07.01.2013

Nur die Fans sind noch erstklassig

Frankreichs Ex-Meister Racing Straßburg stürzte tief und leckt noch immer seine Wunden

Ende Mai 2007 strahlte über dem Stade de la Meinau in Straßburg die Sonne. Der Racing Club de Strasbourg hatte soeben zusammen mit Meister FC Metz und Vize SM Caen den Aufstieg in die Ligue 1 klargemacht und damit den Faux-Pas des Erstligaabstiegs aus dem Jahr zuvor erfolgreich korrigiert. Und das sollte noch lange nicht alles gewesen sein. Der Liga-Neuling ließ weiter aufhorchen. Nach dem 5. Spieltag fanden sich die Blau-Weißen gar auf Tabellenplatz vier wieder. Die Racing-Fans konnten sich freuen. Die Auftritte ihrer Lieblinge waren couragiert und das Team belohnte sich und den treuen Anhang. In jenem Herbst machte eine Reise ins Stade de la Meinau Freude. Selbst als Racing die Vorrunde „nur“ auf Platz zehn abschließen konnte, änderte sich an der positiven Grundstimmung in der Stadt am Rhein wenig. In jenen Tagen dürfte kaum jemand auch nur im geringsten geahnt haben, dass Racing Straßburg bald in einen Fahrstuhl steigen sollte, der den Klub in ungeahnte Tiefen katapultieren und erst in der Fußball-Vorhölle wieder ausspucken würde.

Der Absturz in die 5. Liga

Beim Gastspiel des FC Toulouse in der Meinau durfte Racing Mitte Januar noch das Ligaspiel Nr. 2000 feiern. Das war es dann aber auch schon. In der Folgezeit „arbeiteten“ sich die „Strasbourgeois“ langsam aber sicher nach unten. Dem 2:0-Sieg gegen Toulouse sollten noch ein Unentschieden gegen Lens und Siege gegen AS St. Etienne und Anfang März in Le Mans folgen. Die restlichen Spiele wurden jedoch allesamt verloren, sodass Racing am 17. Mai 2008 wieder den Weg in die Ligue 2 antreten musste.

Danach ging es Schlag auf Schlag. Im ersten Jahr schrammten die Blau-Weißen knapp am Wiederaufstieg vorbei, im zweiten Jahr in der Ligue 2 geriet der elsässische Traditionsverein in einen Sog, der den Klub in die 3. Liga – das Championnat National – hinunterziehen sollte. Damit musste Racing das erste Mal in der Vereinsgeschichte drittklassig antreten. Doch es sollte noch schlimmer kommen. Als Racing Straßburg Ende der Saison 2010/11 den sofortigen Wiederaufstieg in die Ligue 2 verpasste, eskalierten die Dinge. Aufgrund finanzieller Unregelmäßigkeiten wurde Racing das Profi-Statut entzogen. Der Racing Club de Strasbourg musste zwangsweise in die fünfte Liga, das Championnat France Amateur 2, absteigen. Das Flaggschiff des elsässischen Fußballs war schlichtweg abgesoffen.

Große Tage: Landesmeister 1979

Rund fünf Jahre zuvor hatte man in Straßburg noch ausgelassen den „Hundertsten“ gefeiert. Zu diesem Anlass hatte der Sporthistoriker Pierre Perny dem Klub ein wunderbares Geschenk gemacht: Das Buch „Le Racing Club de Strasbourg, 1906 – 2006; De Neudorf à l' Europe (Von Neudorf nach Europa)“. Ein epochaler Wälzer: Auf knapp 350 Seiten konnte sich der geneigte Leser (allerdings in französischer Sprache) durch 100 spannende Vereinsjahre arbeiten. Mittlerweile ist das Buch ein gesuchtes Sammlerstück. Mit Glück lässt sich möglicherweise beim Autor direkt noch ein Exemplar ergattern.

100 Jahre Racing Club de Strasbourg – was waren das für aufregende Jahre – und Triumphe. 1979 holten die Blau-Weißen das erste und bislang einzige Mal die französische Meisterschaft. Bis heute stehen drei französische Cupsiege (1951, 1966, 2001), zwei Ligapokalsiege (1997, 2005) und darüber hinaus diverse elsässische Titel zu Buche.

Gilbert Gress – der Kultkicker

Die Liste derer, die das blau-weiße Jersey des RCS getragen oder das Team trainiert haben, ist illuster. In den 30er Jahren stürmte hier ein gewisser Oskar Rohr. „Ossie“, wie er gerufen wurde, entstammte der Mannheimer Fußball-Familie Rohr und ist der Großonkel von Gernot Rohr. 1932 schoss er den FC Bayern zur ersten deutschen Meisterschaft. In Frankreich spielte er als Profi und wurde von den Nazis als Fahnenflüchtiger, der sich dem „Erbfeind“ verkaufe, verunglimpft. Noch heute steht „Ossie“ in der Liste der besten Racing-Torschützen ganz oben.

Der Weg nach Straßburg war keine Einbahnstraße. Ende der 60er hatte Fußball-Beatle Gilbert Gress seinen ganz großen Auftritt, als er zum VfB Stuttgart in die Bundesliga wechselte. Dank Gress konnte man sich im eher konservativ orientierten Schwabenland auch außerhalb des Stadions über etwas Glamour freuen. Weitere bekannte „Strasbourgeois“ sind Karim Haggui (Hannover 96), Arthur Boka (VfB Stuttgart) Thomas Allofs, Youri Djorkaeff, Raymond Domenech, Roger Lemerre, Jean-Pierre Papin, Arsène Wenger, Wolfgang Rolff, José Luis Chilavert, Alexander Mostovoi, Valérien Ismael, Jürgen Sundermann, Walter Kelsch, Didier Six und Franck Leboeuf.

