24.12.2012

Pioniere des Pariser Fußballs

Die Traditionsklubs Racing und Red Star versuchen an glorreiche Zeiten anzuknüpfen, stehen aber ganz im Schatten von Paris St. Germain

Die französische Hauptstadt Paris ist eine feine Adresse und ein lohnendes Reiseziel – für Freunde des runden Leders trifft diese Einschätzung allerdings leider nur bedingt zu. Anders als beispielsweise London oder Madrid ist Paris schon seit geraumer Zeit nicht mehr der Nabel der französischen Fußballwelt. Die Fußballgeschichte des Nachbarlandes wird mittlerweile hauptsächlich in Lyon, Marseille und Bordeaux geschrieben. Kämpfen in London oder Madrid vier und mehr Profi-Klubs um die Gunst der Fans, so ist der Paris Saint Germain FC der einzige, der in der französischen Hauptstadt die Profi-Fahne hochhält. Aktuell wedelt der PSG, einem gebefreudigen Investor sei Dank, mit den ganz großen Geldbündeln, um Top-Stars in die Seine-Metropole zu locken. Manch einer mag sich nun fragen, was PSG mit dem Thema der neuen FuWo-Serie, die sich heute Racing und Red Star Paris widmet, zu tun hat – die Antwort ist einfach: Mitte der 80er Jahre verfolgte Racing, damals Matra Racing, ein ähnliches Geschäftsmodell wie jetzt PSG. Das Problem dabei war nur, dass am Ende alles ziemlich in die Hosen ging.

Racings Namenswechsel

Gegründet wurde der Verein 1882 als Racing Club de France. Rund 14 Jahre später kam dann auch die Fußballabteilung dazu. 1932 erfolgte die Umbenennung in Racing Club de Paris. 1966/67 kam es zur Fusion mit CS Sedan zum Racing Club Paris-Sedan. In den 80ern tat man sich dann mit Paris FC zum RC Paris zusammen. 1984 spielte der Club als Matra Racing. Sieben Jahre später musste Racing ins Amateurlager zurück – Klubname: Racing 92. Derzeit agiert man als Racing Paris de France Football Colombes 92. Profi-Status hat der Klub in den Jahren 1932 bis 1966 und von 1983 bis 1990 besessen.

Französischer Meister 1936

1936 holte Racing das Double. Es sollte bis heute der einzige französische Meistertitel bleiben. Dem ersten Pokaltriumph folgten jedoch noch vier weitere: 1939, 1940, 1945 und 1949. Darüber hinaus konnte Racing als Mitglied der USFSA (Union des Sociétés Françaises de Sports Athlétiques), einem Gesamtsportverband dem vor der Gründung der Fédération Française de Football (FFF) im Jahr 1919 auch die Fußballer angehörten, 1907 einen ersten französischen Meistertitel feiern. In den Jahren 1902, 1903, 1908 und 1911 wurde Racing Vizemeister.

Von Happel bis Littbarski

In den erfolgreichen Jahren trugen einige der Besten das himmelblaue Racing-Shirt. Zum 36er Meisterteam gehörte der österreichische Torhüter Rudolf (Rodolphe) „Rudi“ Hiden. Der Wiener war 1933 nach Paris gekommen. Rund 20 Jahre später spielte mit „Wödmaster“ Ernst Happel einer der besten österreichischen Fußballer aller Zeiten für den Hauptstadtklub.

Mitte der 80er schlug Racing dann richtig zu. Mit der finanziellen Unterstützung von Hauptgeldgeber Matra kaufte man ein wahres Star-Ensemble zusammen (siehe Interview mit Pierre Littbarski). In diesem Jahrzehnt spielten u.a. Bayern-Killer Rabah Madjer, die „Urus“ Enzo Francescoli und Rubén Paz, der Niederländer Sonny Silooy, Pierre Littbarski und eine Reihe französischer Top-Spieler in Paris. Dazu gehörten u.a. Fernández, Bossis, Tusseau, Olmeta und später auch Ginola.

