Mein Fußball-Woche

29.12.2013

Nadelstiche aus der schlesischen Metropole

Breslau verfügte vor dem Krieg über eine ganze Kollektion hervorragender Mannschaften und war Schauplatz fußballerischer Großereignisse

Breslau, die heute mit etwa 630.000 Einwohnern viertgrößte Stadt Polens, ist die Wiege des Fußballs in Schlesien und war gemeinsam mit dem oberschlesischen Hüttenrevier auch die Hochburg des Sports in der Region. Breslau verfügte dabei gleich über eine ganze Kollektion hervorragender Fußballteams.

Fußball kam 1892 nach Breslau, als im Alten Turnverein Scheitnig eine entsprechende Abteilung ins Leben gerufen wurde. Initiator war der lange in Berlin wirkende englische Fußballpionier Tom Dutton, dessen Sohn Erwin Dutton später in die deutsche Nationalmannschaft berufen wurde. Als es im November 1898 zu einem Krach zwischen den Turnern und den Fußballern kam, entstand mit dem FC Breslau (später VfB) der erste richtige Fußballklub. Im Februar 1903 wurde in Breslau auch der erste Fußballverband im südostdeutschen Raum ins Leben gerufen, und 1909 vergab der DFB das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft aus Propagandagründen nach Breslau.

Zwar feierte keiner der zahlreichen Vereine der Stadt überregionale Erfolge, vereinzelt aber vermochten Breslauer Teams durchaus Nadelstiche zu setzen. Herausragend der 4:3-Verlängerungssieg des Breslauer SC 08 gegen den FC Bayern München im Viertelfinale um die Deutsche Meisterschaft 1929. Bereits 1920 hatten die Breslauer Sportfreunde als erster schlesischer Klub das Halbfinale um die „Viktoria“ erreicht. Der größte Erfolg des schlesischen Fußballs aber war der Gewinn des Kronprinzenpokals 1928, an dem Breslauer Spieler elementar beteiligt waren. Beim 2:0-Endspielsieg vor 35.000 Zuschauern am 29. April 1928 in der Schlesierkampfbahn Breslau lief folgende Elf auf: Reisner, Woydt (Sportfreunde), Krause (Alemannia), Biesinger (BSC 08), Lehmann (Viktoria Forst), Langer, Siems (VfB), Blaschke (BSC 08), Stauer (SSC Oels), Boxhammer (Saganer SV) und Bergel (Sportfreunde).

Breslauer FV 06

Die in Oswitz ansässigen Blau-Weißen gehörten zu den ambitionierten Klubs der Stadt. 1906 durch Mitglieder des Turnvereins Vorwärts gegründet und zunächst SC Pfeil genannt, fusionierte man 1912 mit dem SV Corso Breslau zum Breslauer FV 06. Die 06er eröffneten 1920 an den Oswitzer Friedhöfen eine Sportanlage, auf der sie im Verlauf der späten 1920er und 1930er Jahre zahlreiche Erfolge feierten. 1927 erreichten sie als Südostdeutscher Meister sogar die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft, in der man dem VfB Leipzig mit 0:3 unterlag. Drei Jahre später avancierte der 06er Richard Hanke zum ersten Breslauer im Nationalteam. Beim 1:1 gegen Norwegen erzielte Hanke den deutschen Treffer. Später schaffte es zudem BFV-Schlussmann Bauer in den erweiterten Kreis der Nationalmannschaft. Der BFV 06 gehörte 1933 zu den Gründungsmitgliedern der Gauliga Schlesien, in der man jedoch über eine Rolle im gehobenen Mittelfeld nicht hinauskam.

SC Hertha Breslau

Sportlich nicht herausragend, zugleich aber einer der beliebtesten Vereine der Stadt – der 1915 gegründete SC Hertha zählt zu den großen Namen im Breslauer Fußball. Die Schwarz-Gelb-Weißen waren an der Schönstraße ansässig und gehörten 1933 zu den Gründungsmitgliedern der Gauliga Schlesien, in der sie allerdings nur sporadisch für Furore sorgen konnten.

Schlesien Breslau

Gemeinsam mit dem VfR Breslau das führende Team der Stadt vor dem Ersten Weltkrieg. Der Schlesien-Platz in Kleinburg war 1909 Schauplatz des Endspiels um die Deutsche Meisterschaft zwischen Phönix Karlsruhe und Viktoria 89 Berlin (4:2). 1905 war der Verein erster schlesischer Teilnehmer an der Endrunde um die „Deutsche“ und mit einem 5:1 über Alemannia Cottbus sogleich erfolgreich. Zum anschließenden Vorrundenspiel gegen Victoria 96 Magdeburg konnten sich die Breslauer die Anreise allerdings nicht leisten. 1906 und 1907 wurden die Weiß-Gelb-Weißen jeweils Südostdeutscher Meister und scheiterten in der Endrunde um die Deutsche an der Hertha (0:7) bzw. an Viktoria 89 (1:2). Nach dem Ersten Weltkrieg endete die Ära des Klubs, der 1921 zum letzten Mal das Halbfinale der Regionalmeisterschaft erreichte. 1934 fusionierte Schlesien Breslau mit dem Altrivalen VfR Breslau zum VfR Schlesien, der bis Kriegsende unterklassig spielte.