Fluchtpunkt Meinau

Anfang der 70er rüttelte der Bundesliga-Skandal den deutschen Fußball durcheinander. In dieser Zeit wurde Straßburg für zwei Schalker zur Fluchtburg. Für einen Kleckerbetrag hatten Reinhard „Stan“ Libuda und Heinz van Haaren ihren Ruf und ihre Karriere aufs Spiel gesetzt. Sie wurden von der DFB-Gerichtsbarkeit gesperrt und wechselten ins Elsass. An „Stan“ Libuda erinnert sich Buch-Autor Pierre Perny noch bestens: „An jenen Tag werde ich mich mein Leben lang erinnern. In einem zum Bersten gefüllten Stade de la Meinau traf Racing auf St. Etienne. Das Spiel sollte 0:0 enden. Libuda spielte auf dem rechten Flügel. Es ist das erste und auch das einzige Mal in meinem Leben gewesen, dass ich gesehen habe, wie ein Spieler seine Gegenspieler, egal mit wem er es auch gerade zu tun hatte, reihenweise lächerlich gemacht hat.“ Nach Ansicht von Perny gehörte Libuda zu jener Zeit neben George Best zu den weltbesten Außenstürmern.

Brüderpaar an der Spitze

Den ersten Schritt zurück nach oben hat Racing schon gemacht. In der Spielzeit 2011/12 konnte man die Meisterschaft der CFA 2 erreichen und so den Aufstieg in die vierte Liga, das Championnat France Amateur, sicherstellen. Der Klub hat Wahnsinns-Fans. Sie gehen mit Racing durch dick und dünn. In der fünften Liga konnte Racing einen Zuschauerschnitt von rund 6400 Besuchern verzeichnen. Eine sensationelle Zahl, die hierzulande so mancher Zweitligist nicht vorweisen kann. Die RCS-Fans pflegen eine Fanfreundschaft mit dem Karlsruher SC und allein schon deshalb ist auch der Kontakt zu den Fans von Hertha BSC sehr gut.

Zurzeit steht ein Brüderpaar an der Spitze des Racing Club de Strasbourg Alsace, wie der Klub seit 2011 offiziell heißt: die früheren Racing-Profis Marc Keller und François Keller, der jüngere Bruder. Marc, ein ehemaliger England-Profi, der sich als Stürmer beim KSC auch in der Bundesliga einen Namen gemacht hat, bekleidet den Posten des Managers. Zusammen mit zehn anderen Anteilseignern hat er den Klub von Vorgänger Frédéric Sitterlé zurückgekauft. Dies ist seine zweite Amtszeit als Racing-Manager. Keller hatte den Klub schon direkt nach seinem Karriereende von 2001 bis 2006 geführt. Später war er dann zu AS Monaco gewechselt.

François Keller ist schon seit längerer Zeit im Trainerstab von Racing tätig. Früher war er für die U 19 und die U 23 verantwortlich, seit 2011 trainiert er die „Erste“. Fragt man den Racing-Coach nach seiner Einschätzung der aktuellen Lage, so bekommt man eine klare Antwort: „Die Situation, in der wir uns derzeit befinden, ist das Resultat von fünf Jahren Missmanagement durch die verschiedenen Eigentümer. Sie kamen zum Fußball, weil sie glaubten, hier Geld verdienen zu können.“ Diese fünf Jahre, so Keller, seien von Fehlbesetzungen bei Spielern und auf Schlüsselpositionen im Klub geprägt gewesen. So sei eben das eigentlich Unmögliche eingetreten.

Der bodenlose Abstieg hatte für den einstigen Elsässer Vorzeige-Klub fatale Folgen. Die Probleme beginnen schon im Nachwuchsbereich. François Keller: „Wir haben durchaus den Ehrgeiz, die besten Spieler aus dem Département Bas-Rhin (Unterelsass) in unseren Jugendteams zu haben.“ Durch den Verlust des Profi-Statutes und des Nachwuchsleistungszentrums, so Keller, ist es dem Klub allerdings verboten, außerhalb des Elsass Spieler anzuwerben.

Ziel: 2. Liga in vier Jahren

Die Ziele in der Meinau sind klar gesteckt. Binnen der nächsten beiden Jahre will François Keller den nächsten Schritt nach oben machen. In vier Jahren soll Racing zurück in Liga 2 sein. Um wieder ganz nach oben zu kommen, zeigt sich Keller realistisch, wird man wohl einen Zeitraum zwischen fünf und zehn Jahren einplanen müssen.
Es gibt reichlich Binsenweisheiten, die Geld eine negative Auswirkung auf den menschlichen Charakter zuschreiben. Dazu kommt: Nur weil einer zufällig Geld hat, muss er nicht zwangsläufig zu den Kompetenten im Lande zählen. Wer zweifelt, dem sei das Studium der Vereinshistorie des Racing Club de Strasbourg Alsace ans Herz gelegt.
Lassen wir Racing-Trainer François Keller noch einmal zu Wort kommen. „Heutzutage“, sagt er, „sind Anteilseigner oft reiche Leute, die sich aber nicht auf die Kompetenz derer verlassen, die schon lange im Bereich Fußball arbeiten“. Die Probleme, so Keller, beruhten oft darauf, dass man einfach bei der Wahl der Entscheidungsträger auf die falschen Personen setze. Die Fehler zu korrigieren dauert in der Regel weitaus länger als sie zu machen…

Von Winfried Weber

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