Mein Fußball-Woche

30.06.2012

Saltos, Böller und Papierschlangen

STEINPOL-ILANKA-RZEPIN: Bei Steinpol-Ilanka Reppen unweit der deutschen Grenze schießt ein 21-jähriger Nigerianer die meisten Tore.

Endlich bin ich am Sportplatz angekommen. Der Waldweg schien kein Ende zu nehmen. Und so richtig schön im Grünen liegt er auch nicht, sondern direkt an der Fernverkehrsstraße nach Posen, wo sich ein LKW an den anderen reiht. Zeitgleich mit mir fährt ein Bus vor, die Gästefans steigen aus. Um die 30 Jungs mögen es sein, kahlgeschoren die meisten und fast einheitlich schwarz gekleidet. Ein paar Ordner begleiten die finster dreinblickende Reisegruppe in ihren eingezäunten Block, einen Käfig mit gebührendem Abstand zum Spielfeld.

Viertklassiger Fußball in Polen: In der III. Liga, Staffel Lebus/Niederschlesien, treffen heute Steinpol-Ilanka Reppen und Celuloza Küstrin aufeinander. Man muss kein Polnisch verstehen, um mitzukriegen, dass die Fans beider Vereine keine Freundschaft verbindet. Die Sonne scheint, und es dauert nicht lange, da zeigen sich die Halbwüchsigen aus Küstrin oben ohne. Am gegenüberliegenden Ende des Platzes werfen die Altersgenossen aus Reppen beim Anpfiff Papierschlangen auf das Spielfeld. Ein bisschen Spaß muss halt sein.

Ilanka kann in dieser Saison noch aufsteigen, Celuloza ist jenseits von gut und böse platziert. Knapp 300 Zuschauer haben sich bei fast sommerlichen Temperaturen auf der schmucken, frisch renovierten Anlage eingefunden. Musik dröhnt aus dem Lautsprecher. Auch Eminem ist zu hören – Musik des US-Rappers in der Reppener Heide.

Fußball östlich der Oder ist eine aus deutscher Sicht unbekannte, aber keine ferne Welt. Von den Redaktionsräumen der Fußball-Woche zum Olympiastadion bin ich – zumindest freitags im Berufsverkehr – genauso lang unterwegs. Eine Stunde und 22 Minuten sind es mit dem Zug vom Berliner Hauptbahnhof bis nach Reppen, einer 16.000 Einwohner zählenden Kleinstadt in Polen. Rzepin heißt der Ort in der Landessprache. Für die Rückfahrt an die Spree benötigt die Bahn sogar noch zehn Minuten weniger. Reppen ist verkehrsmäßig gut angebunden. Hier, zirka 20 Kilometer östlich der Oder, hält der Berlin-Warszawa-Express, der die Hauptstädte Deutschlands und Polens miteinander verbindet und die kurzen Reisezeiten nach Reppen im ehemaligen Sternberger Land ermöglicht.

Mit dem Auto geht es über die A 12 ähnlich schnell, aber angesichts des hohen LKW-Aufkommens in Richtung Grenze (mit der Horrorvision übernächtigter Fernfahrer aus Litauen, Russland oder der Ukraine) dürfte die Bahn die deutlich entspanntere Variante darstellen. Die Sache hat nur einen Haken: Wer zum Fußball nach Reppen will, der ist am Eisenbahnknotenpunkt im Nordwesten des Ortes mit Umsteigemöglichkeiten nach Stettin und Breslau nur bedingt richtig. Denn das kleine Städtische Stadion liegt in völlig entgegengesetzter Richtung – und noch dazu zwei Kilometer außerhalb von Reppen am Waldrand.

So kommt ein gut halbstündiger Fußweg vom Bahnhof zum Sportplatz hinzu. Wo es langgeht, weiß der Fremde spätestens, wenn er den alten Ortskern mit der Katharinenkirche als höchstem Gebäude erreicht hat. Hier sammeln sich die jugendlichen Fans von Ilanka Reppen, legen noch einen Stopp am kleinen Lebensmittelladen ein, bevor sie weiterziehen zum Stadion.

