Mein Fußball-Woche

25.01.2014

Mit einem Bein im Endspiel

Vorwärts-Rasensport Gleiwitz lehrte die großen deutschen Klubs in den 1930er Jahren das Fürchten

Er war einer der spielstärksten und erfolgreichsten Fußballvertreter der alten Ostgebiete: die Sportvereinigung Vorwärts-Rasensport Gleiwitz, ein Klub, der in den 1930er Jahren drauf und dran war, in die deutsche Fußballelite vorzudringen und 1936 nur knapp das Finale um die Deutsche Meisterschaft verpasste.

Gleiwitz, das heutige Gliwice, war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eines der Zentren der oberschlesischen Industrielandschaft. Vor allem die Eisenhüttenindustrie dominierte in der Stadt, die früh ans Eisenbahnnetz angeschlossen worden war und sich im 20. Jahrhundert zudem zu einer der lebendigsten Kulturstädte im deutschen Osten entwickelte. Allerdings geriet man auch immer wieder in die politischen Wirren jener Zeit. 1922 wurde Gleiwitz nach der Abtrennung von Ostoberschlesien Grenzstadt und am 31. August 1939 zudem zur Bühne des vorgetäuschten Überfalls auf den Sender Gleiwitz, mit dem der Zweite Weltkrieg begann.

Fusion im Jahr 1926

Zu jenem Zeitpunkt hatte die Sportvereinigung Vorwärts-Rasensport Gleiwitz den Namen der Stadt im ganzen Reichsgebiet bekannt gemacht. Der Klub ging auf eine im Jahr 1926 vorgenommene Fusion zurück. Damalige Partner waren die Fußballer des TV Vorwärts Gleiwitz sowie der 1909 gegründete Rasensportverein Gleiwitz. Vorwärts war der erfolgreichere Klub der beiden gewesen – 1919 und 1924 hatte man jeweils die oberschlesische Meisterschaft auf den Sportplatz am Kleinbahnhof Trynek geholt. Nach dem Zusammenschluss zur Sportvereinigung Vorwärts-Rasensport („VR“) gelang es den Grün-Weißen rasch, die lokale Vorherrschaft des VfB Gleiwitz zu brechen und zum Gegenspieler für den führenden Klub Beuthen 09 aufzusteigen.

Einer der Garanten dafür war Richard „Schaller“ Schaletzki, ein im südöstlichen Vorort Steigern aufgewachsenes Ausnahmetalent, das bereits mit 14 Jahren in der Ligaelf des VfB Gleiwitz debütiert hatte. 1933 war er mit 16 Jahren zu „VR“ gewechselt und fungierte dort als Nukleus einer in Schlesien nie zuvor erlebten Erfolgsgeschichte. Was da im städtischen Jahnstadion reifte, war erstmals 1933/34 zu erkennen, als die Grün-Weißen als Gaumeister von Schlesien durchs Ziel gingen. „Die Mannschaft spielt fair, ist schnell und kämpferisch bei durchwegs entsprechendem technischen Können“, stellte der „Fußball“ das Team vor der anschließenden Endrunde um die Deutsche Meisterschaft seinen Lesern vor. Am 7. April 1934 konnten sich 15.000 Zuschauer in Berlin auf dem alten SCC-Platz in Eichkamp vor allem von der Abwehrstärke der Schlesier überzeugen, denn Favorit Hertha BSC stand beim 2:0-Sieg mit Glücksgöttin Fortuna im Bunde. Im Rückspiel sorgte VR dann mit einem 2:1-Sieg für eine faustdicke Überraschung und setzte ein erstes Ausrufezeichen.

Den schlesischen Gaumeistertitel mit acht Punkten Vorsprung auf Preußen Hindenburg souverän verteidigend, war VR 1935 zurück auf Reichsebene. „Im allgemeinen Flachpass, gutes, raumgreifendes, abwechslungsreiches Zusammenspiel bei bevorzugtem Einsatz der besonders guten Außen. Die Mannschaft stellt sich, wenn vorteilhaft, auch auf halbhohes Spiel um. Schnelle Ballabgabe“, lobte der „Fußball“ nunmehr. Das Team aus dem schlesischen Hüttenrevier stand auf dem Zenit seiner Leistungsfähigkeit und war längst zum Liebling der Fans aufgestiegen.

Grandioses Schlussdreieck

Dem grandiosen Schlussdreieck um Torhüter Mettke und den Verteidigern Koppa und Kubus beispielsweise begegnete man zeitgenössischen Quellen zufolge in Gleiwitz mit ähnlicher Ehrfurcht wie der in Schlesien existenziell wichtigen Heiligen Dreifaltigkeit. Der schussstarke Rechtsaußen Plener war unterdessen zum ersten Nationalspieler der Stadt aufgestiegen. Insgesamt ging man mit urwüchsiger Kraft und Powerfußball zur Sache, was in der von harter körperlicher Arbeit geprägten Region natürlich gut ankam. Und dann war da noch „Schaller“ Schaletzki, halblinker Stürmer, Dribbelkünstler, Schusskanone und allgegenwärtiges Idol sowie Vorbild der Gleiwitzer Jugend. Ein Superstar nach heutigen Maßstäben.

5:2 gegen Werder als Türöffner

Nie zuvor hatte Oberschlesien so im Fußballfieber gesteckt wie im Frühsommer 1936. Der Auftakt in der Endrundengruppe 2 fiel für VR mit dem 0:3 bei Nordmarkmeister Eimsbütteler TV allerdings ernüchternd aus. Zwei Wochen später jedoch zeigte man sein anderes Gesicht und fegte Niedersachsenmeister Werder Bremen vor 6000 Zuschauern bei heftigem Regen- und Schneewetter im Jahnstadion von Gleiwitz mit 5:2 vom Platz. Deutschland staunte und sprach von einer Sensation. Acht Tage später lockte das Außenseiterduell zwischen VR und Viktoria Stolp 12.000 Zuschauer nach Hindenburg. VR erwischte einen Glanztag und ließ den in jeglicher Hinsicht überforderten Pommern beim 5:0 keine Chance. Plötzlich durfte man sich sogar Hoffnung auf das Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft machen! Das vom früheren Düsseldorfer Frauenkorn trainierte Team war nun nicht mehr zu stoppen. 4:2 im Rückspiel bei Werder Bremen, 4:1 auf eigenem Geläuf gegen den Eimsbütteler TV, 3:1 im abschließenden Gruppenspiel bei Viktoria Stolp – am 17. Mai 1936 war die Sensation perfekt, stand Vorwärts-Rasensport Gleiwitz im Halbfinale um die Deutsche Meisterschaft!

2000 schlesische Fans in Dresden

Dort traf man im Dresdner Ostragehege auf Fortuna Düsseldorf und damit den Deutschen Meister von 1933. Rund 2000 Schlesier waren unter den 15.000 Zuschauern, als die junge VR-Elf (ø 23 Jahre) eine weitere Glanzleistung abrief und nach 14 Minuten durch Pischzek mit 1:0 in Führung ging. Durfte Gleiwitz vom Finale in Berlin träumen? Dann nahm das Unglück seinen Lauf. Kurz vor der Halbzeitpause brach sich der rechte Läufer Josefus bei einer unglücklichen Aktion einen Arm. Auswechslungen gab es nicht, und so wurde er in der Pause schnell geschient. Josefus spielte mit gebrochenem Arm weiter. Bis zur 75. Minute vermochte sich der Außenseiter gegen den Sturmlauf zu erwehren, dann traf Zwolanowski zum 1:1-Ausgleich. Fünf Minuten später musste Josefus dann aufgeben, und in Unterzahl kassierten die Oberschlesier in der 84. Minute auch noch das 1:2. Während Düsseldorf ins Finale einzog, musste sich Gleiwitz mit dem Spiel um Platz drei begnügen, das gegen eine ob ihres Halbfinalaus gegen Nürnberg stinkwütende Schalker Knappenelf mit 1:8 verloren ging.

Triumph im Reichsbundpokal

1938 bot sich die Chance zur Revanche gegen Düsseldorf, doch in den Gruppenspielen um die Deutsche Meisterschaft setzten sich die Rheinländer diesmal souverän mit 3:0 und 3:1 durch. 1939 wiederum hatte VR erneut Pech, als man in sechs Endrundenspielen lediglich zwei Niederlagen kassierte – jeweils gegen die Ausnahmeelf von Schalke 04. Vor allem beim 1:2 im Hinspiel vor fast 40.000 Zuschauern in Breslau fehlte den Gleiwitzern das Glück. Im selben Jahr stellte VR mit Mettke, Koppa, Kubus, Wydra, Pischek und Plener den Stamm jener schlesischen Auswahlelf, die im Reichsbundpokal zunächst die Ostmark (also quasi die frühere österreichische Nationalmannschaft) ausschaltete und im Finale einen 2:1-Sieg gegen das mit sieben Nationalspielern angetretene Bayern feierte – einer der größten Erfolge in der Geschichte des Fußballs in Schlesien.

Nach Kriegsbeginn schloss sich mit Georg Wostel ein polnischer Nationalspieler von AKS Chorzów/Königshütte an, der mit der inzwischen vom Wiener und früheren Beuthen-09-Trainer „Guggi“ Wieser betreuten Elf auch 1940 und 1941 jeweils schlesischer Gaumeister wurde. In der Endrunde um die Deutsche Meisterschaft scheiterte man 1940 an Rapid Wien (1:3 in Wien, 2:2 in Bismarckhütte) und 1941 am Dresdner SC (zweimal 0:3). Erst der Krieg und seine Folgen stoppten den Gleiwitzer Erfolgsexpress. Plötzlich dominierten Soldatenmannschaften wie Germania Königshütte oder TuS Lipine, fiel die VR-Elf um die Nationalspieler Richard Kubus, Reinhard Schaletzki und Ernst Plener regional ins zweite Glied zurück. 1945 kam das Aus.

Endrunden-Teilnahmen der Sportvereinigung Vorwärts-Rasensport Gleiwitz um die Deutsche Meisterschaft

1933: Fortuna Düsseldorf – Vorwärts-Rasensport Gleiwitz 9:0 (Achtelfinale).
1935: Polizei Chemnitz – Vorwärts-Rasensport Gleiwitz 2:1 und 3:1, Hertha BSC – VR Gleiwitz 2:0 und 1:2, Yorck Boyen Insterburg – VR Gleiwitz 1:3 und 2:2 (alles Gruppenspiele).
1936: Vorwärts-Rasensport Gleiwitz – Werder Bremen 5:2 und 4:2, VR Gleiwitz – Eimsbütteler TV 4:1 und 0:3, VR Gleiwitz – Viktoria Stolp 5:0 und 3:1 (alles Gruppenspiele); Fortuna Düsseldorf – VR Gleiwitz 3:1 (Halbfinale); Schalke 04 – VR Gleiwitz 8:1 (Spiel um Platz drei).
1938: Fortuna Düsseldorf – Vorwärts-Rasensport Gleiwitz 3:1 und 3:0, BC Hartha – VR Gleiwitz 2:2 und 0:5, VfB Stuttgart – VR Gleiwitz 7:1 und 5:0 (alles Gruppenspiele).
1939: Schalke 04 – Vorwärts-Rasensport Gleiwitz 4:0 und 2:1, VR Gleiwitz – Wormatia Worms 5:3 und 2:1, VR Gleiwitz – CSC 03 Kassel 2:0 und 2:1 (alles Gruppenspiele).
1940: Rapid Wien – Vorwärts-Rasensport Gleiwitz 3:1 und 2:2, VR Gleiwitz – NSTG Graslitz 4:2 und 4:4 (alles Gruppenspiele).
1941: Vorwärts-Rasensport Gleiwitz – LSV Stettin 3:1 und 2:3, VR Gleiwitz – Preußen Danzig 4:1 und 0:0 (alles Gruppenspiele); Dresdner SC – VR Gleiwitz 3:0 und 3:0 (Entscheidungsspiele der Gruppensieger).

Meistertitel der Sportvereinigung Vorwärts-Rasensport Gleiwitz – Gauliga Schlesien (6):

1935, 1936, 1938, 1939, 1940, 1941.

Nationalspieler von Vorwärts-Rasensport Gleiwitz:

Reinhard Schaletzki (zwei Länderspiele/ein Tor – 1939 in Oslo gegen Norwegen/4:0 und in Tallinn gegen Estland/2:0 mit Schaletzki als Torschützen).
Ernst Plener (zwei Länderspiele/zwei Tore – 1940 in Frankfurt gegen Rumänien/9:3 mit Plener als zweifachen Torschützen und in Leipzig gegen Finnland/13:0).
Richard Kubus (ein Länderspiel – 1939 in Chemnitz gegen die Slowakei/3:1). Schaletzki spielte nach dem Krieg für die Stuttgarter Kickers, Kubus u.a. für Teutonia Uelzen. Plener verlor im Krieg ein Bein, lebte nach 1945 in Bad Kissingen, war dort im Versehrtensport aktiv und ein begeisterter Sitzfußballer.

Von Hardy Grüne

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Hinweis

Auszug aus einer 2014 erscheinenden Publikation über den deutschen Fußball in Ostpreußen, Pommern, Schlesien und Sudetenland. Weitere Infos: unter www.hardy-gruene.de

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