Breslauer SC 08

Erfolgsreichster Breslauer Klub der 1920er Jahre. 1908 gegründet, erreichten die Blau-Schwarzen 1925 erstmals die Endrunde um die Deutsche und sorgten dort mit einem 2:1-Achtelfinalsieg über den VfB Leipzig sogleich für eine Sensation, ehe gegen den 1. FC Nürnberg das Aus kam. 1926 schaltete man als Südostmeister zunächst den Dresdner SC aus, um im Viertelfinale gegen die SpVgg Fürth nach großem Kampf mit 0:4 zu verlieren. 1928 waren die 08er selbst Opfer einer Sensation, als sie dem Baltenmeister VfB Königsberg mit 2:3 unterlagen. Dann kam das Jahr 1929, dem der Breslauer SC 08 seinen Stempel aufdrückte. Im Achtelfinale revanchierten sich die an der Roonstraße in Gräbschen ansässigen 08er zunächst gegen den VfB Königsberg (2:1), ehe sie im Viertelfinale beim 4:3-Verlängerungssieg auf dem VfB-Platz in Grüneiche gegen den FC Bayern München für eine der größten Sensationen in der deutschen Fußballgeschichte sorgten und als zweiter Klub aus dem deutschen Osten ins Halbfinale einzogen. Dort stoppte die in ihrer Blüte stehende SpVgg Fürth beim 6:1 rüde den Siegeszug der Breslauer. 1932 standen die Blau-Schwarzen zum letzten Mal in der Endrunde und verloren gegen Holstein Kiel mit 1:4. Ein Jahr später formte man gemeinsam mit dem langjährigen Rivalen Breslauer Sportfreunde die Breslauer SpVg 02, die aber nicht an die alten Erfolge anknüpfen konnte.

Breslauer SpVgg 02

Der 1933 durch den Zusammenschluss von Breslau 08 und Sportfreunde gebildete Großklub sollte einen Gegenpol zu den erfolgreichen Mannschaften aus dem schlesischen Hüttenrevier darstellen, die den Breslauer Mannschaften im Verlauf der späten 1920er Jahre den Rang abgelaufen hatten. Der Zusammenschluss war ein Akt der Vernunft. Die Sportfreunde hatten ihr Gelände am Rande des Südparks wegen eines Wohnungsbauprojektes verloren, und das 08-Gelände in Gräbschen war zu klein. Gemeinsam schuf man sich am Hardenberghügel in Gräbschen ein neues Areal, aus dem später in Polen das Slask-Stadion wurde. Sportlich verpasste der Klub jedoch sein Ziel und kam in der Gauliga Schlesien nicht über eine Mitläuferrolle hinaus. Daran änderten auch die Auswahlspieler Fritz Langner (später u.a. Trainer auf Schalke), Alfred Pavlitzki und Leo Seel nichts. Erst 1942 erreichten die 02er erstmals die Endrunde um die Deutsche Meisterschaft und schieden nach einer 1:2-Verlängerungsniederlage gegen den Planitzer SC bereits in der Vorrunde aus.

Breslauer Sportfreunde

Kommerz und wirtschaftliches Denken sind keine Phänomen der Fußballmoderne, sondern fand auch in der Pionierzeit des Spiels schon statt. 1913 bündelten auf Anregung einiger potenter Mäzene Preußen und SC 04 Breslau 04 die Kräfte zu den Vereinigten Sportfreunden, die, schlagzeilenträchtig verstärkt durch den Leipziger Nationalspieler Camillo Ugi, bereits 1914 erstmals das Endspiel um die Südostdeutsche Meisterschaft erreichten. Damals noch mit 1:3 gegen Askania Forst unterlegen, brach nach dem Ersten Weltkrieg die große Zeit der Schwarz-Weiß-Gelben an. Von 1920 bis 1924 wurden die Sportfreunde um Rechtsaußen Hermann „Monni“ Pola alljährlich Südostdeutscher Meister und schafften 1920 mit einem 3:2-Sieg über den Berliner Meister Union Oberschöneweide als erste Mannschaft aus den Ostgebieten den Sprung ins Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft. Dort kassierte man gegen die SpVgg Fürth eine 0:4-Niederlage. Der erhoffte große Durchbruch blieb dem Verein allerdings verwehrt, wobei die jeweiligen Endrundengegner allesamt zur Elite zählten (SpVgg Fürth, Hamburger SV, Hertha BSC und 1. FC Nürnberg). Nach Verlust seines Heimplatzes am Rande des Südparks 1933 vereinte sich der Heimatverein des späteren Bundesligatrainers Fritz Langner mit dem Stadtrivalen Breslau 08 zur Breslauer SpVg 02.

