28.10.2017

Röber zum Rapport

In dieser Woche vor 20 Jahren

Der Sekundenzeiger hatte erst eine komplette Umdrehung hinter sich. Da konnte Hendrik Herzog die Flanke von Thomas Häßler nicht verhindern. In der Mitte standen Jolly Sverrisson und Michel Dinzey zu weit weg von Marc Keller, der einköpfte. Hertha BSC lag am 25. Oktober 1997 nach 65 Sekunden in der Bundesligapartie gegen den Karlsruher SC zurück. Im Olympiastadion erschallte umgehend lautstark: „Jürgen Röber – du bist der beste Mann.“ 

Zwei Tage vorher, im vornehmen Hotel Esplanade. Der Trainer war vom Aufsichtsrat zum Rapport bestellt worden, eilte danach wortlos an mehreren Dutzend wartenden Journalisten vorbei. Hinter verschlossenen Türen hatte Röber zuvor 50 Minuten die Situation beim Tabellenletzten erklären und darlegen müssen, wie er mit der Mannschaft unten rauszukommen gedenke. 


Nur sechs Punkte nach elf Spielen, die Aufstiegseuphorie war längst verflogen. Stattdessen Krise. Manager Dieter Hoeneß war klar auf Röbers Seite, große Teile von Aufsichtsrat und Präsidium wollten dessen Entlassung. Präsident Manfred Zemaitat teilte den Journalisten nach 23 Uhr mit, dass Röber gegen den KSC auf der Bank sitzen werde. In den Tagen danach werde über seine Zukunft entschieden. Die Kommentare zu den Ereignissen reichten bezogen auf den Umgang mit dem Trainer von „Spießrutenlaufen“ bis „Demontage“. Der damalige Spieler Marc Arnold erinnerte sich 2009 im „Tagesspiegel“: „Ein Schlüsselerlebnis für uns war der Tag, an dem Jürgen Röber vom Aufsichtsrat ins Hotel Esplanade zitiert wurde. Es gab einen Riesen-Medienrummel, unser Trainer wurde regelrecht vorgeführt. Da haben wir uns als Mannschaft hinterfragt, es gab eine Trotzreaktion.“ 

Auch den Rückhalt der Fans hatte er. „Geht Röber, gehen wir“, stand beispielsweise beim Spiel gegen den KSC auf einem Transparent. Der Coach nahm Bryan Roy, Kjetil Rekdal und Alphonse Tchami in die Startelf. Drei Sommerzugänge, die zuvor nicht überzeugt hatten. Hertha kassierte früh den Tiefschlag durch Keller. War es das für Röber? Symbolisch für die verfahrene Situation stand eine Szene: Roy flankte, Michael Preetz stand gut, doch Tchami ging vor ihm mit der Hand zum Ball. Chance vorbei, Gelb für den Kameruner.

Am Ausgleich waren dann zwei der im Vorfeld oft Kritisierten beteiligt: Libero Rekdal, dem kurz zuvor fast ein Eigentor unterlaufen wäre, führte einen Freistoß schnell aus, Roy schloss mit links aus sieben Metern ab. Das erste Bundesligator des bis dato teuersten Transfers der Vereinsgeschichte, der niederländische Nationalspieler war für gut drei Millionen D-Mark von Nottingham Forest gekommen. 1:1 in der 56. Minute, noch zu wenig für Röber. Neun Minuten vor dem Ende flankte Roy in den Strafraum, der KSC bekam den Ball nicht weg – Sverrisson donnerte ihn rein. Die Mitspieler begruben den Torschützen unter sich. Sekunden vor dem Abpfiff verwertete Preetz einen missratenen Rückpass von Thomas Hengen zum 3:1. 

30.000 Zuschauer feierten den verdienten Erfolg. Und sie feierten Röber. Präsident Zemaitat vermied anschließend am „ran“-Mikrofon eine deutliche Aussage. Alle befragten Spieler – Rekdal, Roy, Preetz – sprachen sich klar für den Trainer aus. Der emotional aufgewühlte Manager Hoeneß sagte auf die Frage, ob Röber nun in Ruhe weiterarbeiten kann: „Wenn es nach mir geht, ja.“ So kam es. 

Der Erfolg an diesem regnerischen Herbstsonnabend im noch nicht umgebauten Olympiastadion leitete die Wende ein. Nicht nur für den Rest der Saison. Hertha holte 16 Punkte aus den nächsten sechs Partien, hielt als Elfter letztlich souverän die Klasse und zog nur ein Jahr später sensationell in die Champions League ein. Röber war bis Februar 2002 Trainer. Rückblickend auf die Begleitumstände im Hotel Esplanade wird er im Buch „Hertha BSC – Eine Liebe in Berlin“ mit den Worten zitiert: „Was ich da erlebt habe, wünsche ich meinem größten Feind nicht.“

Von Rainer Purschke

Kommentieren

Vermarktung: