08.12.2017

Mitten aus dem Leben gerissen

In dieser Woche vor 65 Jahren

Große Anteilnahme: Auf einer Extraseite berichtete die Fußball-Woche von der Trauerfeier für Rudolf „Pepi“ Junik und dessen Beisetzung am 9. Dezember 1952.

In den frühen 50er Jahren hielt sich das Freizeitangebot in Berlin noch in bescheidenen Grenzen. Großer Beliebtheit erfreute sich bereits der Fußball in der damals im Sport schon geteilten Stadt. Begegnungen mit zweistelligen Besucherzahlen waren keine Seltenheit. So kamen zum letzten Hinrunden-Spieltag der Vertragsliga Anfang Dezember trotz bitterer Kälte knapp 20.000 Zuschauer zu den sechs Begegnungen.

Viktoria 89 verteidigte die Tabellenspitze durch einen schwer erkämpften 5:4-Erfolg bei Wacker 04 aufgrund des besseren Torverhältnisses vor dem SC Union 06, der sich bei Blau-Weiß 90 mit 3:2 durchsetzte. Auf Platz drei mit einem Punkt Rückstand folgte Titelverteidiger Tennis Borussia. Am Tabellenende der 13 Klubs umfassenden Spielklasse lag der SSC Südwest, davor Hertha BSC, beide erst einmal siegreich.


Spieler und Zuschauer waren an diesem Sonntag mit ihren Gedanken aber vor allem bei „Pepi“ Junik, der am 1. Dezember an den Folgen eines Verkehrsunfalls gestorben war. Der 29fache Berliner Auswahlspieler von Tennis Borussia, der eigentlich mit Vornamen Rudolf hieß, erfreute sich großer Beliebtheit in der Stadt. So schrieb die Fußball-Woche noch am 1. Dezember in ihrer Ausgabe: „Unser aller Gedanken waren bei ‚Pepi‘ Junik, der immer noch ohne Bewusstsein ist und dessen sportgestählter Körper einen verzweifelten Kampf um das Leben führt, den die gesamte Berliner Fußballgemeinde mit angehaltenem Atem verfolgt.“ Er sollte diesen Kampf nicht gewinnen.
Am Bußtag hatte Junik noch im Dress einer DFB-Auswahl beim 4:1-Erfolg gegen die Berliner Stadtmannschaft mitgewirkt. Der Stopper war zusammen mit vier anderen Berlinern in diese berufen worden, weil einige der vorgesehenen Auswahlspieler nicht rechtzeitig in Berlin eintrafen. Am Spieltag (!) hatte Junik noch bei Tennis Borussia ein hartes Training absolviert, so dass TeBe-Trainer Hans Uhlich überhaupt nicht mit der Abstellung seines Schützlings für die deutsche Auswahl einverstanden war. Als ein DFB-Vertreter beim Training der Borussen auftauchte, um mit Junik und Wenske zwei Borussen loszueisen, sagte Junik nach kurzer Bedenkzeit: „Na ja, wenn es sein muss, dann spiele ich eben!“. Sprach‘s , zog sich an, nahm eine Taxe, fuhr hinaus nach (West-)Staaken, wo er von Geburt an wohnte, holte seine Fußballsachen und kehrte schnurstracks zurück ins Olympiastadion.

Es sollte sein letztes Spiel sein. Drei Tage später verunglückte TeBes Abwehrsäule auf der Heimfahrt nach Staaken auf dem Brunsbütteler Damm. Zehn Tage später erlag der 32-Jährige seinen Verletzungen. Am darauf folgenden Sonntag ruhte auf allen Plätzen Berlins zum Gedenken an den langjährigen Auswahlspieler für eine Minute das Spiel.
„Pepi“ Junik trat 1931 dem TuS Staaken bei, spielte dann von 1942 bis 1944 beim LSV Berlin und im letzten Kriegsjahr für den BSV 92. Nach dem Kriege ging er noch einmal zum TuS Staaken zurück, ehe er 1947 Tennis Borussia beitrat. Mit den Borussen wurde er dreimal in Folge Berliner Meister.

Paul Rusch, damals 1. Vorsitzender des VBB (heute BFV), schrieb in einem Nachruf: „Einer der Großen aus der aktiven Fußballelite Berlins hat uns für immer verlassen. Ihn nicht mehr unter den Auserwählten zu wissen, obwohl seine Fähigkeiten seine repräsentative Berufung noch oft erwarten ließen, ist für uns alle ein schmerzliches Gefühl, dass wir es in Worten nicht auszudrücken vermögen.“
Die Trauerfeier fand am 9. Dezember in der Spandauer Lutherkirche statt. Spieler von Tennis Borussia und der Stadtmannschaft hielten die Totenwache. Danach setzte sich der Trauerzug durch die Straßen Spandaus in Bewegung. Tausende säumten den Weg bis zum Friedhof „In den Kisseln“, wo der Sarg noch einmal von Juniks Mannschaftskameraden bis zur Grabstelle getragen wurde. Fritz Gretzschel, 2. Vorsitzender von Tennis Borussia und später Manager des Berliner Box-Idols Bubi Scholz, stand der Witwe und dem achtjährigen Sohn Peter am Grabe zur Seite.
Die Meisterschaft sicherte sich in der Saison 1952/53 Union 06 vor dem Spandauer SV und Tennis Borussia. Absteiger waren Hertha BSC und der SSC Südwest, der danach nie mehr in der Vertragsliga auftauchte.

Von Rainer Fritzsche

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