Der Weg führt über die Ilanka. Nach dem kleinen Fluss, dessen deutscher Name Eilang ist, wurde der Verein benannt. Später kam der Name des Sponsors hinzu. Grupa Steinpol ist ein Tochterunternehmen der „Steinhoff International Holdings“, einem aus Westerstede in Niedersachsen stammenden, weltweit agierenden Konzern der Möbelindustrie. Unweit des Bahnhofs von Reppen errichtete Steinpol ein großes Firmengelände. Die Möbelindustrie hat Arbeitsplätze geschaffen und auch dem örtlichen Fußball-Klub Ilanka zu einem kleinen Aufschwung verholfen.

Ob dieser Aufschwung bis in die – drittklassige – 2. Liga West („Druga Liga“) führt, bleibt abzuwarten. Derzeit kämpft Ilanka mit Pogon Swiebodzin (Schwiebus) und Spitzenreiter Chobry Glogow (Glogau) um den Aufstieg. Vielleicht gibt es dann ja auch einen Imbiss- und Getränkestand im Stadion. An diesem Sonnabend ist leider keiner zu entdecken.

Gegen Celuloza Küstrin tun sich die Blau-Weißen lange Zeit schwer. Am Ende macht vor allem ein 21-jähriger Mann aus Nigeria den Unterschied aus. Torjäger Christian Ndubuisi Nnamani bringt Ilanka, das 2010/11 erst ein Heimspiel verloren hat, mit seinem 13. Saisontreffer in Führung und legt gleich mehrere Saltos hin (65.). Maciej Tomkowiak erhöht zehn Minuten vor Schluss auf 2:0 – der Endstand.

Für die Reisegruppe aus Küstrin sind Auswärtsniederlagen der Normalfall: 1-2-10 lautet Celulozas Bilanz nach 13 Spielen auf fremden Plätzen. Da muss man sich mit anderen Dingen vergnügen, Feuerwerk zum Beispiel. An die 20 Böller werden während der Partie aus dem Gästeblock geworfen. Zum Spielschluss fährt denn auch vorsichtshalber ein Polizeiwagen vor und begleitet den Küstriner Bus ein Stück auf dem Nachhauseweg. Der kleine Lebensmittelladen in Reppen hat noch geöffnet. Den vor ihm stehenden Jugendlichen des Ortes recken sich hinter den Fensterscheiben des Busses die Stinkefinger entgegen. Danach kehrt wieder Ruhe ein. Der Samstagabend gehört den Einheimischen.

Horst Bläsig

Von Preußen 05 zu Ilanka

Ilanka Rzepin (Reppen) wurde 1946 gegründet. Derzeit spielt der Verein in Polens III. Liga, Staffel Lebus/Niederschlesien. In der vergangenen Saison erreichte Ilanka seine beiden Ziele. Zum einen wurde mit Rang neun die bislang beste sportliche Platzierung erreicht, zum anderen wurde die Renovierung und Modernisierung des zirka 1000 Zuschauer fassenden Stadions an der ul. Poznanska (Posener Straße) abgeschlossen. Wegen des Umbaus hatte der Verein seine Heimspiele vorübergehend im knapp 20 Kilometer entfernten Slubice austragen müssen.

Trainer des Teams ist Marek Kaminski, der seine berufliche Laufbahn bei Amica Wronki begann. Die Mannschaft besitzt erfahrene Spieler wie Ivan Udarevic (28, davor u.a. Apoel Nikosia, Polonia Warschau) und Amadeusz Klodawski (Groclin Grodzisk). Neben Torjäger Christian Ndubuisi Nnamani stehen mit George Gilmore Kukoya und Kabir Olakunle Ojikutu zwei weitere Nigerianer im Kader.

Vor dem Zweiten Weltkrieg gehörte Reppen zu Deutschland und war in der Neumark Kreisstadt des Kreises Weststernberg. Fußball wurde in Reppen bei der Sportvereinigung Preußen 05 gespielt. In der Fußball-Woche vom 2. Juni 1925 heißt es in einem Spielbericht vom Himmelfahrtstag: „Wenn man dachte, Züllichau würde Reppen ganz und gar einschnüren, hatte man sich getäuscht. Im Gegenteil sah man die Einheimischen weit ausgerückt das Gästetor bedrängen… Ein Spiel (Endstand 4:4; die Red.), das wieder einmal zeigte, dass auch Provinzvereine nicht zu unterschätzen sind.“

Jerzy Chwalek/Horst Bläsig

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