dynamo) steht ein ehemaliger Nationalspieler im Tor und die 13 eingesetzten Spieler bringen es zusammen auf 1016 Erstligaspiele. Nicht schlecht für eine Mannschaft, die insgesamt auf nur drei Erstliga-Spielzeiten verweist und bei der Vereinigung von Fußball Ost und Fußball West als Tabellenneunter nur knapp die Eingliederung in die 2. Bundesliga verpasst.

Als Drittligist im Europacup

Obwohl „Hütte“ das Finale gegen Rostock 0:1 verliert, ergibt es sich (Hansa wird auch Meister), dass die Eisenhüttenstädter neben der Teilnahme am deutschen Supercup als der Verein in die Annalen eingehen, der Deutschland als einziger Drittligist im Europapokal vertritt. Natürlich ist der Ausflug in den Pokalsieger-Cup nach nur einer Runde mit 1:2 und 0:3 gegen Galatasaray Istanbul vorbei, doch die Erinnerung daran lebt ewig.

Die Klammer zwischen damals und heute ist jedoch nicht etwa das ehemalige Eisenhüttenkombinat Ost (EKO), mit einst 16.000 Beschäftigten der größte Metallurgiebetrieb der DDR. Denn die jetzige ArcelorMittal Eisenhüttenstadt GmbH mit ihren mittlerweile nur noch 2500 Mitarbeitern unterstützt lediglich den Stahl-Nachwuchs. Die Klammer bilden ein paar Unentwegte, ohne die (und ohne die noch junge Papierfabrik) es Stahl vielleicht nicht mehr gäbe. In vorderster Linie ist das Harry Rath. 1984 kam der inzwischen 58-Jährige als Spieler aus Schwedt, war Kapitän jener Mannschaft, die 1989 in die Oberliga aufstieg und das Kunststück fertigbrachte, mit nur zwei Siegen aus 26 Spielen (aber 14 Unentschieden) die Klasse zu halten.

Unverwüstlicher Harry Rath

Zehn Operationen am Knie und drei an der Achillessehne halten ihn aber kein bisschen davon ab, ein leidenschaftlicher Trainer zu sein. Sein Motto: „Ob sportlich die Sonne scheint oder dir der Wind ins Gesicht bläst, ein paar Bekloppte machen immer weiter.“ Dazu gehören auch Holger Keipke (wie Rath ist er schon 30 Jahre dabei) und Eckhard Kreutzer, zwei ehemalige Erstliga-Schlussmänner. Sie freuen sich zudem über einen Frischling: Raths Sohn Marcel, einst Erst- und Zweitliga-Profi beim FC St. Pauli, bei Hertha BSC, Energie Cottbus und LR Ahlen, betreut die A-Junioren und stieg mit ihnen gerade in die Brandenburg-Liga auf.

Trotzdem ist es um den einstigen Erstligisten verdammt ruhig geworden. Die Zeiten, in denen der EFC Stahl als Landespokalsieger im DFB-Pokal mitmischte (er bootete den damaligen Zweitligisten Wuppertaler SV aus, empfing auch Hertha BSC) und sich für die Spiele um die deutsche Amateurmeisterschaft qualifizierte, sind lange vorbei. „Mitte der 90er Jahre haben wir in der Regionalliga Platz 3 belegt und am Aufstieg in die 2. Liga geschnuppert“, erinnert sich Harry Rath, „danach kam der Niedergang als schleichender Prozess.“

Vor Insolvenz und Abstieg aber setzte Norman Elsner ein vorläufig letztes Signal, das Beachtung in ganz Deutschland fand. Er erzielte im März 2004 das ARD-Tor des Monats. Nach exakt 3,52 Sekunden, mit dem schnellsten in Deutschland erzielten Treffer, lag der Ball im Tor von Viktoria Frankfurt (Oder). „Das weiß ich noch wie heute“, erzählt Harry Rath, „das Tor haben wir richtiggehend geplant. Zum Abschluss mancher Trainingseinheit legten wir ein paar lustige Sachen ein. Immer auch mal so etwas, dass von der Mittellinie ein Flugball ins Tor geschlagen werden sollte. Wer es als Letzter nicht schaffte, musste danach die Bälle einsammeln. Norman war immer gut dabei und ich wusste, dass der Frankfurter Keeper beim Anpfiff ziemlich weit vor dem Tor steht ...“ Elsner, heute als Meister im EKO beschäftigt, spielte bis 2013 und stellt sich noch immer als „Stand-by-Amateur“ (Rath) zur Verfügung.

Nun also greift der EFC Stahl wieder in der Brandenburg-Liga an. „Leicht wird die Saison nicht“, sagt Rath, „ich habe zwölf Spieler, die im Vier-Schicht-Rhythmus ran müssen und den Fußball mehr als Ausgleich sehen. Mehr als Verbandsliga ist unter solchen Voraussetzungen nicht möglich. Ich würde mich schon über Platz 10 sehr freuen.“ Vielleicht aber ist auf Dauer doch etwas mehr drin, „denn wir sind dabei, einen Großverein zu bilden“, verrät Rath. Im Nachwuchsbereich bildet der EFC Stahl bereits seit 2004 eine Spielunion mit dem 1. FC Fürstenberg. Womöglich hat diese Geschichte Potenzial für eine neue, wenn auch vergleichsweise kleine, Sternstunde.

Von Robert Klein

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