VfB Breslau

Das Urgestein des Breslauer Fußballs entstand 1898 aus der Fußballabteilung des Alten TV Scheitnig und war der erste Fußballklub in Breslau. 1908 eröffnete man in Grüneiche einen klubeigenen Sportplatz, doch die großen Erfolge wurden anderswo gefeiert. In den 1930er Jahren verpassten die Schwarz-Weißen sogar die Gauliga, in der sie im weiteren Verlauf lediglich zwei Kurzgastspiele absolvierten. Auf dem VfB-Areal Grüneiche ließ sich nach dem Zweiten Weltkrieg der KS Sleza nieder.

VfR Breslau

Dominierte vor dem Ersten Weltkrieg gemeinsam mit dem SC Schlesien den Fußball in Breslau und sicherte sich 1908 und 1910 jeweils die Südostdeutsche Meisterschaft. Zunächst auf dem Sportplatz Leerbeutel ansässig, ab 1913 dann in Opperau. Die beiden Endrundenteilnahmen 1908 und 1910 endeten mit Viertelfinalniederlagen gegen Wacker Leipzig (1:3) bzw. Tasmania 1900 Berlin (1:2). Nachdem man 1934 seine Sportanlage in Opperau aufgeben musste, kam es zur Fusion mit dem Langzeitrivalen SC Schlesien zum VfR Schlesien, der jedoch nicht über unterklassigen Fußball hinauskam.

Endrunden-Teilnahmen Breslauer Vereine um die Deutsche Meisterschaft

1905: Schlesien Breslau – Alemannia Cottbus 5:1 (1. Vorrunde, dann Verzicht gegen Viktoria Magdeburg). 1906: Hertha 92 Berlin – Schlesien Breslau 7:1 (Viertelfinale).
1907: Viktoria 89 Berlin – Schlesien Breslau 2:1 (Viertelfinale).
1908: VfR Breslau – Wacker Leipzig 1:3 (Viertelfinale).
1910: Tasmania Berlin-Rixdorf – VfR Breslau 2:1 (Viertelfinale).
1920: Breslauer Sportfreunde – Union Oberschöneweide 3:1 (Viertelfinale), SpVgg Fürth – Breslauer Sportfreunde 4:0 (Halbfinale).
1921: Breslauer Sportfreunde – Wacker Halle 1:2 (Viertelfinale).
1923: SpVgg Fürth – Breslauer Sportfreunde 4:0 (Viertelfinale).
1924: Breslauer Sportfreunde – Hamburger SV 0:3 (Viertelfinale).
1925: Breslauer SC 08 – VfB Leipzig 2:1 (Vorrunde), Breslauer SC 08 – 1. FC Nürnberg 1:4 (Viertelfinale). 1926: Breslauer SC 08 – Dresdner SC 1:0 (Vorrunde), SpVgg Fürth – Breslauer SC 08 4:0 (Viertelfinale). 1927: Breslauer Sportfreunde – SpVgg Fürth 1:3 und VfB Leipzig – Breslauer FV 06 3:0 (beides Vorrunde). 1928: Hertha BSC – Breslauer Sportfreunde 7:0 (vor 22.000 Zuschauern auf dem SCC-Platz) und Breslauer SC 08 – VfB Königsberg 2:3 (beides Vorrunde).
1929: VfB Königsberg – Breslauer SC 08 1:2 (Vorrunde), Breslauer SC 08 – Bayern München 4:3 n.V. (Viertelfinale), SpVgg Fürth – Breslauer SC 08 6:1 (Halbfinale).
1930: Breslauer Sportfreunde – 1. FC Nürnberg 0:7 (Vorrunde).
1932: Breslauer SC 08 – Holstein Kiel 1:4 (Vorrunde).
1942: SC Planitz – Breslauer SpVgg 02 2:1 n.V. (Vorrunde).

Endspiel um die Deutsche Meisterschaft in Breslau

1909: Phönix Karlsruhe – Viktoria 89 Berlin 4:2.

DFB-Länderspiele in Breslau

2. November 1930: Deutschland – Norwegen 1:1 (Torschütze Walter Hanke/Breslauer FV 06). 15. September 1935: Deutschland – Polen 1:0 (Torschütze Edmund Conen/FV Saarbrücken).
16. Mai 1937: Deutschland – Dänemark 8:0 (Torschützen: Otto Siffling/Waldhof Mannheim/5, Ernst Lehner/Schwaben Augsburg, Fritz Szepan und Adolf Urban/beide Schalke 04).
12. November 1939: Deutschland – Böhmen-Mähren 4:4 (Torschützen Franz Binder/Rapid Wien/4, Paul Janes/Fort. Düsseldorf).
7. Dezember 1941: Deutschland – Slowakei 4:0 (Torschützen Conen/Stuttg. Kickers/2, Fritz Walter/1. FC Kaiserslautern, Ludwig Durek/FC Wien).

Von Hardy Grüne

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Hinweis

Auszug aus einer 2014 erscheinenden Publikation über den deutschen Fußball in Ostpreußen, Pommern, Schlesien und Sudetenland. Weitere Infos: unter www.hardy-gruene.de

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