21.10.2017

Papa Maldini coacht im „Karli“

In dieser Woche vor 30 Jahren

Es ist alles andere als alltäglich, dass ein Auswahlteam Italiens in die DDR-Provinz kommt, und selbst wenn es nur deren U 21-Nationalmannschaft ist, zumal es sich lediglich um ein Freundschaftsspiel handelt. Trotzdem ist es für beide Mannschaften ein willkommener Test vor dem Endspurt in der EM-Qualifikation.

Mit Thomas Grether (BFC Dynamo) sowie René Unglaube (1. FC Union) und Torhüter Ronny Teuber (der ehemalige Unioner spielt aktuell für Dynamo Dresden) kommen drei Berliner im Karl-Liebknecht-Stadion in Babelsberg zum Einsatz und mit Olaf Marschall vom 1. FC Lokomotive Leipzig ein künftiger Bundesliga-Knipser. Zwar stehen auch in der Squadra Azzurra mit Angreifer Ruggiero Rizzitelli vom AC Cesena, der später für Bayern München in 45 Bundesligaspielen elf Tore erzielen wird, und Mittelfeldmann Nicola Berti vom FC Florenz, dem kommenden Ass von Inter Mailand sowie WM-Dritten von 1990 und Vizeweltmeister von 1994, zwei Stars, der größte aber sitzt mit dem 55-jährigen Cesare Maldini auf der Trainerbank. Schade nur, dass der Papa seinen Sohn Paolo nicht einsetzt, obwohl auch der im aktuellen U 21-Jahrgang eine wichtige Rolle spielt, aber längst auch im Fokus der Nationalelf steht.
Der Papa indes, als Spieler mit dem AC Mailand 1963 europäischer Meistercupsieger, ist nach dem 0:0 nicht sonderlich zufrieden mit seinen Jungs. „Ihr Einsatz war diszipliniert, aber spielerisch können sie weit mehr“, so sein ziemlich kritisches Urteil. DDR-Trainer Horst Brunz­low dagegen ist mit der Leistung seiner Talente durchaus einverstanden, allein in einer Beziehung kann er es nicht sein: Trotz deutlicher Feldvorteile und einer erklecklichen Anzahl guter bis bester Torchancen muss Italiens Schlussmann Guiseppe Gatta nicht hinter sich greifen, weil letztlich der Erfurter Jürgen Heun auch noch am Pfosten scheitert. Deshalb findet Brunz­low: „Der einzige Makel waren die fehlenden Tore.“


Nur: Was ist dieses 0:0 für beide wert? Die DDR-Mannschaft macht es im Qualifikationsspiel nur wenige Tage später in Ludwigsfelde gegen die UdSSR viel besser und zieht dem Gast mit 5:1 kräftig eine über. Diesmal nutzen Heiko Bonan, Marcus Wuckel, Olaf Marschall, Thomas Grether und Matthias Lindner die Chancen auch zu Toren, während für die sowjetischen Talente lediglich Dmitri Kusnezow trifft. „Mit diesem Elan, mit dieser Wachsamkeit und Geradlinigkeit, auch mit dieser Entschlossenheit vor des Gegners Tor haben wir in der EM noch gute Chancen“, findet Brunzlow nach der Galavorstellung.

Trotzdem reicht es für die DDR-Jungen nicht zum Gruppensieg, weil die Franzosen ihnen regelrecht in allerletzter Minute Platz 1 wegschnappen. Dabei führt die Mannschaft um Schlussmann Teuber im Gruppenendspiel in Besancon durch Tore von Heiko Bonan und Unions René Unglaube bis zur letzten Minute 2:1. Sie dreht damit den Rückstand nach dem Gegentreffer von Laurent Blanc, dem späteren Weltmeister, und träumt schon vom Viertelfinale. Doch in tatsächlich allerletzter Sekunde beendet Pascal Despeyroux mit dem 2:2 diesen Traum.

Besser haben es da die Italiener. Sie schaffen den Gruppensieg vor Schweden. Nur: Im Viertelfinale ist auch für die Jung-Azzurri Endstation. Ein bisschen schließt sich da sogar ein Kreis, denn auch sie finden in Frankreich ihren Meister. In den Finalspielen gegen Griechenland (0:0, 3:0) bauen die Franzosen schließlich neben Blanc auf einen anderen, der später weltweit von sich reden macht: Eric Cantona.
Kaum zu glauben, dass der DDR-Nachwuchs um ein Haar diesem Giganten den Weg zu dessen EM-Titel versperrt hätte.

Von Robert Klein

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