Das Ende vom Lied war dann reine Disharmonie. Der Hauptgeldgeber Matra zog sich zurück, Racings Weg führte nach unten. Am Ende fand sich der Klub im Amateurlager wieder. Aktuell spielt Racing Paris de France Football Colombes 92 im Championnat France Amateur 2 (CFA 2), der fünften französischen Liga.

Vereinsgründer Jules Rimet

Der 21. Juni 1970 war ein besonderer Tag. Gerade hatten elf entfesselte Brasilianer WM-Finalgegner Italien nach allen Regeln der Kunst vorgeführt. Nach dem Abpfiff reckte der brasilianische Kapitän Carlos Alberto den Coupe Jules Rimet, damals der Pokal des Weltmeisters, der mexikanischen Mittagssonne entgegen. An diesem Tag war Brasilien zum dritten Mal Weltmeister geworden und durfte den Pokal deshalb auch behalten. Jener Jules Rimet, FIFA-Präsident von 1921 bis 1954, nach dem der erste WM-Pokal benannt wurde und den man durchaus als geistigen Vater der Weltmeisterschaft bezeichnen darf, hat allerdings eine noch viel längere Fußball-Biographie. Neben seiner FIFA-Präsidentschaft war er auch Präsident des französischen Fußballverbandes und Vereinsgründer.

Im Februar 1897 traf er sich in einem Pariser Café mit einigen Gleichgesinnten, darunter sein jüngerer Bruder Modeste und sein Schwager Jean de Pessac, um den Red Star Club Française de Paris zu gründen. In den folgenden mittlerweile mehr als 110 Jahren sollte der Verein mehrfach seinen Namen ändern, einzig die Bezeichnung „Red Star“ wird den Klub immer begleiten. Seit 2012 trägt der Verein den Namen Red Star FC.

Goldene Jahre: Fünf Pokalsiege

Seine beste Zeit hatte Red Star in den Jahren 1907 bis 1946. Welche Anziehungskraft der Verein damals gehabt haben muss, lässt sich vielleicht daran ermessen, dass kein Geringerer als Guillermo Stábile, 1930 mit Argentinien Vizeweltmeister und erster Torschützenkönig bei einer WM, für den Pariser Klub auflief. Von 1936 bis 1939 ging er für Red Star nur auf Torejagd, zwischen 1937 und 1939 fungierte Stábile dann auch als Trainer.

Auch wenn Red Star über lange Jahre das Profi-Statut besaß (1932-1948, 1952-1960, 1961-1978, 1992-2001), der ganz große Wurf blieb dem Verein versagt. In der Liste der gewonnenen Titel stehen ganz oben fünf Pokalsiege (Coupe de France), errungen in den Jahren 1921, 1922, 1923, 1928 und 1942. Darüber hinaus konnte sich Red Star noch über zwei Zweitliga-Meisterschaften und diverse regionale Erfolge freuen.
Im Jahr 1967 landete der Verein einen besonderen Coup. Der Red Star Football Club „kaufte“ sich quasi in die Erstklassigkeit zurück, indem man die Lizenz des Toulouse FC übernahm.

Roger Lemerre & Co

Streift man durch das Archiv von Red Star, stößt man auf eine Reihe großer Namen. Meist gehören sie zur glanzvollen großen Zeit der Anfangsphase. Doch auch der eine oder andere aus unseren Tagen ist dabei. So war Red Star die erste Trainerstation (1975-78) des späteren französischen Nationaltrainers Roger Lemerre. Von 1991 bis 1995 schwang dort Robert Herbin das Zepter. Herbin war Teil jenes AS St. Etienne-Teams der späten 60er, das vier Meisterschaften am Stück holte und damit französische Fußballgeschichte schrieb. Der Argentinier Helenio Herrera, später als Trainer mit Inter Mailand erfolgreich, spielte zwischen 1940 und 1942 bei Red Star. Auch der Schwede Roger Magnusson, in den 60ern in der Bundesliga beim 1. FC Köln aktiv, trug das Trikot von Red Star. Magnussons Bruder Benno spielte in den Siebzigern bei Hertha BSC und beim 1. FC Kaiserslautern in der Bundesliga.

Drittklassige Gegenwart

Aktuell spielt Red Star FC u.a. zusammen mit den Zweitliga-Absteigern FC Metz, US Boulogne sur Mer, Amiens und dem Lokalrivalen Paris FC in der dritten französischen Liga, dem Championnat „National“. Seine Heimspiele trägt der Club im 10.000 Zuschauer fassenden Stade Bauer aus.

Pierre Littbarski über seine Zeit bei Racing Paris

Das Fußballspielen hat der gebürtige Berliner Pierre Littbarski beim VfL Schöneberg gelernt. Über Hertha Zehlendorf führte ihn sein Weg zum 1. FC Köln, Racing Paris und schließlich nach Japan zu JEF United und Brummel Sendai. Für Deutschland bestritt Littbarski 73 Länderspiele und wurde 1990 in Rom Weltmeister. Nach seiner aktiven Karriere wechselte er ins Trainerfach. Zu seinen Trainerstationen zählen Yokohama FC, der MSV Duisburg, der Sydney FC und zuletzt der VfL Wolfsburg. Derzeit ist Littbarski für den VfL Wolfsburg als Scout unterwegs.
Im Sommer 1986 wechselte Pierre Littbarski von Köln nach Paris. Für Racing bestritt er 34 Spiele und erzielte dabei vier Tore. Im August 1987 kehrte Littbarski wieder nach Köln zurück.

Herr Littbarski, nach der WM 86 gingen Sie zu Racing Paris. Der Klub war gerade in die erste Liga aufgestiegen. Allerdings war Frankreich nicht unbedingt das Fußballtraumland. Wieso sind Sie dennoch nach Paris gewechselt?

Pierre Littbarski: „Ich war mir nicht sicher, ob mich der 1. FC Köln weiter behalten wollte. Davon abgesehen lag mir zu diesem Zeitpunkt kein anderes Angebot vor.“

Wie war das bei Racing? Sie haben dort ja etliche Spieler getroffen, gegen die Sie gerade bei der WM in Mexiko gespielt hatten, z.B. die beiden Uruguayer Enzo Francescoli und Rubén Paz oder die Franzosen Thierry Tusseau, Maxime Bossis und Luis Fernández.

Littbarski: „Anders als in Köln war Racing ein zusammengekauftes Team. Da spielten u.a. 13 Nationalspieler und wir mussten uns auch erst kennenlernen.“

Das französische Nationalteam war zwei Jahre zuvor Europameister geworden und hatte auch bei der WM keine schlechte Figur gemacht. Wie war damals die Qualität der französischen Liga?

Littbarski: „In Frankreich wurde sehr hart gespielt. Man hat damals wenig Wert auf das technische Spiel gelegt.“

Sind Sie deshalb wieder so schnell weggegangen?

Littbarski: „Zu dieser Zeit gab es diese Regelung mit den vier Ausländern und ich wollte eigentlich immer spielen. Deshalb bin ich dann nach Köln zurückgegangen.“

Würden Sie aus heutiger Sicht sagen, dass der Wechsel nach Frankreich ein Fehler war?

Littbarski: „Menschlich war es eine sehr gute Erfahrung, sportlich war es allerdings sehr schade.“

Racing Paris ist später abgestürzt. Haben Sie den weiteren Weg des Vereins noch verfolgt?

Littbarski: „Nein, ich habe die weitere Entwicklung bei Racing Paris nicht verfolgt. Der damalige Hauptgeldgeber Matra hat sich herausgezogen und danach ging es dann langsam bergab.“

Von Winfried Weber

Kommentieren

Vermarktung: