Mein Fußball-Woche

10.07.2016

Mit Cleverness und Konstanz

Sportfreunde Charlottenburg-Wilmersdorf: Nach zwei knapp verpassten Aufstiegen endlich am Ziel

Spaß hatten sie, die Sportfreunde Charlottenburg-Wilmersdorf, als bereits im April der Aufstieg in die Bezirksliga feststand. Für eine spontane Sekt- und Bierdusche hat's seinerzeit gereicht, für ein Mannschaftsfoto allerdings nicht. Foto: Verein

Natürlich könnte man die Geschichte mit reichlich Pathos aufplustern, schließlich war der Erfolgsweg der Sportfreunde Charlottenburg-Wilmersdorf nicht nur mit Triumphen gepflastert, sondern auch mit Tragödien. Den Aufstieg verpasste die Mannschaft zweimal in Folge denkbar knapp. Trotz ihrer technischen Fertigkeiten, trotz ihrer taktischen Disziplin und trotz ihres flotten Tempos. Kurzum: trotz eines phasenweise begeisternden Fußballs, der selbst die Trainer der Konkurrenz zum Schwärmen brachte. Das Scheitern und die Enttäuschungen, auch das fehlende Quäntchen Glück – das alles haben sie nicht vergessen bei den Sportfreunden. Trotzdem halten sich die Gefühlsregungen nun, da der Sprung in die Bezirksliga im dritten Anlauf geglückt ist, in Grenzen.  

Von großer Genugtuung will Thorsten Thielecke, gemeinsam mit seinem Trainerteam um Michael Konstabel und Michael Bredendiek der Vater des Erfolgs, jedenfalls nichts wissen. Stattdessen greift der Coach zur nüchternen Analyse. „Dass wir besser sind als im Vorjahr“, sagt Thielecke, „wusste ich schon vor dem ersten Punktspiel der Saison. Aber dass wir so dominant sein würden, hat mich dann doch überrascht.“ 


Die Gründe dafür sind schnell gefunden. Weil die Mannschaft im vergangenen Sommer fast komplett zusammenblieb, stand ein mehr als stabiles Gerüst zur Verfügung. Dazu angelten sich die Sportfreunde hochkarätige Verstärkung. In Person von Henning Chomse zum Beispiel, einem 26 Jahre alten Österreich-Import, der allein in der Hinrunde für 14 Tore gut war. Oder in Lukas Zoppke (26), der vom Oberligisten Hertha 03 kam, genauso wie in Verteidiger Arian Asani – sie alle schlugen auf Anhieb ein. Ein Qualitätssprung. 

Der Erfolg der Neuen erwies sich aber auch als Gewinn für die Etablierten. Sie bekamen die Entlastung, die in der Vergangenheit oft gefehlt hatte. Leistungsträger wie Topscorer Nils Pötting oder Dominik Puhst durften sich nicht nur über mehr Freiräume freuen, sondern mussten auch weniger Verantwortung stemmen, die nun auf mehrere Schultern verteilt wurde. „Als Mannschaft sind wir näher zusammengerückt“, sagt Thielecke (45), „wir waren in dieser Saison noch homogener, noch geschlossener.“ 
 
Wozu eine derart ausgewogene Teamchemie führen kann, bekamen die Gegner der 1. Abteilung schonungslos zu spüren. Mit zwei 5:0-Siegen rauschte Charlottenburg-Wilmersdorf in die Saison, erlaubte sich einen der spärlichen Patzer (1:4 bei Norden-Nordwest) und fuhr eine Woche später gleich den nächsten Kantersieg ein. Am Ende fanden sich nur zwei Spieltage, an denen die Thielecke-Elf nicht auf Rang eins stand. 

„Mental sind wir auf jeden Fall reifer geworden“, sagt Thielecke, „früher haben wir Spiele, in denen es etwas dreckig zuging, meist verloren.“ Als Paradebeispiel dafür taugte das Rückspiel gegen den BSV 92. Trotz 45 Minuten in Unterzahl siegte der Spitzenreiter im Topspiel mit 2:1. Tatsächlich ließ sich die Entwicklung der Sportfreunde auf zwei Begriffe verdichten: Cleverness und Konstanz. Als Erfolgsgaranten erwiesen sich dabei vor allem die beiden Sechser Kon-Ho Lee und Max Gellert. Lee als Dirigent der Defensive, Gellert als Mentalitätsmonster. Im Angriff wirbelten derweil Nils und Yannis Pötting, der flinke David Reich und natürlich Chomse. 

Die Bilanz des Meisters, sie fällt eindrucksvoll aus: 23 Siege, drei Unentschieden und zwei Niederlagen, 118:29 Tore. Kein Team der Liga brachte mehr Punkte zwischen sich und seinen direkten Verfolger (19), kein Team der Liga machte den Aufstieg früher perfekt. Bei Charlottenburg-Wilmersdorf sprudelte der Aufstiegssekt schon am 10. April aus den Flaschen, nach nur 21 gespielten Runden.

Für die Bezirksliga scheinen die Sportfreunde allemal bereit. „Wir wollen schnell lernen, worauf es ankommt“, sagt Thielecke, der einen Platz unter den ersten sechs anpeilt. Lange genug hat er mit seinem Team auf den Sprung in die Bezirksliga warten müssen. „Jetzt“, sagt der Coach, „jetzt müssen wir beweisen, dass wir dort auch hingehören.“ 

Die 118 Tore für Charlottenburg-Wilmersdorf erzielten:

N. Pötting (27), Chomse (19), Y. Pötting (14), Gellert, Lange, Lee, D. Reich (je 8), J. Bredendiek (6), Boldin (4), Asani, Meissner, B. Neumann (je 3), Kopal, Omidi, Sommer, Zoppke, dazu kamen ein Eigentor und zwei Tore per Wertung.

Von Jörn Lange

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